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30.01.2009
 

Folgenschwere Verwechselung

Abrissunternehmen demoliert falsches Haus

Von Barbara Hans

Peinlicher Lapsus im pfälzischen Dudenhofen: Auf einer Industriebrache sollen edle Lofts und Shops entstehen, die Bagger rücken an - und demolieren das falsche Gebäude. Jetzt prangt ein stattliches Loch im Giebel.

Hamburg - In Dudenhofen wohnen rund 6200 Menschen, die Mehrheit von ihnen ist katholisch, und eigentlich geht es ihnen gut. Damit es den Dudenhofern noch ein bisschen besser geht, sollen auf dem inzwischen brach liegenden Gelände der Fabrik J. Walter Söhne im Herzen des Ortes einige Mehrgenerationenhäuser, noble Lofts und zwei Supermärkte entstehen.

J. Walter Söhne begann vor mehr als 120 Jahren mit der Herstellung von Großkücheneinrichtungen: Backbleche, Backformen, Fleischerplatten - alles made in Dudenhofen. Das 18.000 Quadratmeter große Gelände grenzt an die Raiffeisenstraße. Die rund 200 Meter lange Fassade ist geschlossen, sie besteht aus Klinkerbauten aus den zwanziger Jahren, Jugendstilhäusern, einem alten Torbogen mit einer Uhr und auch einem Keller mit einem Fundament aus dem 17. Jahrhundert.

"Das ist nicht gerade Sanssouci", sagt Dudenhofens Bürgermeister Clemens Körner SPIEGEL ONLINE. "Aber das Gelände ist städtebaulich bedeutsam."

So bedeutsam, dass die Fassade des Firmengeländes unter Denkmalschutz gestellt wurde. "Immerhin war J. Walter Söhne der Arbeitgeber von Generationen von Dudenhofer Familien", begründet der Bürgermeister.

Das Ziel: Bessere Einsicht

Die Firma Weidenhammer, die das Grundstück vor rund einem Jahr kauft, entwickelt ehrgeizige Pläne zur Bebauung. Denen steht einzig das Haus von Familie Beck im Weg. Es grenzt unmittelbar an das J.-Walter-Söhne-Gelände - und muss dem geplanten neuen Mittelpunkt der Stadt weichen.

Für viel Geld kaufte Weidenhammer den Zweifamilienbau aus den sechziger Jahren, um "bessere Einsicht zu gewährleisten", wie Marc Furrer, Ingenieur bei Weidenhammer, SPIEGEL ONLINE sagt. Bessere Einsicht heißt: Die Wohnungen und die beiden Supermärkte sollen auch von der Hauptstraße gut zu sehen sein. Laut der Stadt soll der Becksche Grund künftig auch der Zufahrt zu dem ansonsten schwer erreichbaren hinteren Teil des Fabrikgeländes dienen.

Weidenhammer einigte sich mit Familie Beck, kaufte das Haus in der Absicht, es abzureißen und beauftragte die Abbruchfirma Engelhorn. Deren Angestellte rückten bereits am Montag aus und arbeiteten an der Entkernung der Fabrikhallen auf dem hinteren Teil der Industriebrache - denkmalgeschützt ist lediglich die Fassade an der Straße.

Drei Tage arbeiteten die Leute von Engelhorn tadellos.

Probleme aber gab es an Tag vier, dem gestrigen Donnerstag.

Der Weg: ein Abriss

Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch im Rathaus macht Bürgermeister Körner durch die Scheibe seines Autos eine überraschende Entdeckung: Die Angestellten von Engelhorn haben die Abrissbirne aufgestellt und eifrig mit der Demolierung des Gebäudes begonnen.

Doch das mehrere Meter große Loch klafft nicht im Dachstuhl des Hauses der Familie Beck - sondern in der denkmalgeschützten Fassade der Firma J. Walter Söhne.

Körner eilt ins Rathaus, informiert alle Beteiligten, stoppt den Abriss.

Investor Weidenhammer spricht von einem "gravierenden Fehler der Abbruchfirma". Bürgermeister Körner sagt - nicht frei von Ironie - "das abzureißende Haus steht in voller Blüte".

In einem Schreiben von Weidenhammer heißt es: "Das Gebäude mit dem Schriftzug 'Walter Söhne' soll gemäß unserer Absprache natürlich stehenbleiben." Derzeit steht das Gebäude auch noch - nur im Giebel klafft ein mehrere Meter großes Loch.

"Der Schaden ist quasi noch nicht vollzogen", sagt Körner. Er sagt auch: "Wir sind ja keine Schildbürger." Enttäuscht sei er gewesen, als er das Loch bemerkt habe. Kurz habe er überlegt, ob jemand versuche, durch den Abriss vollendete Tatsachen zu schaffen und das Vertrauen der Stadt zu missbrauchen. Dann aber habe er sich besonnen. "Ich kann mir nur vorstellen, dass das eine Kette unglücklicher, wenn auch amüsanter, Umstände war. Aber: Jede Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied." Das Haus der Familie Beck habe noch bewohnt ausgesehen - die Fabrikgebäude dagegen nicht.

Nachdem er eine Nacht geschlafen habe, könne er die Sache heute mit Humor betrachten und "darüber schmunzeln": "Aber es wird ein paar Euro Fuffzig kosten."

In dem Schreiben von Weidenhammer heißt es dazu: "Wir haben die Arbeiten an der Stelle sofort eingestellt und werden den Dachstuhl wiederherstellen. Dies ist zwar äußerst ärgerlich, wir bitten den Umstand aber zu entschuldigen."

Firma Engelhorn war am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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