Was lernt jeder Neuling im Kajak gleich auf der ersten Wildwassertour? Erst die Strecke einsehen, dann los. David Wilson und seine drei Freunde waren sogar sehr erfahrene Paddler und bereits seit zwei Tagen auf einem der wildesten Flüsse Australiens unterwegs, dem West Kiewa River im Bundesstaat Victoria. Sie kannten den Fluss gut, und deshalb nahmen sie es mit dem Auskundschaften der Strecke nicht mehr ganz so genau. Aber dann kam eine besonders scharfe Biegung im Flusslauf.
Die Strecke war versperrt, ein Baumstamm lag quer zur Strömung. Seine drei Freunde schafften es noch, daran vorbeizukommen, aber der 38-jährige Wilson fuhr direkt in die Falle. Kenterte, wurde von der Strömung unter den Baum gedrückt, steckte fest. "Unter solchen Umständen kann man die Luft nicht lange anhalten", sagte er jetzt in einem ersten Interview mit dem australischen Fernsehsender ABC. "Ich wusste, dass ich maximal eine Minute Zeit hatte."
Wer im Wildwasser Kajak fährt, gerät unter Wasser nicht gleich in Panik. Wilson versuchte also, sich aus dem engen Cockpit seines Bootes zu winden. Aber die Strömung des Kiewa war so brutal, dass er sich kaum drehen und wenden konnte. Eine Richtung ging - und da waren die Beine im Weg. Jetzt wurde die Luft langsam knapp. Verzweifelt stemmte er sich noch einmal gegen die Strömung - keine Chance. "Jetzt ist es also vorbei", dachte David Wilson. Doch dann kam dem Ingenieur aus Melbourne der verzweifelte Gedanke, wie er sich vielleicht doch retten konnte.
Gegen die Gewalt des Wassers kam er nicht an - aber wenn er diese Kraft nutzte, um seine Beine zu brechen?
Er hatte nur noch Sekunden. Stemmte sich wie zuvor gegen den Rand des Boots, das ihn gefangen hielt. Lehnte sich weiter in die Strömung. "Ich versuchte, den Hebel so groß zu machen, wie es nur ging. Und hoffte, dass die Beine brechen würden."
Dann brach das linke Bein, knapp unterhalb des Knies
Die letzten Sekunden seines Lebens liefen. Und dann knackten die Knochen im linken Bein, knapp unterhalb des Knies, Schienbein und Wadenbein, glatt durch. In einem solchen Moment wirkt Adrenalin wahrscheinlich stärker als jeder Schmerz. "Ich fühlte nur Erleichterung", sagte Wilson. "Ich rollte aus dem Boot, ich war frei."
Seine Freunde zogen ihn aus dem Wasser. Doch auch damit war die Tortur noch lange nicht zu Ende. Denn die vier Freunde waren meilenweit von der Zivilisation, von der nächsten Straße entfernt. Einer blieb bei Wilson und bastelte aus Zweigen notdürftige Schienen für das Bein, die anderen beiden liefen los, um Hilfe zu holen.
Doch als sie den nächsten Ort erreichten, war es dunkel und zu spät für einen Helikoptereinsatz. Der Polizist Wayne Handley packte seinen Rucksack. Decken, Zelte, Lebensmittel - und Morphin. Dann ließ er sich von den Paddlern zurück an den Unglücksort lotsen.
Wilson musste noch eine Nacht im Busch verbringen, bis endlich der Hubschrauber kam und ihn in die nächstgelegene Klinik flog.
"Absolut unglaublich", nannte der Chirurg Christopher Stephan Haw die Qualen Wilsons im Interview mit den neuseeländischen Onlinern von "Stuff". "Man braucht sehr viel Kraft, um diese Knochen zu knacken. Erstaunlich auch, dass die Sehnen gehalten haben und nicht gerissen sind, bevor die Knochen brachen. Ich kann natürlich nicht genau sagen, wie viel Druck es dazu braucht, weil das niemand weiß", sagte Wilsons Arzt. "Aber der Schmerz allein muss unvorstellbar sein."
Und David Wilson? Er sagt, dass er weiter im Wildwasser paddeln will. "Es ist ein wunderschöner Sport, und ich bin schon tausend Stromschnellen dieser Art gefahren." Sein cooles Fazit des Horrortrips: "Ich werde mir doch von einer unangenehmen Erfahrung den Spaß am Paddeln nicht verderben lassen."
oka
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