Benedikt XVI. in der Kritik
Was den Papst antreibt
Von Ulrich Schwarz
Sein Kurs stößt selbst in der eigenen Kirche auf immer mehr Protest: Papst Benedikt XVI. agiert als Dogmatiker, stellt seine eigene Wahrheit über alles. Dabei hatte er den Ruf eines weltoffenen Theologen, als er noch in Tübingen lehrte - bis die 68er-Revolte für immer sein Leben veränderte.
Es gibt ein Schlüsselerlebnis im Leben des Joseph Ratzinger, das sein heutiges Denken und Handeln erklärt - die 68er-Revolte. 1968 erlebte der damalige Theologieprofessor an der Uni Tübingen, wie seine Studenten ihn in der Vorlesung ausbuhten und das Revolutionsmotto anstimmten "Verflucht sei Jesus".
AP
Papst Benedikt XVI.: Einst Vordenker des II. Vatikanischen Konzils
Ratzinger galt damals als liberaler Theologe, als einer der Vordenker des II. Vatikanischen Konzils, jener Bischofsversammlung in den sechziger Jahren, die das Tor ihrer verkrusteten Kirche zur Welt weit aufstieß. Plötzlich war dieses Ansehen, wie vieles in jenen Jahren, nicht mehr viel wert.
Für den 41-jährigen Professor Ratzinger waren die Tübinger Erfahrungen ein Schock, der seine Haltung radikal veränderte. Der weltoffene Theologe wandelte sich zum konservativen Dogmatiker, dem die als unverrückbar vorgegebene Wahrheit seither alles bedeutet.
DER SPIEGEL 6/2009
TITEL
Der Entrückte
Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche
Dieser Wahrheit, die nicht verfügbar ist, die nicht hinterfragt werden kann, hat sich für den Kirchenmann Ratzinger alles unterzuordnen. Der Gedanke, dass Wahrheit sich im Wandel der Zeiten dem Menschen anders darstellen kann, dass sich die Erkenntnis von Wahrheit entwickeln kann, ist für Ratzinger das, was er verächtlich als "Relativismus" verurteilt.
Nichts als Kälte
In diesem Weltbild nimmt der Mensch nur eine untergeordnete Rolle ein. Kritiker Benedikts XVI. registrieren immer wieder die distanzierte Kühle, die Ratzinger selbst dann ausstrahlt, wenn er sich betont herzlich an Menschen wendet. Das Charisma der Menschenliebe, das sein Vorgänger Johannes Paul II. verbreitete, geht ihm ab.
Hüter der Wahrheit, das war der Job, der Ratzinger auf den Leib geschnitten war: Mehr als 20 Jahre verteidigte er als oberster Wächter seiner Kirche den rechten Glauben gegen alle Kirchenschafe, die es wagten, sich eigene Gedanken über die reine Lehre zu machen.
Kein Wunder, dass der Kardinal Ratzinger eine der treibenden Kräfte im Vatikan gegen die revolutionäre lateinamerikanische Befreiungstheologie war. Kein Wunder, dass Papst Benedikt den evangelischen Kirchen abspricht, wirklich Kirchen zu sein.
Und ebenfalls kein Wunder, dass dieses Oberhaupt der katholischen Kirche im Namen der Kirche gegen Homosexualität und gegen Empfängnisverhütung wettert. Mögen im Zeitalter von Aids auch Millionen Menschen zugrundegehen.
Für die Entwicklung der katholischen Kirche doppelt fatal, dass sich dieser abstrakte Wahrheitsfanatismus mit einer seit den Tübinger Tagen relevanten Angst Joseph Ratzingers vor den unübersichtlichen Verläufen und Entwicklungen der Welt und ihren Gefahren paart. Für Ratzinger sind diese Gefahren ein Alptraum.
DER PAPST UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT
Der
Papst ist das Oberhaupt der
römisch- katholischen Kirche und des Staates
Vatikanstadt. Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt
Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die
römische Kurie bilden.
Der Papst wird im
Konklave, einer Versammlung von
Kardinälen, auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im
Apostolischen Palast neben dem
Petersdom.
Die wichtigste politische Einrichtung der
römischen Kurie ist das
Staatssekretariat, das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des
Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der
Kardinalstaatssekretär – derzeit
Tarcisio Bertone. Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die
neun Kurienkongregationen, die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der
Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur, die
Apostolische Pönitentiarie und die
Rota Romana.
Außerdem setzt der Heilige Stuhl
Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die
Apostolische Kammer, die
Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die
Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls.
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das
Vatikanische Archiv, die
Vatikanische Bibliothek und
Radio Vatikan.
Die
Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der
katholischen Kirche. Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof
Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des
Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt
Religionsfreiheit und
Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum
Schisma.
Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob
Papst Benedikt XVI. die
Exkommunikation auf.
Leitende Brüder der konservativen
Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden
kollektiv schuld am
"Gottesmord", der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des
Antisemitismus.
Indem
Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof
Richard Williamson: Er hatte in einem TV-Interview den
Holocaust und die Existenz von
Gaskammern geleugnet.
Die Chancen, diese Welt nur mitgestalten und im christlichen Sinne beeinflussen zu können, wenn sich die Papstkirche auf diese Welt einlässt und mit ihr kommuniziert, vertut Benedikt XVI. ganz bewusst. Auf dem II. Vatikanischen Konzil der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat die katholische Kirche solche Weltoffenheit schon einmal verkündet - mit tatkräftiger intellektueller Unterstützung des Theologen Joseph Ratzinger.
Doch das war vor Tübingen.
P.S.: Dieser Papst ist kein Antisemit. Die Aussöhnung mit den Juden steht auf seiner Agenda wie auf der seines Vorgängers. In Auschwitz hat er sich nachdrücklich dazu bekannt. Doch sein angsterfüllter Dogmatismus verstellt ihm den Blick für das, was ein Papst heute leisten müsste. Mit Benedikt marschiert die katholische Kirche nicht ins 21. Jahrhundert, sondern zurück in die vorkonziliare Vergangenheit.