Von Ferda Ataman, Berlin
Ob es doch noch ein Wunder von Wien gibt? Die letzten Minuten laufen im Finale zwischen Deutschland und Spanien, und es ist noch mal Hochspannung unter den 600.000 Fans. So oft ist es bei dieser EM passiert, dass die schwächere Mannschaft das Spiel kurz vor Schluss dreht - und darauf hoffen sie auch hier in Deutschlands größter Fußball-Partyzone, auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor. Sie bangen, sie schreien bei jeder gefährlichen Szene, sie jubeln, Ah!, Oh! - und dann kommt der Pfiff. Aus und vorbei.
Keiner hatte wirklich erwartet, dass Deutschland verliert. Viele Jungs vorne an der Hauptbühne brechen in Tränen aus.
"Zweimal Glück wäre ja auch zu viel verlangt", sagt einer, der noch den knappen Sieg über die Türkei im Halbfinale im Kopf hat.
Um 10 Uhr morgens war es losgegangen auf der Fanmeile, und um 17.15 Uhr wurden die ersten Eingänge dichtgemacht, denn aus ganz Deutschland waren die Fans angereist - um hier in Berlin eine Neuauflage des WM-Sommermärchens von 2006 zu erleben. Diesmal bitte mit Meisterpokal.
Viele sind schon hemmungslos betrunken, als es dann um 20.45 Uhr endlich losgeht. Die aufgemalten Deutschlandfahnen im Gesicht sind verschmiert, Fans lallen die Deutschlandhymne, die Party geht los. Und in den starken ersten zehn Minuten von Joachim Löws Leuten ist die Euphorie geradezu greifbar.
In Minute 35 geht ein lautes Stöhnen durch die Massen. Danach Stille. 1:0 durch Torres. Keine jubelnden Spanier sind zu hören. Die wenigen hundert, die hierher gekommen sind, werden erst ganz am Ende vor der Bühne feiern.
Tim aus Rathenow sagt drohend: "Wenn wir verlieren, is hier wat los. Dann kippt die Stimmung." Vermummte mit Deutschlandfahnen im Gesicht pöbeln Spanier an. Die Polizei ist mit 1600 Männern und Frauen da, sie nehmen an diesem Tag insgesamt 17 Hooligans und Krawallmacher fest.
Nach dem Tor von Torres kippt tatsächlich die Stimmung - aber eher gegen die deutsche Mannschaft. "Steh uff!" - "Schießt ein Tor!" - "Wir wollen euch kämpfen sehen!" - "Wat machen die denn?" - "Ihr Deppen! Kommt schon, was soll das?" Nach der Halbzeitpause fordert einer gleich einen Teamtausch: "Alle raus, neue rin!"
Fünf Minuten vor Abpfiff haben die ersten genug, gehen nach Hause, weil sie es nicht mehr aushalten.
Als es dann vorbei ist, sagt einer: "Das hat sich einfach nicht gelohnt", und verlässt mit Zehntausenden anderen fix die Fanmeile. Wer bleibt, weint erst mal. Oder leistet Aufbauarbeit und macht trotz allem die Müden wieder munter.
Platz zwei, na und, jetzt ist Party: "Wir kommen aus München, und es ist saugeil!" ruft einer in die Kameras, "auch wenn wir nur Zweite geworden sind!" Einige klatschen, als die Vizemeistermedaillen an die Deutschen verliehen werden, nun erst recht. "Was seid ihr für Fans? 1:0 gegen Spanien ist auch was!"
Lange nach dem Abpfiff ist das dann auch die Linie von Angela Merkel, als sie im Fernsehen aufmunternde Worten an die Fußballnation richtet. "Im Finale zu stehen, ist schon toll", sagt sie, "sie haben gekämpft, es hat nicht gereicht". Und Blick nach vorne: "Jetzt gucken wir nach Südafrika", zur WM, "vielleicht steigern wir uns weiter so." Das, verrät sie, hat sie auch Michael Ballack gesagt: "Dass wir uns langsam hocharbeiten". An diesem Montag solle die Mannschaft in Berlin erst mal gefeiert werden, fordert die Kanzlerin.
Als vorher auf der Fanmeile das Erscheinen des Teams für Montagmittag am Brandenburger Tor angekündigt wurde, haben auffallend wenige geklatscht.
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