Von Annett Meiritz
Hamburg - Auf eine diplomatische Wortwahl wird nach Tagen der aufgeheizten Debatte, der pausenlosen Rügen, Vorwürfe und Zurückweisungen längst nicht mehr geachtet. Einen "unerträglichen Vorgang" nennt der Hamburger Erzbischof Werner Thissen die Causa Rom. Der Chef von Radio Vatikan, Pater Eberhard von Gemmingen, spricht von einem "saublöden Problem".
Hamburger Erzbischof Thissen: Spricht von "Vertrauensverlust"
Wie kann es sein, dass der Vatikan erklärt, nichts von den Äußerungen des notorischen Holocaust-Leugners Richard Williamson gewusst zu haben?
Wie kann es sein, dass trotz zahlreicher Beteuerungen, die katholische Kirche habe für Antisemiten keinen Platz, sich genau an dieser Frage eine wochenlange Diskussion entzündet?
Wer möchte, hat an diesem Abend das volle Papst-Programm: Gleich nachdem die Podiumsrunde in Hamburg beendet ist, spricht Maybrit Illner im ZDF über das Thema und danach Johannes B. Kerner, bei dem auch von Gemmingen sitzt. Der Radio-Vatikan-Chef ist ein begehrter Gast. Als einer der ersten Kenner des Heiligen Stuhls hatte sich der Seelsorger kritisch geäußert: "Da ist was schief gelaufen", sagte er schon zu Beginn der Woche in vielen Interviews, als andere noch damit beschäftigt waren, den Schock über die plötzliche Aufregung zu verdauen.
"Der Vatikan ist ein Mysterium"
Auch Thissen machte früh eine klare Ansage. Er warf dem Vatikan "schlampiges Arbeiten" vor und äußerte seine Furcht vor einem "Vertrauensverlust" in die katholische Kirche. Der Pater und der Erzbischof bilden das perfekte Team, um die Kernprobleme des Vatikans zu thematisieren - seine Undurchschaubarkeit, seine Abwehrhaltung gegen weltliche Einflüsse.
Pater von Gemmingen übernimmt in der Runde die Rolle des wortgewandten Auf-den-Punkt-Bringers. "Der Vatikan ist ein Mysterium", sagt er. Und wiegelt ab: Er wisse das Allermeiste doch auch nicht. "Auch wenn ich ständig etwas dazu sage."
Die Zuhörer lachen, doch der Seelsorger kann es eigentlich nicht spaßig gemeint haben. Von Gemmingen lebt seit einem Vierteljahrhundert in Rom, er hat Benedikt XVI. interviewt, in seinem Tagewerk beschäftigt er sich ausschließlich mit den Belangen des Vatikans. Doch selbst dieser Mann hat den Laden nicht durchschaut.
Die Entscheidungsträger, allen voran die päpstliche Kommission für den Austausch mit den Piusbrüdern, hätten ihr Unwissen eingestanden. Ergo seien sie wohl "dumm und uninformiert". Das sagt der Pater mit dem Duktus eines Moderators im Frühstücksfernsehens. Seine Enttäuschung sieht man ihm trotzdem an.
Kein Versuch einer Erklärung
"Es ist schlimm, dass der Papst eine Entscheidung getroffen hat, ohne vollständig informiert zu sein", sagt Erzbischof Thissen. Und vor allem: ohne die anderen informiert zu haben. "Ich frage mich, warum eine solch tiefgreifende Entscheidung der Öffentlichkeit nicht vorher nähergebracht wurde." Ein Einwand, den viele Gläubige teilen. Und auch viele Nicht-Gläubige.
In der Tat hatte der Vatikan keinen Versuch unternommen, die Pläne zur Wiederaufnahme der erzkonservativen Piusbruderschaft transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Die deutschen Bischöfe wurden erst eine halbe Stunde vor der offiziellen Bekanntgabe vom Wortlaut des Dekrets informiert. Selbst die Apostolische Nuntiatur in Berlin, immerhin direkte Stellvertreter des Papstes in Deutschland, ließ durchblicken, sie habe von der Entscheidung aus den Medien erfahren.
"Schon wieder gab es nur hinterher eine Erklärung", sagt Thissen, dem die Informationspolitik des Vatikans offensichtlich schon länger aufstößt. Ausbaden müssen es nun andere, nämlich die Geistlichen außerhalb des Vatikan. Der Erzbischof, sonst um keine Pointe verlegen, erzählt plötzlich ruhig, beinahe ehern vom ersten Telefonat mit der jüdischen Gemeinde nach Bekanntwerden des Papst-Eklats. Angst habe er gehabt, dass das wechselseitige Vertrauen dauerhaft Schaden genommen habe. Das Verhältnis sei gut, sagt er. Und spricht am längsten darüber, welche Überwindung ihn der Anruf gekostet hat.
Einfluss der Bischöfe ist gering
Ob die Kritik beim Papst ankommt - Thissen glaubt es nicht, der Einfluss auf den Heiligen Vater sei gering. "Das Problem ist", sagt er, "dass 50 Bischöfe hintereinander zum Papst gehen, und alle wollen etwas." Er wünscht sich, dass die Stimmen der Weltkirche besser koordiniert werden. Und gehört werden.
Keiner der beiden Diskutanten greift den Papst direkt an. Man hat Nachsicht mit Joseph Ratzinger. "Einheit war seine Absicht", davon ist Thissen überzeugt, "Benedikt ist beseelt von der Vorstellung der Einheit der katholischen Kirche."
Dennoch scheinen Weltkirche und Kirchenstaat unendlich voneinander entfernt. "Rom ist eben eine andere Welt", sagt Pater von Gemmingen und malt mit den Armen einen Halbkreis in die Luft. Viele Leute im Vatikan wollten dem Papst nicht widersprechen, aus Karrieregründen vermutlich - eine Kultur des Einspruchs, die sei hinter den heiligen Mauern "recht unterentwickelt".
Der 72-jährige Pater hat nichts mehr zu befürchten. In wenigen Monaten geht er in Rente. Sein Nachfolger steht schon bereit.
"Im Vatikan stimmt einiges nicht", sagt Gemmingen wieder, "also, wir sind schon Idioten."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH