Köln - Die Einsturz-Katastrophe von Köln hatte offenbar ein monatelanges Vorspiel: Aus bisher unbekannten Protokollen von Baustellenbesprechungen aus dem Februar geht hervor, dass es bereits im September in unmittelbarer Nähe einen sogenannten hydraulischen Grundbruch gab. Das teilte die Stadt Köln am späten Freitag mit.
Oberbürgermeister Schramma (Mitte): Fühlt sich hintergangen
Diese Information bezeichnete Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) an diesem Samstag als "außerordentlich brisant" und als "starken Tobak". Verärgert ist er vor allem über die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), die ihm bisher immer gesagt hätten, es habe keine Probleme mit der Baustelle gegeben: "Ich fühle mich von den KVB hintergangen."
Er frage sich, warum man nicht die Notbremse gezogen und das Archiv sofort evakuiert habe, so Schramma. Dass derart wichtige Protokolle erstmals am Freitagabend auf einer Sondersitzung des Koordinierungsstabes "Unglück Waidmarkt" vorgelegt geworden seien, habe ihn "mehr als überrascht". Die Verkehrs-Betriebe hätten ihn tagelang vor die Mikrofone treten lassen und offenbar gewusst, "dass da noch etwas ist".
"Kein Meter Weiterbau ohne Gutachten"
Die Staatsanwaltschaft ermittelt ohnehin, nun sagte Schramma, er habe disziplinarrechtliche Prüfungen gegen diejenigen eingeleitet, die bei der Stadt etwas von den Problemen gewusst, aber nichts gesagt hätten. Überprüft werden soll unter anderem das Verhalten von Baudezernent Bernd Streitberger (CDU). Die KVB, Bauherr bei der U-Bahn-Erweiterung, bestätigten jetzt in einer Pressemitteilung, dass ihnen bereits im September ein "kleiner hydraulischer Grundbruch" von den Bauunternehmen gemeldet worden sei.
Wie die Stadt mitteilte, kam der Hinweis auf den Grundbruch im September weder von den Verkehrs-Betrieben noch von Baudezernent Streitberger, sondern von Norbert Walter-Borjans (SPD). Der Wirtschaftsdezernent hatte demnach am 18. März von Prüfmessungen der städtischen Vermessungsabteilung erfahren. Diese Messungen seien am 5. Februar - also einen knappen Monat vor dem Unglück - wegen "Problemen mit der Wasserhaltung" durchgeführt worden.
Experten halten es für wahrscheinlich, dass am Unglückstag große Mengen Kies und Wasser in die Baugrube für die U-Bahn abrutschten und dadurch der Boden unter dem Archiv so instabil wurde, dass das Gebäude und zwei angrenzende Wohnhäuser zusammenbrachen. Zwei Menschen kamen dabei am 3. März ums Leben.
Auf die Frage, wie er die Bürger davon überzeugen wolle, dass dies nicht noch einmal an anderer Stelle geschehen könne, sagte Schramma: "Hier wird kein Meter weitergebaut, ohne dass wir das nicht vorher zusätzlich begutachtet haben." Dafür habe er unter anderem den TÜV Rheinland hinzugezogen.
"In Amsterdam wackelt's auch"
Personelle Konsequenzen lehne er momentan ab: "Vorschnelle Rücktrittsforderungen sind weder hilfreich noch geboten." Es komme darauf an, dass die Staatsanwaltschaft zügig die Verantwortlichen für das Unglück ermittele. Er lasse nun sämtliche Protokolle von unabhängigen Experten überprüfen, sagte Schramma. Er widersprach der These, der Einsturz des Archivs als Folge des U-Bahn-Baus sei symptomatisch für den maroden Zustand der Stadt: "In Amsterdam wackelt's auch", Kölns Partnerstadt Barcelona habe gleichfalls Probleme.
Die verheerenden Pannen beim Kölner U-Bahn-Bau werden laut SPIEGEL-Informationen demnächst wohl auch die Bundesregierung beschäftigen. Nordrhein Westfalens SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft will bei Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee eine Gesetzesänderung anregen, die "mehr staatliche Kontrolle bei solchen Großprojekten" wie dem Bau der Kölner Nord-Süd-Bahn zur Folge hätte. Es könne nicht sein, dass der Staat hoheitliche Aufgaben an Bauherren und Firmen delegiere.
Im Fall Köln lag die technische Bauaufsicht zunächst bei der Bezirksregierung Düsseldorf. Dort wachen derzeit zwei Beamte über sämtliche Bauvorhaben bei Straßen- und U-Bahnen - für ganz Nordrhein-Westfalen. Darum wird die Aufsicht regelmäßig weiter delegiert, im Fall Köln erst an die Stadt, die wiederum gab die Aufgabe an die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) ab. "Da kontrolliert sich der Bauherr selbst", kritisiert Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer NRW.
jol/dpa/AP/ddp/AFP
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