Samstag, 21. November 2009

Panorama



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
07.02.2009
 

Katholiken-Krise

Holocaust-Leugner Williamson lehnt Widerruf vorerst ab

Der Papst hat ihn zum Widerruf aufgefordert, doch dazu ist er derzeit nicht bereit: Holocaust-Leugner Richard Williamson sagt dem SPIEGEL, er wolle zunächst die historischen Beweise prüfen - "das wird Zeit brauchen".

Hamburg/Berlin - Er hat die katholische Kirche in eine tiefe Krise gestürzt - und wird zu deren Lösung vorerst nicht beitragen. Der umstrittene Bischof der Piusbruderschaft, Richard Williamson, will seine Thesen zum Holocaust vorerst nicht widerrufen. Er werde zunächst die historischen Beweise prüfen, sagte der Katholik dem SPIEGEL: "Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen."

Katholischer Holocaust-Leugner Williamson: Er will erst Beweise prüfen
REUTERS

Katholischer Holocaust-Leugner Williamson: Er will erst Beweise prüfen

Williamson war kürzlich zusammen mit drei anderen exkommunizierten Bischöfen der Pius-Brüderschaft wieder von Papst Benedikt XVI in die katholische Kirche aufgenommen worden. Von der Holocaust-Leugnung Williamsons will der Papst dabei nicht gewusst haben.

Benedikts Verhalten hat zu schweren Spannungen mit dem Judentum geführt,

selbst Kanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein und kritisierte das aus Deutschland stammende Oberhaupt der katholischen Kirche öffentlich.Williamson erneuerte gegenüber dem SPIEGEL auch seine Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Konzilstexte seien zweideutig: "Das führt zu diesem theologischen Chaos, das wir heute haben." Das zweite Vatikanische Konzil wird allgemein als zeitgemäße Erneuerung der katholischen Kirche und Wiederannäherung der christlichen Kirchen interpretiert. Die konservative Piusbrüderschaft lehnt es gerade deshalb ab.

Kritisch steht der Bischof auch zu den universellen Menschenrechten: "Wo die Menschenrechte als eine objektive Ordnung verstanden werden, die der Staat durchsetzen soll, da kommt es immer zu einer antichristlichen Politik." Mit Blick auf die Priesterbruderschaft sagte Williamson, er wolle "unter keinen Umständen die Kirche und die Bruderschaft" weiter beschädigen.

DER PAPST UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT

Der Papst ist das Oberhaupt der römisch- katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt. Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave, einer Versammlung von Kardinälen, auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom.

Die Pius-Gemeinschaft hat am Freitag einen Priester ausgeschlossen, der ebenfalls den Holocaust geleugnet hatte. Der katholischen Kirche laufen Insidern zufolge wegen der Turbulenzen um die umstrittene Pius-Bruderschaft vermehrt die Mitglieder weg. "Die Austrittswelle hat bereits eingesetzt", sagte der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, Eberhard von Gemmingen.

DER FALL WILLIAMSON: CHRONIK EINER KRISE

November 2008: Das verräterische Interview

Im Interview mit einem schwedischen Fernsehsender leugnet Richard Williamson die Vergasung von Juden im Dritten Reich: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja."

19. Januar 2009: Der SPIEGEL berichtet

21. Januar: Williamson darf heimkehren

22. Januar: Italiens Presse wird aufmerksam

23. Januar: Die Staatsanwaltschaft ermittelt

24. Januar: "Wiederherstellung der Einheit"?

26. Januar: "Unfassbarer Akt der Provokation"

28. Januar: Benedikt XVI. verurteilt Leugnung des Holocaust

29. Januar: "Holocaust-Leugner leugnen den christlichen Glauben"

29. Januar: Kardinal beteuert Unwissenheit

30. Januar: Williamson entschuldigt sich - für "Unannehmlichkeiten"

31. Januar: Israelischer Minister droht dem Vatikan

1. Februar: Theologe verlässt die katholische Kirche

2. Februar: Piusbrüder verlangen mehr Macht im Vatikan

3. Februar: Die Kanzlerin kritisiert den Papst

4. Februar: Der Vatikan reagiert

flo

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



FORUM

Machtwort aus Rom - zu späte Einsicht? Diskutieren Sie mit anderen Lesern!









Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern