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03.06.2009
 

Flugzeug-Katastrophe

Frankreich schickt Militäraufklärer zur Absturzstelle

Die Bergungsarbeiten im Atlantik laufen an: Frankreich will mit Aufklärungsflugzeugen die Absturzstelle des Air-France-Jets eingrenzen, um schnellstmöglich die Black Box zu finden. Ermittler befürchten, dass die Unfallursache vielleicht nie geklärt werden kann.

Paris - "Wir werden von einer Luftoperation über einem riesigen Gebiet zu einer Seeoperation auf begrenztem Raum übergehen", erklärte Kommandant Christophe Prazuck vom französischen Generalstab laut "Figaro". Der heutige Mittwoch werde "ein Tag des Übergangs sein", sagte er.

Ein französisches Patrouillenflugzeug überflog in der Nacht das Gebiet rund 500 Kilometer nordöstlich der brasilianischen Insel Fernando de Noronha, in dem die brasilianische Luftwaffe zuvor Wrackteile und Kerosinspuren des vermissten Airbus 330-200 der Air France geortet hatte.

Jetzt soll ein Awacs-Radarflugzeug die Region überfliegen und die Trümmerspur kartografieren. Auf diese Weise solle die genaue Absturzstelle ermittelt werden, um anschließend die Flugschreiber bergen zu können. Das Flugzeug des Typs Falcon 50 soll vom brasilianischen Natal aus starten, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Norte im Nordosten des Landes. Handels- und Militärschiffe sollen zudem damit beginnen, die an der Wasseroberfläche treibenden Trümmerteile zu bergen, sagte Prazuck.

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Frankreich will zusätzlich ein Spezial-U-Boot mit zwei Tauchrobotern an Bord entsenden, um die Black Boxes der Unglücksmaschine vom Meeresboden zu bergen. Die Flugschreiber senden üblicherweise einen Monat lang Signale, die eine Ortung bis in 6000 Meter Tiefe unter dem Meeresspiegel erlauben. Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva erklärte, er sei zuversichtlich, dass die Black Box gefunden werde. "Ich glaube, ein Land, das Öl in 6000 Metern findet, auch in der Lage ist, ein Flugzeug in 2000 Metern Tiefe aufzuspüren", sagte er.

Sicherheitsexperten zweifeln allerdings daran, dass die Flugschreiber der abgestürzten Maschine im Atlantik jemals gefunden werden. "Theoretisch" könnten die Flugschreiber zwar den Wasserdruck in bis zu 6000 Meter Tiefe aushalten und dank der von ihnen ausgesendeten Signale geortet werden, sagte eine Sprecherin der französischen Ermittlungsbehörde BEA. "Aber so tief ist noch nie eine Black Box gefunden worden." Das Meer in dem Absturzgebiet zwischen Südamerika und Westafrika sei etwa 4700 Meter tief, sagten Fachleute des Hydrografischen und Ozeanografischen Dienstes der französischen Marine (SHOM).

"Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit"

Der Direktor des französischen Amts für Flugunfallanalysen BEA, Paul-Louis Arslanian, warb am Mittwochmorgen auf einer Pressekonferenz in Paris um Geduld. Zwar gebe es einige Indizien zur Unglücksursache, allerdings gelte: "Alles, was wir zum heutigen Zeitpunkt hören, sind Spekulationen."

"Wir haben die Fehlerwarnungen, sind aber noch dabei, sie zu interpretieren. Wir müssen herausfinden, was diese Daten ganz genau bedeuten." Es werde eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls geben, deren Erkenntnisse veröffentlicht würden - "egal, was wir vorfinden werden, auch wenn es unbequeme Wahrheiten sein werden, die zutage treten." Er versprach den kompletten Zugang zu allen Informationen: "Wir werden nichts verschleiern."

Auf die Frage nach möglichen technischen Defekten an der Unglücksmaschine antwortete Arslanian: "Keine Information, die wir im Augenblick zu Verfügung haben, belegt, dass es irgendein Problem mit dem Flugzeug vor dem Start gab."

"Dieses Unglück ist das schlimmste, was wir im Bereich der Luftfahrt in Frankreich erlebt haben", betonte der Leiter der Untersuchungsbehörde. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig. "Aber wir sind nicht mittellos und wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, die uns zur Verfügung stehen, um diese Untersuchungen voranzutreiben." Dennoch sei es möglich, dass die Unglücksursache nie abschließend geklärt werde. "Sie müssen wissen, dass wir vielleicht irgendwann aufgeben müssen."

Brasilien entsendet Marinetaucher

Auch brasilianische Marinetaucher waren am Mittwoch auf dem Weg zur Unglücksstelle im Atlantik, wo vermutlich alle 228 Menschen an Bord des Fluges AF 447 zu Tode kamen. Vier Schiffe mit Bergungsgerät und ein Tanker eilten zu dem Gebiet, wo am Dienstag ein Flugzeugsitz, eine Boje, Wrackteile und Ölspuren gesichtet worden waren. Der Absturzort befindet sich rund 1200 Kilometer nordöstlich der Küstenstadt Recife.

"Jedes Schiff hat zwei Taucher an Bord sowie kleinere Boote die zu Wasser gelassen werden können, um Trümmer zu bergen", sagte Konteradmiral Domingos Nogueira. Er sprach von einem schweren Einsatz, weil die Bergungskräfte noch immer mit schlechtem Wetter zu kämpfen hätten. Hubschrauber sollen die Airbus-Trümmer von den Schiffen auf eine Militärbasis im Archipel von Fernando de Noronha bringen, rund 700 Kilometer vom Absturzort entfernt.

Behördenvertreter aus Frankreich und Brasilien werden bei den Ermittlungen zusammenarbeiten. Ein Experte befürchtete, es könne sich um die schwierigsten Bergungsarbeiten seit dem Untergang der Titanic handeln.

Daran, dass alle Passagiere bei dem Unglück ums Leben kamen, besteht laut Experten kaum noch Zweifel. Bisher wurden allerdings keine Toten geborgen. "Ich will einfach nur die Leiche meines Sohnes finden, damit ich ihn in Würde beerdigen kann", sagte Aldair Gomes, Vater von Marcelo Parente, Kabinettschef des Bürgermeisters von Rio de Janeiro, der an Bord der Unglücksmaschine war.

Hilfe für trauernde Angehörige aus Deutschland

Insgesamt befanden sich 26 Deutsche an Bord der Unglücksmaschine, darunter jüngsten Erkenntnissen zufolge auch zwei Frauen aus Hamburg. Eine 38-Jährige aus dem Stadtteil Hoheluft und eine 24-Jährige aus Barmbek gelten als vermisst, bestätigte ein Polizeisprecher am Mittwoch.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat den Angehörigen bayerischer Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik rasche Hilfe zugesichert. Sobald alle Opfer namentlich bekannt seien, werde - wenn von den Angehörigen gewünscht - geholfen, kündigte Herrmann am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk an. Er betonte: "Wo sich das konkretisiert, stehen dann auch entsprechende Psychologen und Betreuer vonseiten der Polizei, aber auch andere zur Verfügung."

Dem Minister zufolge sind noch nicht alle Opfer identifiziert. Die deutschen Behörden hätten von Air France nur die Namen bekommen. Herrmann betonte: "Zunächst ermittelt die Polizei überhaupt, wer könnte das sein, wo wohnt der. Dann wird das entsprechende Umfeld abgesucht."

Einem Bericht der "Bild"-Zeitung (Mittwochsausgabe) zufolge befindet sich unter anderen eine 31 Jahre alte Verkaufsmanagerin eines Münchner Luxushotels sowie ein 54 Jahre alter Architekt aus München unter den Opfern. Auch eine 43 Jahre alte Brasilianerin, die in München lebte, soll sich an Bord des Flugzeugs befunden haben.

Insgesamt waren 216 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder in dem vermissten Airbus A330-200. Der Air-France-Flug 447 war am Sonntag um 19 Uhr Ortszeit in Rio de Janeiro gestartet und sollte um 11.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Pariser Flughafen Charles de Gaulle eintreffen.

Völlig unklar ist weiter die Absturzursache. Über dem Atlantik verloren die Flugsicherheitsbehörden in der Nacht jeden Kontakt zu der Maschine. In Paris führten die Ermittler die Unglücksursache zunächst auf eine Verkettung unglücklicher Umstände zurück. Nach Einschätzung von Experten muss das Unglück sehr plötzlich eingetreten sein, weil die Besatzung keinen Notruf mehr abgeschickt hat.

Die letzte automatische Nachricht sei gewesen, dass Messinstrumente am Cockpit vereist seien, berichtete die Zeitung "Le Parisien". Das könne dazu geführt haben, dass der Pilot falsche Informationen am Bordcomputer erhalten habe. Es werde auch nicht ausgeschlossen, dass die Maschine in der Luft explodiert sei. Dafür spreche die Tatsache, dass das Notfallsignal nicht funktioniert habe und die Trümmerteile weit verteilt seien.

Es wird außerdem darüber spekuliert, ob ein Blitzschlag oder möglicherweise eine Explosion den Absturz verursachte. Letztlich wird nur die Black Box des Flugzeuges konkreten Aufschluss geben können.

Zwei Tage nach dem Absturz der Air-France- Maschine über dem Atlantik gedenken Menschen weltweit der Opfer. Die brasilianische Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. In Paris ist am Nachmittag in der Kathedrale Notre-Dame ein Gottesdienst geplant, an dem auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der deutsche Botschafter in Paris, Reinhard Schäfers, teilnehmen wollen.

ala/siu/dpa/Reuters/AFP/AP

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