Havanna/New Orleans - In Kuba wurden mindestens 300.000 Menschen vor dem Sturm in Sicherheit gebracht. Auf der Isla de la Juventud südlich der kubanischen Hauptinsel riss der Hurrikan mit Windgeschwindigkeiten von 220 Kilometern pro Stunde Bäume und Telefonmasten um, fegte Dächer von Häusern und beschädigte Straßen.
Viele Regionen standen unter Wasser. Nach Angaben des Zivilschutzes gab es viele Verletzte, Berichte über Todesopfer liegen auf Kuba bislang nicht vor. Die meisten Menschenleben forderte "Gustav" auf Haiti.
In New Orleans versetzt "Gustav" die Einwohner fast auf den Tag genau drei Jahre nach "Katrina" in Angst und Schrecken. Die Behörden ordneten angesichts des heranrückenden Wirbelsturms "Gustav" die Evakuierung der Stadt für den heutigen Sonntag an. Bereits vor der offiziellen Anweisung von Bürgermeister Ray Nagin machten sich rund eine Million Menschen an der Golfküste mit Bussen, Zügen, Flugzeugen oder Autos auf den Weg ins Landesinnere.
Nagin bezeichnete "Gustav" als die "Mutter aller Stürme" und warnte die Einwohner davor, den Hurrikan nicht ernst zu nehmen. In der Stadt zurückzubleiben wäre "einer der größten Fehler, den Sie in Ihrem Leben machen können". Die Behörden würden keine Rettungsdienste aufrechterhalten, um Zurückgebliebenen zu helfen, betonte Nagin.
Auf den Straßen bilden sich lange Staus, an Tankstellen geht das Benzin aus. Am größten Busterminal in New Orleans entstand eine Warteschlange von rund 1,5 Kilometern Länge, als die Menschen auf die Busse zu den Notunterkünften warteten.
"Die Stadt hat sich nicht erholt"
Die ersten sind schon lange raus aus der Stadt. Ein Bus mit Armen und Alten etwa hat gegen 4 Uhr am Samstagmorgen New Orleans verlassen. Nach zehn Stunden Stau herrscht endlich freie Fahrt auf dem Highway. Doch wohin dieser sie führen wird, wissen die Passagiere nicht. Vielleicht ins mehrere hundert Kilometer entfernte Shreveport in Louisiana, vielleicht aber auch weiter nördlich nach Arkansas. Das kommt darauf an, ob in der geplanten Notunterkunft noch Betten frei sind.
Fast 50 Menschen sitzen in dem Bus, darunter auch der Möbelbauer Ramsey, der möglicherweise nie mehr in die Stadt zurückkehren will. "Ich habe mir eineinhalb Jahre gegeben, um es in New Orleans zu schaffen", erklärt der 51-Jährige. "Aber die Stadt hat sich nicht von 'Katrina' erholt, und es ist Zeit zu gehen." Sein Ziel ist Stone Mountain in Georgia, wo er Verwandte hat. Auch der 37-jährige Darryl Campbell will nicht zurückkommen. Er hat in New Orleans für Kost und Logis in einer Obdachlosenunterkunft gearbeitet.
Im Bus erklären nur wenige, sie wollten auf jeden Fall nach New Orleans zurück, egal was Hurrikan "Gustav" in der Stadt anrichtet.
Ähnlich wie in New Orleans ist die Situation in den umliegenden Gemeinden. In vier Wochen sollte die 52-jährige Kassiererin Beth Basile aus St. Bernard erfahren, ob sie endlich die erhofften Beihilfen für die Arbeiten an ihrem Haus bekommt, das wie die meisten Gebäude in der Gemeinde östlich von New Orleans von Hurrikan "Katrina" verwüstet wurde. Doch nun rückt Hurrikan "Gustav" mit Macht näher.
Hurrikan-Warnung für die gesamte Golfküste
Basile muss erneut aus der Stadt fliehen und befürchtet, dass es dieses Mal für immer sein könnte. "Wenn es so wie bei 'Katrina' wird, lassen sie uns vielleicht nicht zurückkehren", sagt sie. "Sie errichten vielleicht einen Zaun um die Gemeinde und sagen 'Geht weg'." Die Menschen in Gegenden wie St. Bernard, Lower 9th Ward und den Wohnwagensiedlungen an der Golfküste stehen Hurrikan "Gustav" besonders hilflos gegenüber.
St. Bernard besteht auch drei Jahre nach "Katrina" noch immer aus einem Flickenteppich: Renovierte Häuser stehen neben Wohnwagen und nackten Betondecken. Auch das rote X, mit dem Rettungshelfer nach dem Hurrikan einsturzgefährdete Häuser markierten, ist noch zu sehen. Maria DiMaggio hatte es fast geschafft. Nur noch einige Elektroarbeiten waren nötig, bis sie wieder in ihr Haus einziehen konnte. Die 42-jährige behinderte Frau muss gemeinsam mit ihrem 83-jährigen Vater bis zum 15. September den Wohnwagen räumen, den ihr die Behörden zur Verfügung gestellt haben. "Wir haben Fußböden, wunderschöne neue Fußböden", sagt sie. "Mein Haus ist noch nicht einmal ganz fertig und nun? Wird es wieder weggespült werden?"
Die Zwangsevakuierung von New Orleans soll am heutigen Sonntag um 8 Uhr Ortszeit in den Vierteln entlang des besonders gefährdeten Westufers des Mississippi beginnen, ab dem Mittag auch entlang des Ostufers. Meteorologen befürchten, dass "Gustav" die höchstmögliche Stufe fünf erreichen wird. Allerdings können sie noch nicht mit Sicherheit sagen, ob New Orleans direkt von dem Hurrikan getroffen wird. Es wird erwartet, dass "Gustav" am Montagnachmittag zwischen dem Osten von Texas und dem Westen von Mississippi auf die Südküste der USA trifft. Für die gesamte Golfküste galt eine Hurrikan-Warnung.
Angst vor der Sturmflut
Die Behörden wollten nach den Erfahrungen von 2005 kein Risiko eingehen. Der Bürgermeister wies darauf hin, dass die Dämme am Westufer des Mississippis noch nicht fertiggestellt seien. Eine Sturmflut könne die angrenzenden Stadtviertel unter Wasser setzen.
Viele Bewohner sagten, die erste Phase der Evakuierung laufe geordneter ab als vor drei Jahren. Ein System zur elektronischen Erfassung der Evakuierten funktionierte jedoch nicht und wurde fallengelassen.
Vor genau drei Jahren hatte Hurrikan "Katrina" die tiefliegende Stadt zu 80 Prozent überschwemmt, in der Region kamen insgesamt 1600 Menschen ums Leben.
Aus Krankenhäusern entlang der Golfküste wurden rund 500 Patienten mit Hubschraubern in Kliniken in Nordtexas gebracht. In New Orleans sagten Ladenbesitzer, der Verkauf von Waffen und Munition habe deutlich zugenommen. "Die Leute haben Angst, nach dem Sturm zurückzukehren", sagte einer von ihnen, Mike Mayer. "Sie wollen Schutz, wenn sie zurückkommen." Zusätzlich zu rund 1400 Polizisten waren 2000 Mitglieder der Nationalgarde in der Stadt, um mögliche Plünderungen zu verhindern.
Becky Bohrer, Allen G. Breed, Michael Kunzelman und John Moreno Gonzales, AP
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