Rom - Ende einer Ära: 80 Jahre lang übernahm der Heilige Stuhl automatisch die in Italien erlassenen Gesetze - so war es in den Lateranverträgen zwischen Kirche und Staat vereinbart worden. Seit dem Neujahrstag 2009 ist es damit endgültig vorbei.
Nach einem Bericht der BBC hat Papst Benedikt XVI. entschieden, den Kirchenstaat von dem parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren Roms unabhängig zu machen. Die Rechtsgelehrten des kleinsten Staates der Welt hätten ihm dazu geraten: Zu zahlreich seien die zivil- und strafrechtlichen Vorschriften inzwischen, zu unkonstant und außerdem widersprächen sie häufig den Prinzipien der katholischen Kirche. Künftig sollen sie daher von Fall zu Fall geprüft und nur bei Bedarf adaptiert werden.
Laut BBC reagierten italienische Regierungsvertreter mit Verständnis auf den legislativen Sonderweg des Heiligen Stuhls. Demnach räumte ein Minister ein, die Gesetze seien tatsächlich oftmals schlecht geschrieben und schwierig zu verstehen. Daher sei eine Sonderkommission des Parlaments beauftragt worden, die Gesetze zu überarbeiten und Zehntausende überflüssige Vorschriften zu streichen.
Darüber hinaus habe der Kirchenstaat auch entschieden, internationale Abkommen künftig nur nach eingehender Prüfung anzuerkennen. Zuletzt hatte sich der Vatikan dem Bericht zufolge geweigert, eine Uno-Erklärung zur Homosexualität zu übernehmen. Sie gehe deutlich zu weit, weil sie unterschiedliche sexuelle Orientierungen auf eine Stufe stelle, hieß es.
Fachleute halten laut BBC die neue gesetzgeberische Unabhängigkeit des Vatikans für strategisch motiviert. Auf diese Weise könne die Kirche sicherstellen, dass sie gleichgeschlechtliche Eheschließungen und aktive Sterbehilfe - sollten diese in Italien eines Tages legitim sein - nicht anzuerkennen bräuchte.
jdl
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