ThemaKölner StadtarchivRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.03.2009
 

U-Bahn-Bau

In Kölns Südstadt kocht die Wut hoch

Aus Köln berichtet Lenz Jacobsen

Sie fürchten um ihre Sicherheit, schimpfen auf die Politik: Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs machen die Anwohner ihrem Frust Luft - schon seit Jahren leiden sie unter Lärm und Dreck der U-Bahn-Bauarbeiten. Viele hier finden: Das alte Herz der Südstadt wurde hoffnungslos ruiniert.

Köln - So eine Wut hätte man dieser zierlichen Rentnerin gar nicht zugetraut. Doch wenn die Sprache auf den Hauseinsturz und den U-Bahn-Bau in der Kölner Südstadt kommt, dann kennt auch die 67-jährige Anneliese Wiehl, adrett gekleidet mit Handtasche und Hütchen, kein Halten: "Na wenn ich was zu sagen hätte, dann wäre das doch alles nie gebaut worden!", regt sie sich auf.

Anneliese Wiehl wohnt seit Jahrzehnten im Severinsviertel, zurzeit in der Severinstraße 156, kaum hundert Meter von der Einsturzstelle entfernt. Der neue U-Bahn-Tunnel führt direkt unter ihrem Haus entlang. "Ich hab richtig Angst, das können Sie mir aber glauben", sagt sie.

Und damit ist sie nicht allein in der Severinstraße. Drei Tage nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs sorgt sich ein ganzes Viertel um seine Zukunft.

Die Severinstraße ist so etwas wie das Herz der Kölner Südstadt, wenn nicht gar der ganzen Stadt. Hier geht der Rosenmontagszug entlang, hier ist die Heimat des BAP-Barden Wolfgang Niedecken, hier war Heinrich Böll Stammgast.

Doch seit einigen Jahren hat dieses Viertel schwer zu leiden, die Arbeiten für die neue Nord-Süd-U-Bahn haben die Severinstraße in eine einzige Baustelle verwandelt. Die Geschäfte leiden, die Anwohner klagen. Es ist eine Operation am offenen Herzen der Stadt.

Auch Dieter Kolmar ist ein Opfer dieser Baumaßnahmen. Seit über zehn Jahren betreibt der 63-Jährige einen Pralinenladen in der Severinstraße. Auch seine Wohnung liegt in der Südstadt, in der Nähe der neuen U-Bahn-Linie. "Ich wusste ja, dass es keine absolute Sicherheit gibt, aber dass da jetzt Häuser einfach so eingestürzt sind, das ist einfach unglaublich."

Angst um seine Sicherheit hat er trotzdem nicht, schon eher um seine Existenz. "Seit die hier mit dem Bauen begonnen haben, ist mein Umsatz um 30 Prozent eingebrochen - und das geht den anderen Läden hier genau so." Trotzdem will er von einem Baustopp nichts wissen. "Wir können doch nicht diese halbfertige Röhre da unten liegen lassen", sagt er. "Wir müssen das jetzt zu Ende bringen, auch wenn's schwer ist."

Seit Jahren nur Dreck, Lärm und sinkender Umsatz

Damit spricht er für viele Geschäftsleute auf der Severinstraße. Sie alle leiden seit dem Beginn der Bauarbeiten vor über sechs Jahren unter Dreck, Lärm, weggefallenen Parkplätzen und demzufolge einbrechendem Umsatz. Fast alle waren sie von Anfang an gegen den U-Bahn-Bau - und wollen doch von einem Baustopp jetzt nichts wissen. Sie alle hoffen auf den Tag, an dem die U-Bahn endlich fährt. In zwei Jahren soll es soweit sein, 80 Prozent der Bauarbeiten sind schon abgeschlossen. Bis dahin ist das Motto der meisten: Augen zu und durch.

So sieht das auch die Mitarbeiterin einer Wäscherei auf der Severinstraße, ihre Wohnung hat sie direkt um die Ecke. "Was meinen Sie, wenn die U-Bahn fertig ist, wie sich die Leute dann freuen werden", zeigt sie sich optimistisch - und doch hat die 47-Jährige Angst, wie sie sagt. "Wenn die hier unten bohren, dann wackelt hier alles". In einem Nebenraum der Wäscherei durchzieht ein langer Riss die gesamte Decke.

Und dann berichtet sie von einer alten Kundin, die heute bei ihr war: "Ich hab schon all meine wichtigen Papiere in einen Koffer gepackt", habe diese ihr erzählt, "damit ich direkt los kann, wenn wieder was passiert." Dann blickt sie sorgenvoll auf die Dauerbaustelle, keine zwei Meter vor der Ladentür: "Ja, so ist die Stimmung hier."

Bei vielen schlägt die Sorge um die eigene Sicherheit in Wut auf Politik und Bauherren um. So auch bei Murat Garinyan, dem Besitzer des Kiosks direkt gegenüber der Kirche St. Johann Baptist, deren Turm 2004 bedrohlich zur Seite kippte - auch wegen des U-Bahn-Baus. "Ich stehe hier den ganzen Tag über einem riesigen Loch", sagt er. "Ich habe richtig Angst um mein Leben." Er verteufelt gleich den ganzen U-Bahn-Bau, den habe keiner der Anwohner gewollt. "Aber haben die Politiker uns überhaupt gefragt?", regt er sich auf. "Nein, die machen es sich da gemütlich in ihren Häusern, und uns geht es dreckig hier." Am liebsten, sagt Murat Garinyan, würde er sofort den Laden dichtmachen, wenn er es sich leisten könnte.

Ein paar Meter weiter sitzt Jürgen Fingerhut in einer Bäckerei vor einer Tasse Kaffee und einem Brötchen. Er hat gerade Mittagspause. Der 61-Jährige arbeitet seit drei Wochen als Dachdecker am Mercure-Hotel, das direkt neben der Einsturzstelle liegt. "Was mir wirklich auf den Sack geht, ist dieses ständige Gerede über diese ganzen Akten und Bücher, die da in den Trümmern liegen, und dabei liegen da noch zwei Jungens drunter!", erregt sich der Ur-Kölner.

Er selbst würde "nie im Leben" hier in der Straße wohnen wollen. Auch, weil er zu wissen glaubt, wie es hier unter den Häusern aussieht: "Ein Freund von mir hat hier direkt nach dem Krieg gelebt, als das alles noch kaputt war", berichtet er, "die haben damals ihren ganzen Müll und die Trümmer und alles mögliche in die Krater gekippt und darauf dann die Häuser gebaut. Und da kann mir einer erzählen, dass das sicher ist!"

"Ende März machen wir dicht, das hat keinen Sinn mehr hier"

Auch Güngör Gökdag will nur noch weg. Er arbeitet in einem Call- und Internetshop auf der Severinstraße, den ganzen Tag muss er den Lärm der Baustelle ertragen, selbst bei geschlossener Ladentür ist das Bohren und Hämmern unüberhörbar. "Das ist so laut hier, da kann ja keiner unserer Kunden in Ruhe telefonieren", beschwert er sich. Das habe das Geschäft kaputtgemacht. "Ende März machen wir dicht, das macht keinen Sinn mehr hier", sagt Gökdag.

Gegenüber verlässt gerade Gabriele Rau ihren Stamm-Supermarkt. Sie fühlt sich "beschissen", findet das alles "richtig unheimlich". Sie empört sich über die Politik: "Das war hier früher so eine schöne Straße und jetzt gehen die alle pleite wegen dieser U-Bahn, die keiner will. Wenn das hier überhaupt mal fertig werden sollte, dann haben wir hier nur noch diese schlimmen Billigläden." Bei der Oberbürgermeisterwahl im Juni will sie gegen den amtierenden CDUler Fritz Schramma stimmen, weil der den U-Bahn-Bau verteidigt. "Und da werd ich nicht die einzige sein, das können Sie mir glauben!"

Dass der Oberbürgermeister den U-Bahn-Bau nach dem Einsturz erst generell in Frage gestellt hat und jetzt nur noch von einer "Denkpause" vor dem Weiterbau spricht, kommt bei vielen hier nicht gut an: "Der hängt sein Fähnchen halt so, wie der Wind gerade steht", sagt die Verkäuferin in einem Lotto-Laden, die seit 30 Jahren in dem Viertel lebt. "Wenn es nach mir geht, dann können sie den Schramma gleich mit in die Baugrube werfen, schreiben Sie das!"

Es herrscht in diesen Tagen eine aufgeheizte Stimmung in der Severinstraße. Die Angst um die eigene Sicherheit paart sich mit der Wut auf den U-Bahn-Bau, der die Anwohner und Geschäfte seit Jahren plagt.

Für einen endgültigen und sofortigen Baustopp sprach sich gegenüber SPIEGEL ONLINE auch der Chef des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins aus. "Allein in den letzten Tagen haben sich 15 Eigentümer aus dem Viertel bei mir gemeldet, die Angst um ihre Häuser haben", erzählt Hanns Schaefer. Er habe sich daraufhin schon beim Oberbürgermeister persönlich für ein Ende der U-Bahn-Bauarbeiten eingesetzt.

"Es kann uns ja niemand garantieren, dass so etwas nicht noch mal passiert", sagt er. An fast allen Häusern in der Severinstraße gebe es Schäden wegen der Bauarbeiten. Den Einwand, dass schon rund eine Milliarde Euro Steuergelder in die neue U-Bahn-Linie geflossen sind, will er nicht gelten lassen: "Die Toten sprechen doch eine eigene Sprache."

Historisches Archiv der Stadt Köln

Geschichte

Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa

Bestände

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Kölner Stadtarchiv

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP