Von Angelika Franz
In der Tat hat sich das Betätigungsfeld der forensischen Anthropologen seit dem 11. September gewandelt. Vorher arbeiteten Forensiker strikt an der Aufklärung von Verbrechen. Seit 9/11 ist die Bedeutung dieser Disziplin, gerade was den humanitären Aspekt anbelangt, immer stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.
Ein Jahr nach dem Test in Manhattan kam der erste große Einsatz für das Far-Team. Im Februar 2003 ging bei einer pyrotechnischen Show einer Band der Tanzclub "The Station" in West Warwick, Rhode Island, in Flammen auf. Innerhalb von wenigen Minuten brannte das Gebäude lichterloh, im Feuer starben hundert Menschen.
Inzwischen hatte Gould Far in das Disaster Mortuary Operational Response Team (DMORT) eingegliedert, einen Verband von Bestattern, die sich nach Katastrophen um die Bergung der Leichen kümmern. Er bekam den Auftrag, die Brandstätte so aufzuräumen, dass am Ende kein Schaulustiger mehr irgendeine Hinterlassenschaft der Opfer einstecken und mitnehmen konnte. Sein Team trug 340 Eimer aus der Ruine, gefüllt mit den Resten von 88 Einzelfundstellen, darunter Gitarrenplektren und Kundenkarten von Supermärkten.
Die Temperaturen in West Warwick lagen zum Zeitpunkt des Brandes weit unter dem Gefrierpunkt. Für eine Nass-Spülung, sonst die beste Methode, um Kleinteile aus Schotter zu sieben, war es zu kalt. Die Helfer mussten Stück für Stück Eisbrocken aus dem Boden hacken.
Die Belohnung ist die Dankbarkeit der Familien
Dazu kam, dass der Ort noch von Spurensuchern und örtlichen Beamten wimmelte. Gould weiß, dass hier sein Schwachpunkt ist. "Ich bin an die Kritik von Kollegen gewöhnt, das macht mir nichts aus", sagt der Professor, "aber von offiziellen Verantwortlichen kritisiert zu werden, die keine Ahnung von unserer Arbeit haben, ist viel, viel schlimmer." Er gibt zähneknirschend zu, dass auch sie wahrscheinlich nur ihren Job so gut wie möglich machen wollen. "Aber manchmal ist das wie Armdrücken."
Nicht immer stimmen die Ziele der Verantwortlichen mit den Zielen Goulds überein. Zugangsbeschränkungen oder Nachrichtensperren können Goulds Arbeit hinfällig machen. Und so stellt er sich die Frage: "Kann die forensische Archäologie der Wissenschaft, der Regierung und den trauernden Angehörigen gleichermaßen dienen?"
Gould versucht zumindest, das Dilemma zu lösen. "Die Ziele der Regierung mögen nicht immer die unseren sein", sagt er, "aber einer muss den Job ja machen." Die Belohnung ist die Dankbarkeit der Familien, denen Far das Trauern möglich macht, weil er ihnen mit seiner Arbeit Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen verschafft: "Allein darum geht es bei dem, was wir tun."
Einsatz nach "Katrina": "Das war ein sehr schwerer Tag"
Der schlimmste Tag seiner Karriere ereignete sich im Spätsommer des Jahres 2005. Da war Gould mit seinem Team an der Golfküste, um nach dem Hurrikan "Katrina" zu helfen. Eine Woche lang identifizierte er Tote in Gulfport, Mississippi. Schließlich brachten sie Kinder in die improvisierte Leichenhalle, eines nach dem anderen. Goulds Erzählfluss gerät ins Stocken, wenn er davon erzählt: "Das war ein sehr schwerer Tag."
Danach half er selber bei der Bergung weiterer Opfer aus Krankenhäusern, Altenheimen und Schulen in New Orleans. Zuvor waren die Bergungsarbeiten nicht sonderlich koordiniert abgelaufen. "Es war schlimm. Wir hatten alle diese Toten, aber viele der freiwilligen Helfer brachten sie rein ohne Information über den Kontext oder den Fundort." Nicht nur deshalb sollte sich die Identifizierung der Katrina-Opfer als besonders schwer herausstellen. "Das Wasser hatte zudem alle Unterlagen der Zahnärzte zerstört – sonst eine gängige Methode für die Identifizierung von Toten."
Besonders wichtig ist es nach den Einsätzen, die Eindrücke psychologisch zu verarbeiten, ein sogenanntes "Debriefing" zu machen. Bei Feuerwehrleuten oder Polizisten geschieht dies oft in Gruppensitzungen: "Das halte ich für wenig sinnvoll", sagt Gould. "Jeder hat seinen ganz eigenen Weg, mit seinen Eindrücken umzugehen."
"Unendlich lohnenswert, aber sehr stressig"
Gould stellte ein Liste mit Namen von psychologischen Experten zusammen, mit denen er in der Vergangenheit gute Erfahrungen machte. Die kann er anrufen, wenn er oder jemand aus seinem Team eine persönliche Betreuung braucht. "Ich weiß selber nie, wie gut ich mit der nächsten Katastrophe werde umgehen können", sagt Gould. "Forensische Archäologie ist so unendlich lohnenswert, aber es ist auch sehr stressig. Eines Tages muss ich vielleicht aufhören."
Wenn man Gould reden hört, ahnt man, dass dieser Tag noch lange nicht gekommen ist. "Wir trainieren wie besessen für den Ernstfall, von dem wir uns alle fürchten", fasst er die Einstellung des Teams zusammen. "Aber", fügt er mit einem Grinsen hinzu, "wenn er da ist, möchten wir auch nirgendwo anders sein."
Das Szenario für den nächsten Gang ins Gelände hat sich Gould bereits ausgedacht: "Die Mafia hat eine Menge unliebsamer Zeugen aus dem Verkehr gezogen und hier in diesem Waldstück vergraben. Dann haben sie einen Tipp bekommen, dass die Polizei demnächst das Areal untersuchen will, haben die Leichen ausgegraben und woanders hingebracht. Doch sie haben Spuren übersehen: Gewebereste, Handys ..." Nach diesen minimalen Spuren wird Far am Wochenende suchen.
Zugleich ist die Übung das Vorspiel für die nächste Trainingseinheit: Denn die fiktive Mafia-Truppe aus Goulds Szenario transportierte ihre Opfer auf eine Schweinefarm in Massachusetts.
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