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03.03.2009
 

Einsturz des Kölner Stadtarchivs

"Als würde ein Kran auf unser Haus fallen"

Aus Köln berichtet Lenz Jacobsen

Die Severinstraße gleicht einem Trümmerfeld, dort, wo einst der Gehweg war, klafft ein riesiger Krater: Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs werden noch immer zwei Menschen vermisst - nach Angaben der Polizei haben Spürhunde in den Ruinen angeschlagen.

Köln - Eigentlich wollte Katharina Schmidt gerade einen Mittagsschlaf halten. Doch kaum hatte sie sich hingelegt, da erschütterte ein gewaltiges Beben und Donnern ihre Wohnung in der Kölner Innenstadt, ließ die Wände wackeln. "Das war, als würde ein Kran auf unser Haus fallen", berichtet sie. Die junge Frau rannte zum Fenster ihrer Wohnung im ersten Stock, und schon schlug ihr von der Straße eine riesige Rauchwolke entgegen, "ich sah massenweise Leute, die total panisch auf der Straße herumrannten und immer schrien: 'Alle raus! Alle raus!'

Nur zwei Häuser entfernt war vor wenigen Sekunden das vierstöckige Kölner Stadtarchiv eingestürzt, und hatte Teile der benachbarten Gebäude mit in die Tiefe gerissen. Eine riesige Trümmerlandschaft erstreckt sich seitdem in der Kölner Innenstadt.

Am Abend wurden noch immer zwei Menschen vermisst, nach Angaben der Feuerwehr haben die eingesetzten Spürhunde in den Trümmern angeschlagen. "Das lässt darauf schließen, dass Menschen darunter liegen", sagt Polizeisprecher Wolfgang Baldes. Gewissheit darüber gibt es freilich derzeit nicht. Noch konnten sich die Einsatzkräfte kaum weiter vorarbeiten, weil auch in den Trümmern weiterhin eine erhebliche Einsturzgefahr besteht.

Sollten tatsächlich Menschen verschüttet worden sein, sind ihre Überlebenschancen gering. "Eine schnelle Rettung ist nicht möglich", sagte der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stefan Neuhoff. Es sei unwahrscheinlich, dass sich in dem Schutt Hohlräume befänden. Wegen der Einsturzgefahr müsse nun zunächst die Unglücksstelle gesichert werden, wozu 1000 Kubikmeter Beton nötig seien. Mit den Bergungsarbeiten könne nicht vor Mittwoch begonnen werden.

Weil sich der Einsturz des Gebäudes durch ein dumpfes Grummeln angekündigt hatte, konnten nach Auskunft der Einsatzleitung alle Mitarbeiter und Besucher des Stadtarchivs noch rechtzeitig auf die Straße fliehen. Auch aus den benachbarten Häusern konnten die meisten Bewohner sich wohl rechtzeitig retten.

Noch ist unklar, wie es um die Besucher einer Spielhalle in einem der eingestürzten Gebäude steht. Während die Polizei erst davon ausging, das sie das Gebäude rechtzeitig verlassen konnten, berichteten Augenzeugen später, dass sich zum Zeitpunkt des Einsturzes noch Personen in dem Laden befunden hätten.

U-Bahn-Arbeiten als Ursache wahrscheinlich

Immer mehr deutet inzwischen darauf hin, dass Bauarbeiten an einem neuen U-Bahn-Schacht direkt unter dem Stadtarchiv den Einsturz ausgelöst haben. Feuerwehr-Direktor Stefan Neuhoff sagte, in der unmittelbar benachbarten 28 Meter tiefen Baugrube für die U-Bahn-Erweiterung sei vermutlich eine Öffnung entstanden, durch die Erde nachgerutscht sei - dem Historischen Archiv sei buchstäblich der Boden entzogen worden. Auch der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe für die U-Bahn-Erweiterung, Rolf Papst, sagte, es könne sein, dass die Absackung mit Aushubarbeiten in der Grube zu tun habe.

"Die Trümmer der Häuser sind bis in den Baubereich durchgebrochen", bestätigte ein Sprecher der Polizei. Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Gehweg vor dem Gebäude eingebrochen und daraufhin sei das Gebäude quasi "nachgerutscht" und komplett nach vorne auf die Straße gefallen.

Der Einsturz kam nicht ohne Vorwarnung: In jüngster Zeit hatte es Berichte über Risse im Gebäude gegeben. Erst vor zwei Wochen hatte eine Expertengruppe der Stadt das Haus deshalb begutachtet - und für nicht einsturzgefährdet befunden.

Vor dreieinhalb Jahren hatten die Bauarbeiten für die U-Bahn bereits einen Kirchturm in Schräglage versetzt, keine hundert Meter von der heutigen Unglücksstelle entfernt. Der so genannte "schiefe Turm von Köln" musste aufwendig wieder begradigt werden, das Gotteshaus wird bis heute nicht genutzt.

Wäre das Gebäude nur eine Dreiviertelstunde vorher eingestürzt, hätte es vielleicht Dutzende Opfer gegeben. Denn direkt gegenüber dem Stadtarchiv steht ein Gymnasium. Noch kurz zuvor war die Severinstraße wie jeden Schultag voller Schüler gewesen, die sich auf den Heimweg machten.

"Ich konnte es erst nicht glauben"

Auch Martin Cesel hatte noch einmal Glück. Wäre er zum Zeitpunkt des Unglücks zuhause und nicht bei der Arbeit gewesen, er könnte jetzt zu den Vermissten zählen. "Ich wohne direkt neben dem Stadtarchiv", erzählt er - und korrigiert sich gleich: "oder wohnte da bisher, ich weiß es ja nicht". Ob der hintere Teil des Gebäudes, in dem seine Wohngemeinschaft liegt, noch intakt ist, darüber kann er auch Stunden nach der Katastrophe nur spekulieren. Seine Freundin hat ihn auf der Arbeit angerufen und über den Einsturz informiert: "Ich konnte es erst nicht glauben."

Jetzt sitzt er zusammen mit rund zehn anderen Aufgewühlten im Restaurant eines benachbarten Hotels. Hier hat die Polizei eine Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet. Deren Zorn richtet sich vor allem gegen den Bau der U-Bahn. Schon seit Jahren klagen die Anwohner über die massiven und endlos erscheinenden Arbeiten, die ihr Viertel in eine einzige staubige Baustelle verwandelt haben. "Und das hier ist ja jetzt echt das Allerletzte", regt sich eine der Betroffenen auf, "das alles nur wegen einer U-Bahn, die keiner will."

Und dann formuliert einer von Ihnen ein Horrorszenario, das alle betreten schweigen lässt: "Stellen Sie sich mal vor, das wäre an Karneval passiert!" Gerade einmal acht Tage ist es her, da führte der Kölner Rosenmontagszug direkt über die Strecke, die jetzt nur noch von Trümmern bedeckt ist.

"Aber ich wohne doch da!"

In den umliegenden Straßen und Wohnblöcken hatte sich vor allem in den den ersten Minuten direkt nach dem Einsturz des Archivegebäudes ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Anwohnern entwickelt. Die Beamten, die das Gebiet weiträumig absperren wollen, müssen immer wieder einzelne Kölner einfangen, die noch schnell ihre Wohnung erreichen wollen. Mit Empörung und kölschem Eigensinn reagieren sie darauf, dass die Polizei sie nicht nach Hause lassen will. "Aber ich wohne doch da!" rufen sie immer wieder.

Bis in die Abendstunden ist es eine chaotische, unübersichtliche Situation im Severinsviertel. Mehr als 200 Feuerwehrleute sind noch im Einsatz. Die Pumpen in der U-Bahn-Baustelle sind durch den Einsturz ausgefallen, immer mehr Wasser läuft in den Baubereich. Die Bauleitung hat Angst, "das noch mehr Erde nachrutscht", und beginnt deshalb damit, das Ganze eilig durch Betonwände zu stabilisieren.

Auch die 76 Bewohner eines benachbarten Altersheims mussten evakuiert werden, da ein Kran direkt neben dem Gebäude nicht mehr sicher genug steht.

Währenddessen stehen Trauben von Anwohnern an den Absperrungen und starren entgeistert auf das Trümmerfeld, das nun zwischen ihren Häusern liegt. Ob sie überhaupt in ihre Wohnungen zurück kehren können, wissen viele noch nicht, mehere Häuser sind einsturzgefährdet.

Im dritten Stock eines Hauses, dessen eine Häfte komplett weggebrochen ist, kann man noch das Waschbecken und die blauen Fliesen eines Badezimmer erkennen, ein paar Meter tiefer erinnert eine bunte Tapete daran, dass in diesen Trümmern noch vor wenigen Stunden Menschen gewohnt haben.

Historisches Archiv der Stadt Köln

Geschichte

Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa

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