Tripolis - "Die Boote hatten keine Seenotausrüstung an Bord", sagte Jean-Philippe Chauzy von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) am Dienstag in Genf. Der Sprecher erklärte unter Berufung auf diplomatische Kreise in Libyen, ein bis drei Schiffe seien am Sonntag und Montag vor der libyschen Küste gesunken. Man gehe derzeit von mehr als 300 Vermissten aus. "Sie waren zu weit von der Küste entfernt, als dass sie sich schwimmend hätten retten können", sagte Chauzy.
Ein viertes Schiff, das in der Nähe des libyschen Offshore-Ölfelds Buri in Seenot geraten war, sei an die Küste geschleppt worden, hieß es. Die libysche Internet-Zeitung "OEA" meldete am Dienstag, es sei es mit 350 "völlig erschöpften" Flüchtlingen an Bord zum Hafen der libyschen Hauptstadt Tripolis geschleppt worden. 17 der Bootsflüchtlinge seien in ein Krankenhaus gebracht worden.
Die libysche Küstenwache leitet den Bergungseinsatz, über den es derzeit keine gesicherten Informationen gibt. Als bestätigt gilt, dass mindestens 23 Leichen in der Nähe eines Wracks geborgen wurden, das von Sid Belal Janzur, einem Vorort von Tripolis, aufgebrochen und drei Stunden später 30 Kilometer vor der libyschen Küste untergegangen war. Über den Ausgangspunkt der anderen drei Schiffe ist bisher nichts bekannt.
Der Nachrichtenagentur Mena zufolge sollen sich viele Ägypter unter den Flüchtlingen befunden haben. Einige Migranten hätten die Reise überlebt und Italien erreicht, andere seien abgefangen und nach Libyen zurückgebracht worden, sagte Laurence Hart von der IOM in Libyen. Insgesamt seien in den vergangenen 36 Stunden bis zu 500 Flüchtlinge unterwegs gewesen.
Libysche Behörden hatten zunächst von mindestens zwei Booten berichtet, die in den vergangenen Tagen vor dem nordafrikanischen Land gesunken seien. Mindestens 21 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, Hunderte würden noch vermisst, hieß es. Fast zwei Dutzend Menschen seien gerettet worden. Ein Boot habe 253 Flüchtlinge, das andere 365 an Bord gehabt. Die Suche nach ihnen dauere noch an.
Ein libyscher Behördenvertreter zitierte einen aus Tunesien stammenden Überlebenden, der sagte: "Ich war mit 13 weiteren Tunesiern auf dem Boot mit 365 Flüchtlingen. Ich bin der einzige Überlebende. All meine Landsleute sind ertrunken."
Der "Repubblica" zufolge hatte das libysche Innenministerium zunächst erklärt, ein italienischer Frachter habe 350 in Seenot geratene Flüchtlinge gerettet. Die italienische Küstenwache erklärte jedoch am Dienstag, die 350 Menschen seien bereits am Sonntagnachmittag vom italienischen Schlepper "Asso 22" aufgenommen worden und hätten mit der neuerlichen Tragödie nichts zu tun.
Auch nach dem Drama auf See hält der Flüchtlingsstrom unvermindert an. Mehr als 400 Migranten sollen in den vergangenen Stunden an italienischen Küsten gelandet sein. Die Insel Lampedusa verzeichnete allein am Montag 222 Flüchtlinge.
Der italienische Innenminister Roberto Maroni hatte am Montag erklärt, der Versuch der illegalen Einreise aus Libyen werde ab dem 15. Mai unterbunden, weil dann italienisch-libysche Patrouillen ihre Arbeit aufnehmen würden. Die beiden Länder hatten im vergangenen August ein "Freundschaftsabkommen" unterzeichnet, in dem Tripolis zusichert, seinen Kampf gegen die illegale Einwanderung nach Italien zu verstärken.
Im vergangenen Jahr kamen rund 33.000 Flüchtlinge von Nordafrika auf die süditalienische Insel Lampedusa. Tausende Flüchtlinge machen sich jährlich in oftmals überfüllten Booten von Afrika aus auf den Weg über das Mittelmeer nach Europa. Libyen ist ein häufiger Startpunkt - hier leben laut IOM bis zu eineinhalb Millionen Afrikaner als illegale Einwanderer. Die meisten von ihnen kommen aus Mali, Burkina Faso, Ghana, Niger, Nigeria, Somalia und der Elfenbeinküste. "Ein Teil von ihnen setzt seine Reise nach Europa fort. Sie sparen all ihr Geld, um die Schlepper zu bezahlen", erklärt Chauzy.
Der Uno-Kommissar für Flüchtlingsfragen, Antonio Guterres, bedauerte den Vorfall vor der libyschen Küste sehr und nannte ihn ein weiteres "tragisches Beispiel für ein globales Phänomen, bei dem verzweifelte Menschen verzweifelte Mittel wählen um Krieg, Verfolgung und Armut zu entkommen".
ala/AP/Reuters/dpa
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