Köln - In den Trümmern des Kölner Stadtarchivs suchen Rettungskräfte und Hundestaffeln nach Vermissten. Von neun Menschen fehlt seit Stunden jede Spur - seit um 14 Uhr das vierstöckige Gebäude in der Severinstraße mit lautem Getöse einstürzte und zwei Nachbarhäuser schwer beschädigte. Die Trümmer rissen die Straße auf, stürzten bis in die unterirdische Baustelle der neuen U-Bahnlinie, an der seit Jahren gebaut wird.
Ein ehemaliger Abteilungsleiter des Stadtarchivs erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung. Es habe sich bei dem verheerenden Unglück um eine "absehbare Katastrophe" gehandelt, sagte Eberhard Illner dem Sender Deutschlandradio.
Es habe klare Warnungen vor einem solchen Unglück gegeben, sagte Illner. Er selbst habe im Sommer 2008 Senkungsrisse im Keller festgestellt und dies auch an die Archivleitung weitergegeben. Noch in der vergangenen Woche habe es erneut Hinweise auf erhebliche Risse gegeben, und am Dienstag sei ihm von der Stadt Köln bestätigt worden, dass diese Hinweise eingegangen seien. "Man wird also jetzt danach forschen müssen, wer verantwortlich dafür ist", sagte Illner.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollen am Gebäude des Stadtarchivs vor zwei Wochen von den Behörden sogenannte "architektonische Risse" festgestellt worden sein. Dieser Befund wurde geprüft, aber offenbar als unbedenklich eingestuft.
Nach Ansicht Illners, der bis Herbst 2008 im Archiv Abteilungsleiter für Nachlässe, Sammlungen und Fotografie war und derzeit das historische Zentrum in Wuppertal leitet, ist durch den Einsturz des Hauptgebäudes ein größerer Schaden als beim Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar entstanden. "Wir reden hier von ungefähr 18 Regalkilometern wertvollstem Archivgut, und zwar europäischen Ranges."
Das "Gedächtnis der Stadt Köln" gilt als eines der größten kommunalen Archive Deutschlands. "Das sehe ich jetzt vor mir unter Bergen von Beton und Bergen von Schutt. Das ist erschütternd", sagte Illner.
"Dann begann die gesamte Fassade zu bröckeln"
Augenzeugen schildern, wie das Unglück ablief. Susanne van den Bergh, Studentin aus Alfter bei Bonn, hatte ihren Laptop in dem Gebäude in der Kölner Südstadt aufgebaut und wollte sich nur schnell auf der Severinstraße einen Kaffee besorgen. "Es war kurz vor 14 Uhr, ich stand draußen vor der Eingangstür des Archivs - plötzlich kamen Bauarbeiter von der U-Bahn-Baustelle vor dem Haus und riefen: 'Alle weg, alle raus!'"
Die 25-jährige Studentin drehte sich um und wollte ihren Augen nicht trauen: "Als ich zu dem Gebäude hoch schaute, begann die gesamte Fassade zu bröckeln." Susanne van den Bergh konnte sich wie andere Passanten auf der Straße retten. "Als ich ich sah, wie ganze Steine aus der Fassade herausfielen, bin ich nur noch weggelaufen."
Wenig später war das Archivgebäude komplett in sich zusammengebrochen, ein Wohnhaus rechts davon ebenfalls, das Wohnhaus zur Linken stand nur noch zur Hälfte. Die Rettungskräfte waren unmittelbar nach dem Unglück an der Unfallstelle, berichtet die Studentin: "Nach zwei Minuten waren die ersten Helfer da."
Die Kioskbesitzerin Paraskevi Oustampasiadi, 42, sagte, sie habe kurz nach dem Einsturz eine riesige Staubwolke gesehen. "Die komplette Kreuzung war in dunklem Nebel. Das sieht hier aus wie am 11. September." Dutzende Krankenwagen und Feuerwehrautos fuhren vor, Polizeisirenen heulten.
Unter den neun Vermissten, nach denen die Retter suchen, befindet sich auch ein Ehepaar aus einem der stark beschädigten Nebengebäude des Stadtarchivs. Riesige Trümmerquader liegen in den Straßen, Betonbrocken haben Autos zerquetscht, aus aufgebrochenen Häuserwänden ragen Waschbecken, Büromöbel. "Am Unglückshaus sieht es aus wie nach einem Erdbeben", sagte Polizeisprecher Wolfgang Baldes.
Noch ist nicht bekannt, was zum Einsturz der Gebäude geführt hat - ob beispielsweise ein Zusammenhang mit der laufenden Erweiterung der U-Bahn in dieser Gegend besteht. Die Wucht, mit der das Gebäude des Stadtarchivs zusammenkrachte, riss in der Straße einen Krater auf - Trümmerteile fielen bis auf die unterirdische U-Bahnbaustelle, deren Decke einbrach. Es soll zu massiven Wassereinbrüchen gekommen sein.
Ein Zusammenhang zwischen den U-Bahn-Bauarbeiten und dem Einsturz wurde offiziell zurückgewiesen: "Mir sind keine Arbeiten bekannt, die das momentan hätten verursachen können", sagte die Sprecherin der Nord-Süd-Stadtbahn, Gudrun Meyer. Projektleiter Rolf Papst berichtete, es habe in den vergangenen 30 Tagen "keine größeren Tunnelbohrarbeiten" gegeben.
Kirchenturm in Schieflage - Folge des U-Bahnbaus
Der Bau der Kölner Nord-Süd-Stadtbahn sorgt seit Jahren für Ärger: Die Kosten für das Projekt explodierten. Mit mindestens 950 Millionen Euro soll die Linie 320 Millionen Euro mehr kosten als geplant. Als Gründe wurden von den Kölner Verkehrs-Betrieben unter anderem archäologische Arbeiten genannt, die den Bau immer wieder gestoppt haben. Die Tunnelröhren befinden sich in bis zu 30 Metern Tiefe unter der Altstadt.
Die Arbeiten des bereits seit den achtziger Jahren geplanten Projekts waren 2004 begonnen worden, bis Mitte 2010 soll die Linie weitgehend fertiggestellt werden. Sie wird über vier Kilometer vom Breslauer Platz nördlich des Hauptbahnhofs parallel zum Rhein verlaufen und damit den historischen Teil Kölns an das U-Bahn-Netz anbinden.
Ende September 2005 geriet der Turm der romanischen Kirche St. Johann Baptist in bedrohliche Schieflage. Der Grund: Unterirdische Arbeiten für einen U-Bahn-Tunnel der Nord-Süd-Bahn. Um 75 Zentimeter hatte sich der Turm geneigt - und machte weltweit als "schiefer Turm von Köln" Schlagzeilen. Die Aufrichtung des Turms kostete eine Million Euro.
Zudem klagten die Geschäftsleute an der Einkaufsmeile Severinstraße, an der sich auch das nun eingestürzte Historische Stadtarchiv befand, über Umsatzeinbrüche.
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