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18.11.2008
 

Mohrs Herzschlag

Mein Risiko, mein Herz, mein Leben

Er zweifelt, er hat Angst: SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr ist chronisch herzkrank - und soll nun einen Eingriff vornehmen lassen, bei dem Herzgewebe mit Stromschlägen zerstört wird. Kann eine Spezialistin in London seine Befürchtungen zerstreuen?

Das Royal Brompton and Harefield Hospital liegt in London im noblen Stadtteil South Kensington in der Sydney Street. Die Straßen hier sind wie geleckt, die Häuserfassaden äußerst elegant, Nobelboutiquen von Gucci, Schicci und Micci reihen sich aneinander.

Mein Bed & Breakfast ist schön und teuer, mein Zimmer so winzig, dass kaum das Bett hineinpasst, worauf sich allerdings sechs Kopfkissen stapeln. Das große Plus des Hauses: Das Ziel meiner Reise, Englands bedeutendste Herzklinik, ist nur drei Geh-Minuten entfernt.

Vor wenigen Tagen haben mir meine Ärzte in Hamburg - sowohl mein niedergelassener Kardiologe als auch die Experten in der Asklepios Klinik im Stadtteil St. Georg - geraten, eine Katheterablation an meinem Herzen machen zu lassen. Es wäre meine dritte.

Mein Herz hüpft, springt, rast mit unzähligen Extraschlägen

Bei solch einem Eingriff werden von beiden Leisten und dem linken oberen Brustbereich des Patienten mehrere Katheter ins Herz geschoben, mit Hilfe derer Gewebe in den Herzkammern zerstört wird. Ziel der wagemutigen Aktion: Die künstlich angelegten Narben sollen meine Herzrhythmusstörungen verhindern.

Mein katastrophaler Herzschlag ist der Grund der Reise, all meiner Arztbesuche der vergangenen Monate, meiner wachsenden Verzweiflung. Denn nur noch selten schlägt mein Herz regelmäßig, so wie es die Natur eigentlich vorgesehen hat. Die meiste Zeit hüpft, springt, rast es mit unzähligen Extraschlägen, mit Vorhofflimmern oder atrialen Tachykardien. Mein aktueller Herzschlag ist für mich, obwohl ich seit meiner Kindheit mit Herzrhythmusstörungen lebe, unerträglich geworden.

Hier in London will ich mir eine letzte Absicherung holen, ob die Entscheidung für eine Ablation, auf die ich mich innerlich schon eingestellt habe, auch die richtige ist.

Helfen soll mir die Kardiologin Sabine Ernst. Sie ist am Royal Brompton die wissenschaftliche Leiterin des Elektrophysiologischen Labors, wo solche Kathetereingriffe am Herzen durchgeführt werden. Die habilitierte Ärztin hat mich bereits vor Jahren im Krankenhaus St. Georg in Hamburg behandelt, unter anderem mit Elektroschocks meinen Herzschlag wieder normalisiert, wenn Medikamente mal wieder nicht mehr genützt haben.

Herr Mohr, ich würde Ihnen zu einer Ablation raten

Die erst 37 Jahre alte Wissenschaftlerin genießt in ihrem Metier einen exzellenten Ruf, erst vor wenigen Monaten besuchte der englische Premierminister Gordon Brown das Labor und lies sich von ihr die neuesten Behandlungsmethoden vorstellen.

Die deutsche Herzspezialistin in englischen Diensten breitet die von mir mitgebrachten EKGs aus, ordnet Arztberichte, notiert sich Stichworte. Wir reden über die Geschichte meiner Krankheit, über alte und neue Medikamente, über schon erfolgte Eingriffe. Nebenbei essen wir jeder ein Club-Sandwich, sehr lecker.

Für mich sind nur zwei Fragen entscheidend: Ist die mir empfohlene Katheterablation tatsächlich die beste Behandlungsmethode? Oder gibt es medizinische Alternativen?

Die eifrige Medizinerin mit dem strengen Pferdeschwanz malt das Modell eines Herzens auf ein Blatt Papier, zeichnet elektrische Leitungsbahnen ein, skizziert die vermuteten Ursprungsorte meiner Rhythmusstörungen.

Nach eineinhalb Stunden voller Fragen, Für und Wider kommt auch sie zur gleichen Erkenntnis wie meine Ärzte in Hamburg: "Herr Mohr, ich würde Ihnen zu einer Ablation raten."

Jetzt bin ich sicher, dass der Eingriff der richtige Schritt ist

Als ich an diesem Abend in der letzten British Airways Maschine von London nach Hamburg sitze, genieße ich den Blick über die Wolken. Ich fühle mich erleichtert. Ich bin dieser freundlichen, erstklassigen Ärztin dankbar. Denn jetzt bin ich mir sicher, dass der geplante Eingriff der richtige Schritt ist. Vielleicht werde ich nach all diesen Jahren der Krankheit wieder gesund sein.

Nun werden manche einwenden, dass es ein übertriebener Aufwand sei, sich wegen einer Katheterablation am Herzen Rat in London zu holen. Mag sein, aber für mich war es wichtig.

Denn nur wenn ich von einem Eingriff wirklich überzeugt bin, kann ich mit der richtigen Einstellung in eine Operation gehen: positiv, zuversichtlich, sozusagen siegessicher. Ja, der Eingriff ist sinnvoll! Ja, die Ärzte können das! Ja, die Behandlung hilft mir! Es ist wie bei einem Sportler: Wer von seinem Erfolg überzeugt ist, der hat bessere Chancen.

Und außerdem darf man als Patient nie vergessen: Trotz allem Wissen und Können der Ärzte, für oder gegen eine Operation muss schlussendlich ich, ich ganz persönlich, mich entscheiden. Es ist mein Risiko, mein Herz, mein Leben.

Den nächsten Teil lesen Sie am Mittwoch auf SPIEGEL ONLINE

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