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21.08.2008
 

Deutsche Opfer

Madrider Flugzeugkatastrophe löst Entsetzen in Pullach aus

Aus Pullach berichtet Tobias Lill

Trauer und Fassungslosigkeit im Münchner Vorort Pullach: Vier Menschen aus der Gemeinde sind beim Flugzeugabsturz in Spanien wahrscheinlich ums Leben gekommen. Ihre Angehörigen werden von einem Seelsorger betreut - andere Hilfe haben sie abgelehnt.

Pullach - Heinz Deinlein ist fassungslos. Noch immer kann er kaum glauben, dass "eine Familie direkt aus der Nachbarschaft betroffen ist". Auf Krücken steht der alte Mann vor seinem Gartentor. Er wohnt nur wenige Meter entfernt von dem noblen Pullacher Haus der Familie M., der Familie, die vermutlich bei der Feuerkatastrophe am Madrider Flughafen ums Leben gekommen ist.

Haus der Familie M. in Pullach: "Jetzt habe ich Angst"
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AP

Haus der Familie M. in Pullach: "Jetzt habe ich Angst"

Mittlerweile ist klar, dass die 38 Jahre alte Mutter Claudia M., der 50-jährige Vater Gerd M. und ihre beiden Jungen am Mittwoch für den Flug nach Gran Canaria eingecheckt hatten. "Wir haben von den spanischen Behörden Hinweise, dass unter den Todesopfern vier Deutsche sind", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts am Donnerstag in Berlin. Dies stehe aber unter dem Vorbehalt der endgültigen Identifizierung, die noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde.

Neugierig beobachtet Deinlein die Fernsehteams, die sich direkt vor der Villa der Familie M. aufgebaut haben. "Nette und ruhige Nachbarn sind das immer gewesen", sagt er und fragt: "Wieso hat der Pilot trotz der Probleme ein zweites Mal zu starten versucht?" Eine Frage, die sich wohl viele in Pullach stellen. Vor allem wohlhabende Familien wohnen hier. Limousinen parken neben Kombis. Auch Gerd M. soll es als Unternehmer zu Wohlstand gebracht haben.

Ein paar Kinder, die mit dem Fahrrad durch die Straße fahren, sind verstört. Er habe mit einem der Söhne gemeinsam Fußball gespielt, erzählt ein Nachbarsjunge. "Jetzt habe ich Angst, wenn wir das nächste Mal mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen."

Auch beim SV Pullach ist die Trauer groß. Dort haben die beiden Söhne der Familie seit einigen Monaten Fußball gespielt. Michael Jelic, Jugendleiter des Clubs, hat den fünfjährigen Lukas trainiert. "Die Familie war total sympathisch und hat von Anfang an großen Gemeinschaftssinn gezeigt." Lukas und sein drei Jahre älterer Bruder Niklas hätten unmittelbar vor ihren ersten Punktspielen gestanden. "Lukas wollte immer nur spielen und hatte jede Menge Spaß dabei", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Der Weg zum Anwesen der Familie ist von bewaffneten Polizisten in Zivil versperrt. Schließlich leben im selben Haus auch die Eltern von Claudia M. Sie sollen erst am Donnerstagmorgen erfahren haben, dass ihre Tochter und ihre Enkelkinder vermutlich tot sind. "Sie werden von einem Seelsorger betreut", sagt Ludwig Waldinger, Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamts. Auf andere Angebote, etwa das Kriseninterventionsteam, hätten die Angehörigen verzichtet.

Im Inneren der Villa suchen Beamte der Spurensicherung derweil nach verwertbaren DNA-Spuren, um diese an die spanischen Kollegen weiterzugeben. "Die Gegenstände müssen klar zuzuordnen sein - etwa Zahnbürsten, Kleidungsstücke oder ein Rasierapparat." Waldinger weiter: "Vielleicht ist nur so eine zweifelsfreie Identifizierung der Leichen möglich."

Wer durch die dichten Bäume entlang des viele Meter langen Zauns vor dem Haus der Familie M. blickt, dem bietet sich ein idyllisches Bild. Der Rasen kurz gemäht, Sonnenblumen blühen im Beet. Vögel zwitschern. Ein paar Liegestühle stehen auf der Gartenwiese. Eine kleine Frisbeescheibe, die am Boden liegt, verrät, dass hier vor kurzer Zeit noch Kinder tollten. Nur die heruntergelassenen Vorhänge und Rollläden verraten, dass die Familie in den Urlaub wollte.

Am Nachmittag war die Hoffnung im Ort noch groß gewesen - trotz aller Befürchtungen. Die Nachricht, dass vier Deutsche, vielleicht sogar fünf, wahrscheinlich in der Unglücksmaschine gestorben sind, hatte sich noch nicht herumgesprochen. "Vielleicht sind sie ja doch nicht eingestiegen oder sind alle noch rechtzeitig rausgekommen", sagte die freundliche Dame vom katholischen Pfarramt am Telefon. Eine Andacht für alle Opfer solle es deshalb geben. "Wir hoffen, dass sie noch am Leben sind." Der Vater sei katholisch gewesen, die Mutter und die Kinder evangelisch.

Ein kleiner Rest Hoffnung bleibt: Ob tatsächlich alle Familienmitglieder unter den Todesopfern sind, lässt sich noch nicht mit letzter Sicherheit sagen. "Solche DNA-Tests dauern ihre Zeit", sagt Ludwig Waldinger vom Landeskriminalamt.

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