Madrid - Sie haben ihre Liebsten verloren und suchen nach den Verantwortlichen. Nach den Berichten über einen abgebrochenen Startversuch der Spanair-Unglücksmaschine mischt sich in die Trauer der Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes von Madrid tiefer Zorn.
"Obwohl das Flugzeug offensichtlich fehlerhaft war, ist es mit meiner siebenjährigen Nichte gestartet", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen der Trauernden. Vor der Messehalle, in die die Toten zur Identifizierung gebracht wurden, rief ein anderer wütend in die Kameras: "Ich bringe den Bastard um, der das getan hat." Eine Frau sagte unter Tränen: "Wir fordern nur Gerechtigkeit."
Die Fluggesellschaft Spanair wehrte sich am Donnerstag gegen den Verdacht, fahrlässiges Handeln habe das Unglück mit 153 Toten verursacht. "Alles, was wir mit dem Flugzeug getan haben, stand im Einklang mit den Regeln und Normen", sagte der Geschäftsführer der Fluglinie, Marcus Hedblom, in Madrid. Um den genauen Hergang des Unglücks zu verstehen, müsse der Ausgang der Untersuchung abgewartet werden, sagte Hedblom auf einer Pressekonferenz.
Das Unternehmen räumte ein, dass die Crew der abgestürzten Maschine vor der Katastrophe bereits einen Startversuch wegen technischer Probleme abgebrochen hatte. Nach Angaben des stellvertretenden Spanair-Geschäftsführers Javier Mendoza meldete der Pilot vor dem Unglücksflug ein Überhitzungs-Problem an einem Luftschacht unterhalb des Cockpit-Fensters. Offenbar war ein außenliegender Temperaturfühler defekt. Der Pilot sei zurück zum Gate gefahren.
"Das Heizproblem wurde behoben und durch Techniker von Spanair korrigiert", sagte Mendoza. Demnach "isolierten" die Techniker den Fühler, indem sie ihn ausschalteten und so funktionsunfähig machten. Dieses Vorgehen entspreche den Regeln, die die Handbücher vorgeben. Es sei zulässig gewesen, dass das Flugzeug anschließend gestartet sei. "Wir haben die Details dieser Situation noch einmal untersucht und sind gemeinsam mit Vertretern der zivilen Luftfahrtbehörde zu dem Schluss gekommen, dass hier nichts Anormales vorlag", sagte Mendoza weiter.
Flugschreiber gefunden
Die Flugschreiber der Maschine waren nach Angaben von Mendoza für eine Auswertung brauchbar, obwohl eines der beiden Aufnahmegeräte "offenbar ein wenig beschädigt" war. Die Fluggesellschaft kooperiere eng mit der Untersuchungskommission, betonte der Spanair-Vertreter. Spanair ist eine Tochter der skandinavischen Fluglinie SAS.
Verkehrsministerin Magdalena Alvarez hatte zuvor erklärt, die Piloten hätten nach einem ersten Startversuch technische Probleme gemeldet. Spanair-Techniker hätten die Maschine gewartet und dann grünes Licht für den Start gegeben. Nach Zeugenaussagen startete das Flugzeug mit einem brennenden Triebwerk.
Die Maschine mit 162 Passagieren und zehn Besatzungsmitgliedern an Bord war am Mittwochnachmittag über die Rollbahn hinausgeschossen und dann in Flammen aufgegangen. Nach Angaben von Alvarez flog die MD-82 etwa 50 Meter weit in einer Höhe von 200 Fuß und zerschellte dann. 19 Insassen überlebten das Unglück und wurden mit Verletzungen in Krankenhäusern behandelt. Vier der Überlebenden befanden sich nach Angaben der Gesundheitsbehörden in einem äußerst kritischen Zustand. Unter den Toten sind nach spanischen Angaben fünf Deutsche, das Auswärtige Amt ging zuletzt von vier deutschen Todesopfern aus.
Der Ausfall eines Triebwerks ausgerechnet beim Start ist zwar außergewöhnlich. Experten wiesen aber bereits darauf hin, dass allein dieser Defekt nicht der Auslöser für die Katastrophe sein könne. So könne ein Flugzeug auch mit nur einem funktionsfähigen Triebwerk fliegen. Piloten trainieren zudem regelmäßig den Notfall, mit einem defekten oder gar brennenden Triebwerk zu starten, wenn sich der Start nicht mehr abbrechen lässt.
Beschädigten Trümmerteile das Ruder?
Die spanische Behörde für Zivilluftfahrt äußerte die Vermutung, dass das brennende Treibwerk regelrecht auseinandergeflogen sein könnte. Teile könnten "wie Geschosse" umhergeflogen sein und das Ruder und das andere Triebwerk beschädigt haben, sagte ein Sprecher. Möglicherweise hätten die Piloten dann die Kontrolle über das Flugzeug verloren.
Helfen könnten möglicherweise Aufnahmen, die kurz nach der Katastrophe entstanden. Die stellvertretende Ministerpräsidentin María Teresa Fernández de la Vega erklärte, dass alle Bilder vom Unglück als Beweismittel betrachtet würden. Diese seien in den Händen der Ermittler. Ein Richter untersagte den spanischen TV-Sendern die Verbreitung von Aufnahmen, die am Absturzort selbst gedreht wurden.
Spanair, ein Partner der Lufthansa in dem Luftfahrtbündnis Star Alliance, kündigte an, weiter mit Maschinen des Typs MD-82 zu fliegen. Mehr als die Hälfte der Flotte der SAS-Tochter besteht aus Flugzeugen der 80er-Serie von McDonnell Douglas.
Bericht: Co-Pilot sollte entlassen werden
Verkehrsministerin Alvarez wies Presseberichte zurück, wonach bei der Katastrophe auch die finanzielle Misere von Spanair eine Rolle gespielt haben könnte. Die Gesellschaft habe alle Sicherheits-Checks an ihren Maschinen ordnungsgemäß vornehmen lassen.
Demgegenüber berichtete die Zeitung "El Mundo", bei Spanair hätten chaotische Verhältnisse geherrscht. "Die Fluglinie befand sich in einem Zustand des Verfalls", schrieb das Madrider Blatt. "Die Piloten mussten aufgrund von Personalmangel zuweilen die Aufgaben von Technikern miterledigen." Nur wenige Stunden vor der Katastrophe hatte die Gewerkschaft der spanischen Piloten eine Protestnote verbreitet, die Flugkapitäne von Spanair hatten in der Vergangenheit zudem immer wieder mit Streik gedroht.
Spanair schreibt seit längerem Verluste. Die Mutter SAS hat im Juli drastische Sparmaßnahmen und Stellenstreichungen angekündigt. "El Mundo" berichtet, dass auch der Co-Pilot von Flug JK5022 auf einer Entlassungsliste stand. Er starb im Wrack der MD-82.
phw/AP/Reuters/dpa/AFP/ddp
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