Streit über Holocaust-Leugner
Kardinal Lehmann nennt Papst-Entscheidung "Katastrophe"
Selbst einstige Unterstützer erhöhen den Druck auf den Papst: Kardinal Lehmann bezeichnete die Entscheidung, den Holocaust-Leugner Williamson zu rehabilitieren, als "Katastrophe". Der Vatikan müsse sich entschuldigen.
Mainz - Die Kritik am Papst reißt nicht ab. Jetzt geht sogar ein führender Unterstützer Benedikts auf Distanz zu Benedikt XVI. Im Streit um die Wiederaufnahme des britischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson forderte der Mainzer Karl Kardinal Lehmann eine klare Entschuldigung "von hoher Stelle". Das sagte Lehmann am Montagabend dem Südwestrundfunk.
DPA
Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann: "Katastrophe" für die katholische Kirche
Die Entscheidung des Papstes, Williamson zu rehabilitieren, sei eine "Katastrophe" für alle Holocaust-Überlebenden. Auch müsse der Papst klarstellen, dass die Leugnung des Holocaust kein beliebiges Kavaliersdelikt sei. Viele seien sehr enttäuscht vom Papst.
Benedikt XVI. steht in der Kritik, weil er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft aufgehoben hatte. Unter ihnen ist auch Williamson, gegen den die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Brite hatte in einem im Landkreis Regensburg aufgezeichneten Interview behauptet, die historische Beweislage spreche gegen die Existenz von Gaskammern zur NS-Zeit.
Lehmann fordert Konsequenzen
Die Äußerungen Lehmanns lassen auf eine Kehrtwende bei führenden Katholiken schließen. Der Kardinal hatte nämlich bislang vor allem eines kritisiert: Die mediale Berichterstattung. In der Öffentlichkeit sei ein "falscher Eindruck" entstanden, sagte Lehmann noch am Sonntag.
DER FALL WILLIAMSON: CHRONIK EINER KRISE
Im Interview mit einem schwedischen Fernsehsender leugnet Richard Williamson die Vergasung von Juden im Dritten Reich: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja."
Der SPIEGEL berichtet, noch vor der Ausstrahlung, über das Fernsehinterview Williamsons.
Ausgestrahlt wird es zwei Tage später, am 21. Januar. Am selben Tag unterschreibt Benedikt seine Entscheidung zur Aufhebung der Exkommunikation.
Am Donnerstag berichtet die italienische Tageszeitung "Il Giornale" über das Dekret.
Am Freitag meldet die katholische Nachrichtenagentur KNA, die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittle gegen Pius-Bischof Williamson wegen Volksverhetzung. Die Meldung wird noch am selben Tag von Radio Vatikan aufgegriffen, als Nachricht gesendet und auf die eigene Internet-Seite gestellt.
Am Samstag
verkündet der Papst offiziell, vier Bischöfe der Piusbruderschaft wieder in die katholische Kirche aufnehmen zu wollen. Vatikan-Sprecher Lombardi begrüßt den "wichtigen Schritt zu einer vollständigen Wiederherstellung der Einheit" der katholischen Kirche.
Die Debatte läuft heiß. Der Vizepräsident des Zentralrats des Juden in Deutschland, Dieter Graumann, bezeichnet die Entscheidung Benedikts als einen "schier unfassbaren Akt von Provokation". Die Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich von Williamson. Der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Heinz-Wilhelm Brockmann, verteidigt den Schritt des Papstes als Versuch, "mehr Einheit in der Kirche herzustellen".
Papst Benedikt XVI.
verurteilt die Leugnung des Holocaust. Er versichert den Juden seine "vollständige und nicht diskutierbare Solidarität".
Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärt, wer den Holocaust leugne, "der leugnet den christlichen Glauben selbst". "Und das ist umso schwerwiegender, wenn es aus dem Mund eines Priesters oder eines Bischofs kommt."
Kurienkardinal Castrillón Hoyos versichert, bei der Erstellung des Dekrets nichts von dem umstrittenen TV-Interview von Williamson gewusst zu haben. Hoyos hatte die Verhandlungen mit den Levebrianern vor der Aufhebung der Exkommunikation geführt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bricht den Dialog mit der katholischen Kirche vorerst ab.
Der Papst ernennt den ultrakonservativen Priester Gerhard Wagner zum
Weihbischof von Linz. Bischof Richard Williamson entschuldigt sich beim Papst für die "Unannehmlichkeiten und Probleme".
Der israelische Minister für Religionsangelegenheiten, Jizchak Cohen, droht im SPIEGEL mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan.
Der renommierte belgische Theologie- und Ethikprofessor Jean-Pierre Wils gibt seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekannt.
Die Piusbrüder verlangen
mehr Macht im Vatikan. Bischof Bernard Tissier de Mallerais sagt der italienischen Zeitung "La Stampa": Er und seine Anhänger wollen sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren."
Angela Merkel fordert den Papst
zur Klarstellung auf. Benedikt XVI. müsse in der Debatte um die Piusbruderschaft klarstellen, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf. Dies sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt".
Die katholische Kirche
fordert Williamson auf, seine Thesen zu widerrufen - andernfalls könne der erzkonservative Brite nicht wieder als Bischof eingesetzt werden.
Nun, wenige Tage später, griff der Kardinal den Präsidenten der zuständigen Päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei", Kardinal Darío Castrillon Hoyos, scharf an. Hoyos hatte in einem Interview mit einer italienischen Zeitung betont, er habe nichts von den kruden Äußerungen Williamsons zum Holocaust gewusst - obwohl diese bereits länger bekannt waren. Eine solche Aussage könne nicht angehen, sagte Lehmann.
Lehmann forderte Konsequenzen für die päpstliche Kommission. Ob aus Unwissenheit oder Fahrlässigkeit, "es müssen auch Konsequenzen her für diejenigen, die dafür verantwortlich sind".
"Schlampige Arbeit" und "Vertrauensverlust"
Der Hamburger Erzbischof
Werner Thissen hatte dem Vatikan bereits am Montag "schlampige Arbeit" vorgeworfen und von einem "Vertrauensverlust" in die katholische Kirche gesprochen.
Kritik am Vatikan übte auch der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn ("Wer die Shoah leugnet, kann nicht in seinem kirchlichen Amt rehabilitiert werden") und der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, der unmissverständlich klarmachte, was er von den Vorgängen im Vatikan hält: "Die Entscheidung Benedikts hat zu einer erheblichen Störung des christlich-jüdischen Dialogs geführt".
Auch aus der Kurie selbst gab es Widerstand. Der vatikanische Ökumene-Beauftragte Walter Kardinal Kasper räumte in einem Interview mit Radio Vatikan "Fehler im Management der Kurie" ein und beklagte mangelnde innere Kommunikation im Machtzentrum der katholischen Kirche. "Ich beobachte die Debatte mit großer Besorgnis: Niemand kann sich darüber freuen, dass Missverständnisse aufgetreten sind", sagte Kasper am Montag in Moskau.
Piusbrüder wollen mehr Macht
DER SPIEGEL 6/2009
TITEL
Der Entrückte
Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche
Am Wochenende hatte die Ernennung des ultrakonservativen Geistlichen Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz die Debatte um die Entscheidungen des Papstes verschärft. Der 54-Jährige hatte mit seinen Äußerungen immer wieder für Aufregung gesorgt. Unter anderem hatte Wagner nach der Zerstörung von New Orleans durch den Hurrikan "Katrina" in dem Pfarrblatt seiner damaligen Gemeinde geschrieben: "Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtclubs zerstört wurden."
Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, nahm den Papst hingegen in Schutz. Der Papst habe jenen, die einen Akt der Trennung der Kirche vollzogen haben, die Hand der Versöhnung entgegenstrecken wollen, sagte Marx am Montagabend im ZDF-"heute journal". Klar sei und bleibe aber auch: "Holocaust-Leugner und Antisemiten haben keinen Platz in der Katholischen Kirche." Das habe der Papst mehrfach - auch in Auschwitz - klargemacht.
Auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner verteidigte Benedikt XVI. ausdrücklich. Aufgabe des Papstes sei es, für die Einheit der Kirche zu sorgen oder sie wieder herzustellen. "Das hat der Papst jetzt getan, nicht mehr und nicht weniger", erklärte der Kardinal.
Die katholische Kirche hatte stets darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Dekret zur Wiederaufnahme der Piusbruderschaft um eine Maßnahme des christlichen Dialogs handele und die Verfügung nicht mit der Holocaust-Leugnung von Williamson in Verbindung stehe.
Zudem betonte der Vatikan immer wieder, dass man das Gespräch mit den Traditionalisten suche, und die Aufhebung der Exkommunikation lediglich ein erster Schritt zu einer Wiederaufnahme in die katholische Kirche sei.
Doch jüngste Äußerungen der erzkonservativen Piusbrüder lassen vermuten, dass sie sich nicht damit zufrieden geben werden. Am Montag verlangten sie
nach mehr Macht im Vatikan. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren", kündigte einer der Bischöfe an.
amz