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23.10.2008
 

Ibiza

Vertrieben aus dem Paradies

Von Olaf Ihlau

Wie ein kleiner König thront der Musik-Produzent Michael Cretu auf einem riesigen Anwesen im Westen der Balearen-Insel Ibiza. Doch seinem Schloss mit 2000 Quadratmetern Wohnfläche droht nun der Zwangsabriss: Einheimische halten den Deutschen für einen Umwelt- und Bausünder.

Nein, das ist nun wirklich nicht zu bestreiten: Da hat sich einer sein irdisches Paradies geschaffen, ein Shangri-la auf einem Sonneneiland im Mittelmeer, von Palmen und Pinien umstanden und hohen Steinmauern beschützt.

Pop-Produzent Michael Cretu: "Jetzt wollen sie mir dies hier wegnehmen"
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Pop-Produzent Michael Cretu: "Jetzt wollen sie mir dies hier wegnehmen"

"Ich habe mir mit diesem Ali-Baba-Schloss einen Kindertraum verwirklicht", sagt Michael Cretu, 51, deutsch-rumänischer Musiker und Produzent elektronischer Popmusik mit über 40 Millionen verkauften Platten.

Dieses Schloss im Westen der Balearen-Insel Ibiza ist eher ein ganzes Dorf mit erlesenem Interieur. Ein Kleinod von gut 2000 Quadratmetern Wohnfläche nebst Tonstudios, verschachtelt aus rosafarbenen Kuben und Türmchen zu einem schlanken Gebäudekomplex, der sich an eine Hügelspitze schmiegt. Bei guter Sicht ist das spanische Festland zu erkennen, von Alicante bis hinauf nach Valencia.

La Puerta del Cielo, das Tor zum Himmel, nennen die ibizenkischen Bauern diesen Küstenabschnitt zwischen dem Zuckerhut des Cap Nonó und den bizarren Felsquadern der Punta Galera. Ein gesegnetes Stück Erde, über dem Cretu da thront. Wer ein rechtschaffenes Leben geführt hat, so der Volksglaube, gelangt hier nach seinem Tode an die Himmelsleiter, während die Sünder irdischer Verdammnis anheim fallen und verrotten.

Dass Cretu dereinst von seinem Schlafzimmer aus die Himmelsleiter betreten kann, wird zunehmend unwahrscheinlich. Viele auf der Insel glauben, dass er ein schlimmer Bausünder ist.

Cretu wollte auch baulich hoch hinaus

"Tor zum Himmel" lautet auch ein Song auf seinem soeben erschienenem neuen Album "Seven Lives, Many Faces", mit der wundervoll klingenden Stimme einer 62-jährigen Ibizenka. Cretu, der in Bukarest geborene Deutsche und ausgebildete Konzertpianist, hat 1990 unter dem Namen "Enigma" ein Sound-Design-Projekt gestartet, das Kritiker "Plastikmusik" nennen, das aber fabelhaft erfolgreich ist.

Cretu selber versteht sich als Alchemist. Wie ein verspieltes Kind vermischt er Töne von Instrumenten und technischen Geräten und spricht von "einer Art Space-Shuttle" zu bisweilen außerirdisch anmutenden Klangfluten.

So kam schon das erste Enigma-Album "MCMXC Anno Domini" als Aufreger daher, begleitet von einem Aufschrei der Kirche, weil darauf zu Gregorianischen Gesängen auch Lustgestöhn der Sängerin Sandra zu hören war, Cretus damaligen Ehefrau, mit der er zuvor schon den Welthit "Maria Magdalena" produziert hatte. Cretus Sakro-Pop brachte es weltweit in 24 Ländern 50 Mal auf Platz Eins der Hitlisten.

Der Erfolg mag Cretu zu Kopf gestiegen sein. Er wollte auch baulich hoch hinaus und die Spitze eines Berges besetzen. Das jedoch ist nach spanischem Umweltschutzgesetz verboten, obwohl die Bestimmungen eher verschwommen sind und der Flächennutzungsplan Ausnahmen zulässt.

Ausnahmen, besonders wenn es um Bauten von und für Touristen ging, haben in ganz Spanien die Bauunternehmer - und viele Bürgermeister - reich gemacht.

Exempel statuieren an einem prominenten Fremden

Cretu besaß clevere Anwälte und gute Freunde, als er 1997 mit dem Bau seines Mega-Anwesens begann. Damals regierte auf Ibiza die konservative Volkspartei des Insel-Paten Abel Matutes, seinerzeit Außenminister im Kabinett des Madrider Premiers José María Aznar. Beide schätzen den Enigma-Schöpfer sehr, er bekam alle erforderlichen Baugenehmigungen. Ein paar Naturschützer reichten Klage ein. Die lief sich in den Justizinstanzen fest.

Doch dann drehte sich der politische Wind. Der Protest gegen die gigantomane Bau- und Betonpolitik der Konservativen brachte Rot-Grün an die Macht, und es galt, alte Rechnungen zu begleichen.

Die Fundis unter den Naturschützern sorgten dafür, dass das Verfahren gegen Cretu wieder in Gang kam. Clevere Anwälte halfen auf einmal nicht mehr. Ein Beschluss des Verwaltungsgerichts, inzwischen bestätigt vom Obersten Gerichtshof in Madrid, verlangt den Abriss der Traumvilla bis zum 1. November.

Jetzt sollen die Bagger und Kräne mit der Abrissbirne anrücken. Wie im Fall Boris Becker auf Mallorca will offenbar auch Ibiza ein Exempel statuieren an einem prominenten Fremden. Da ist viel Neid und Missgunst im Spiel und auch ein gerüttelt Maß Ausländerhass von Ibizenkos, die ihre Insel von Horden sonnenhungriger Hedonisten besetzt sehen. Und natürlich gibt es auch auf Ibiza Hunderte Bausünden, die nicht geahndet und schlicht toleriert werden.

Sündenbock für architektonische Grausamkeiten

"Einem reichen Einheimischen wäre das kaum passiert", grollt Cretus Anwalt Jaime Roig und droht mit einer Klage über 18 Millionen Euro Schadenersatz. Keine Kommune auf Ibiza könnte das bezahlen, schon Zwangsräumung und Abriss würden Millionen verschlingen.

"Ich war froh, dem kommunistischen Ceaucescu-Regime zu entkommen, jetzt wollen sie mir dies hier wegnehmen", grämt sich Cretu auf den Stufen seines Domizils. Und in die Kummermiene mit dem graugelockten Haar sowie der wuchtigen Brille über dem Nasenzinken graben sich noch schärfere Sorgenfalten angesichts aufziehender Stürme, die er nicht mehr am Synthesizer kontrollieren kann.

Der Popmusiker hat das Gefühl, dass man ihn wegekeln will, dass er den Sündenbock abgeben soll für all die großen und kleinen architektonischen Grausamkeiten, welche die Völkerwanderung resteuropäischer Touristen und Regenflüchtlinge auf der einst bukolischen Insel hinterlassen hat.

Dabei ist Cretu mit seinem globalen Erfolg die angemessenste Werbung für eine Insel, die sonst doch von dem Ruf lebt, ein Tummelplatz für Europas Jeunesse dorée und andere Goldkettchenträger zu sein.

Er hänge gar nicht an Besitztümern, versucht der Producer sich tapfer zu trösten, bevor er sich in sein dunkles Tonstudio zurückzieht, "mein Leben ist meine Musik, und die kann mir niemand nehmen".

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