Von Andreas Lorenz, Peking
So lebt die Olympiastadt weit über ihre Verhältnisse. Schon seit Jahren bezieht sie jedes Jahr rund 400 Millionen Kubikmeter aus den Nachbarprovinzen, die sich gegenüber der Zentrale nicht wehren können.
Künftig wird sie sich noch von weiter her bedienen: Ein mehr als 1200 Kilometer langer Kanal soll Wasser aus dem Han-Fluss, einem Nebenarm des Gelben Flusses, nach Norden transportieren - Teil eines ehrgeizigen Milliardenprojektes, das über insgesamt drei künstliche Wasserwege den Norden versorgen soll.
Der Kanal werde zwar Erleichterung bringen, das Problem aber nicht grundsätzlich lösen, sagt Wasserexperte Liu. Denn über ihn kann nur ein Fünftel der von Peking insgesamt gebrauchten Menge herangeschafft werden.
Vorerst bedienen sich die Hauptstädter deshalb weiter bei den Nachbarn. Vier Stauseen in der Provinz Hebei haben sie sich reserviert. Wenn nötig, werden zu den Spielen 200 Millionen Kubikmeter von dort kommen.
Eines dieser Gewässer ist der Huangbizhuang-See, knapp 300 Kilometer südlich von Peking, der gewöhnlich Trinkwasser nur für die Industriestadt Shijiazhuang liefert. Eine große Mao-Statue wacht über ihn. In diesen Tagen wird der See noch strenger geschützt als sonst. Die Anwohner dürfen nicht mehr angeln, ein Spaziergang im Uferpark ist ebenso verboten wie das Abstellen von Autos in der Nähe des Sees. Denn das Wasser darf, so lautet die Direktive aus Peking, auf keinen Fall verschmutzt werden.
Die Bauern, die an der Staumauer ihre Felder bearbeiten, erhalten derzeit kein Tröpfchen aus dem Staubecken. Genauso ergeht es den Anwohnern der anderen drei Reservoirs in der Provinz Hebei - Peking geht vor.
Umweltschützer: Peking muss "schleunigst umdenken"
Und so bleibt den Landleuten nicht anderes übrig, als Grundwasser zu schöpfen. Rund zwei Millionen Brunnen haben sie in den vergangenen Jahren gebohrt. Den Strom für die Pumpen müssen sie mitunter teuer bezahlen. "Ich kann mir das nicht leisten", sagt ein kahlköpfiger Bauer an der Mauer des Wangkuai-Stausees, der sein kleines Maisfeld mit einer Hacke umgräbt. So hofft er jeden Tag auf Regen.
Bis das Wasser aus dem Süden eintrifft, wollen die Pekinger weiter Grundwasser nutzen - eine schlechte Lösung, wie Wissenschaftler Liu findet. Denn schon sackt die Erde an einigen Stellen ab, in der Nähe der Küste dringt Salzwasser in den Boden.
Peking müsse deshalb schleunigst umdenken und den vielerorts leichtfertigen Umgang mit dem Wasser stoppen. Golfplätze sollten geschlossen, Umweltsünder strenger bestraft, der Wasserpreis energisch angehoben werden, fordert Probe international.
Davon ist im neuen Wasserpark von Shunyi nichts zu spüren. Auch nach den Olympischen Spielen sollen sich hier die Pekinger vergnügen können. Wie lange das geht, ist unklar.
Wenn Peking nicht bald ernsthaft beginne, Wasser zu sparen, so fürchtet Umweltschützerin Dai Qing, "wird die Stadt schon bald nicht mehr existieren".
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