Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



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03.02.2009
 

Streit über Holocaust-Leugner

Kardinal Lehmann nennt Papst-Entscheidung "Katastrophe"

Selbst einstige Unterstützer erhöhen den Druck auf den Papst: Kardinal Lehmann bezeichnete die Entscheidung, den Holocaust-Leugner Williamson zu rehabilitieren, als "Katastrophe". Der Vatikan müsse sich entschuldigen.

Mainz - Die Kritik am Papst reißt nicht ab. Jetzt geht sogar ein führender Unterstützer Benedikts auf Distanz zu Benedikt XVI. Im Streit um die Wiederaufnahme des britischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson forderte der Mainzer Karl Kardinal Lehmann eine klare Entschuldigung "von hoher Stelle". Das sagte Lehmann am Montagabend dem Südwestrundfunk.

Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann: "Katastrophe" für die katholische Kirche
DPA

Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann: "Katastrophe" für die katholische Kirche

Die Entscheidung des Papstes, Williamson zu rehabilitieren, sei eine "Katastrophe" für alle Holocaust-Überlebenden. Auch müsse der Papst klarstellen, dass die Leugnung des Holocaust kein beliebiges Kavaliersdelikt sei. Viele seien sehr enttäuscht vom Papst.

Benedikt XVI. steht in der Kritik, weil er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft aufgehoben hatte. Unter ihnen ist auch Williamson, gegen den die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Brite hatte in einem im Landkreis Regensburg aufgezeichneten Interview behauptet, die historische Beweislage spreche gegen die Existenz von Gaskammern zur NS-Zeit.

Lehmann fordert Konsequenzen

Die Äußerungen Lehmanns lassen auf eine Kehrtwende bei führenden Katholiken schließen. Der Kardinal hatte nämlich bislang vor allem eines kritisiert: Die mediale Berichterstattung. In der Öffentlichkeit sei ein "falscher Eindruck" entstanden, sagte Lehmann noch am Sonntag.

DER FALL WILLIAMSON: CHRONIK EINER KRISE

November 2008: Das verräterische Interview

Im Interview mit einem schwedischen Fernsehsender leugnet Richard Williamson die Vergasung von Juden im Dritten Reich: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja."

19. Januar 2009: Der SPIEGEL berichtet

21. Januar: Williamson darf heimkehren

22. Januar: Italiens Presse wird aufmerksam

23. Januar: Die Staatsanwaltschaft ermittelt

24. Januar: "Wiederherstellung der Einheit"?

26. Januar: "Unfassbarer Akt der Provokation"

28. Januar: Benedikt XVI. verurteilt Leugnung des Holocaust

29. Januar: "Holocaust-Leugner leugnen den christlichen Glauben"

29. Januar: Kardinal beteuert Unwissenheit

30. Januar: Williamson entschuldigt sich - für "Unannehmlichkeiten"

31. Januar: Israelischer Minister droht dem Vatikan

1. Februar: Theologe verlässt die katholische Kirche

2. Februar: Piusbrüder verlangen mehr Macht im Vatikan

3. Februar: Die Kanzlerin kritisiert den Papst

4. Februar: Der Vatikan reagiert

Nun, wenige Tage später, griff der Kardinal den Präsidenten der zuständigen Päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei", Kardinal Darío Castrillon Hoyos, scharf an. Hoyos hatte in einem Interview mit einer italienischen Zeitung betont, er habe nichts von den kruden Äußerungen Williamsons zum Holocaust gewusst - obwohl diese bereits länger bekannt waren. Eine solche Aussage könne nicht angehen, sagte Lehmann.

Lehmann forderte Konsequenzen für die päpstliche Kommission. Ob aus Unwissenheit oder Fahrlässigkeit, "es müssen auch Konsequenzen her für diejenigen, die dafür verantwortlich sind".

"Schlampige Arbeit" und "Vertrauensverlust"

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen hatte dem Vatikan bereits am Montag "schlampige Arbeit" vorgeworfen und von einem "Vertrauensverlust" in die katholische Kirche gesprochen.

Kritik am Vatikan übte auch der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn ("Wer die Shoah leugnet, kann nicht in seinem kirchlichen Amt rehabilitiert werden") und der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, der unmissverständlich klarmachte, was er von den Vorgängen im Vatikan hält: "Die Entscheidung Benedikts hat zu einer erheblichen Störung des christlich-jüdischen Dialogs geführt".

Auch aus der Kurie selbst gab es Widerstand. Der vatikanische Ökumene-Beauftragte Walter Kardinal Kasper räumte in einem Interview mit Radio Vatikan "Fehler im Management der Kurie" ein und beklagte mangelnde innere Kommunikation im Machtzentrum der katholischen Kirche. "Ich beobachte die Debatte mit großer Besorgnis: Niemand kann sich darüber freuen, dass Missverständnisse aufgetreten sind", sagte Kasper am Montag in Moskau.

Piusbrüder wollen mehr Macht

DER SPIEGEL 6/2009


TITEL
Der Entrückte
Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche

Am Wochenende hatte die Ernennung des ultrakonservativen Geistlichen Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz die Debatte um die Entscheidungen des Papstes verschärft. Der 54-Jährige hatte mit seinen Äußerungen immer wieder für Aufregung gesorgt. Unter anderem hatte Wagner nach der Zerstörung von New Orleans durch den Hurrikan "Katrina" in dem Pfarrblatt seiner damaligen Gemeinde geschrieben: "Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtclubs zerstört wurden."

Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, nahm den Papst hingegen in Schutz. Der Papst habe jenen, die einen Akt der Trennung der Kirche vollzogen haben, die Hand der Versöhnung entgegenstrecken wollen, sagte Marx am Montagabend im ZDF-"heute journal". Klar sei und bleibe aber auch: "Holocaust-Leugner und Antisemiten haben keinen Platz in der Katholischen Kirche." Das habe der Papst mehrfach - auch in Auschwitz - klargemacht.

Auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner verteidigte Benedikt XVI. ausdrücklich. Aufgabe des Papstes sei es, für die Einheit der Kirche zu sorgen oder sie wieder herzustellen. "Das hat der Papst jetzt getan, nicht mehr und nicht weniger", erklärte der Kardinal.

Die katholische Kirche hatte stets darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Dekret zur Wiederaufnahme der Piusbruderschaft um eine Maßnahme des christlichen Dialogs handele und die Verfügung nicht mit der Holocaust-Leugnung von Williamson in Verbindung stehe.

Zudem betonte der Vatikan immer wieder, dass man das Gespräch mit den Traditionalisten suche, und die Aufhebung der Exkommunikation lediglich ein erster Schritt zu einer Wiederaufnahme in die katholische Kirche sei.

Doch jüngste Äußerungen der erzkonservativen Piusbrüder lassen vermuten, dass sie sich nicht damit zufrieden geben werden. Am Montag verlangten sie nach mehr Macht im Vatikan. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren", kündigte einer der Bischöfe an.

amz

SPIEGEL WISSEN: DIE PIUSBRÜDERSCHAFT UND ANTISEMITISMUS

Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche. Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma. Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.

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