São Paulo/Paris - Die Suche nach den Ursachen des Absturzes von Flug AF447 läuft auf Hochtouren - und immer mehr Details des Unglücks werden bekannt. Offenbar fielen nacheinander mehrere lebenswichtige Systeme an Bord des Flugzeugs aus. Die abgestürzte Air-France-Maschine sei durch eine starke Gewitterfront geflogen und habe erhebliche technische Probleme gehabt, berichtet die brasilianischen Zeitung "O Estado de S. Paulo" unter Berufung auf Quellen bei Air France. Das gehe aus den automatischen Funksignalen der Maschine hervor.
Demnach soll der Pilot der mit 228 Menschen besetzten Maschine gegen 4 Uhr deutscher Zeit ein manuelles Signal abgesetzt haben, dass der Airbus durch eine Region mit sogenannten CB flog: schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Satellitendaten haben gezeigt, dass Gewitterwolken zu dieser Zeit bis zu 160 km/h schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine schickten.
Vermutlich seien die Piloten in ein schweres Tropengewitter geraten. "In ein Gewitter fliegt niemand absichtlich rein. Das ist ein Hexenkessel", sagte der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt der Deutschen Presse-Agentur. Da gehe es mit 185 km/h senkrecht rauf, kurze Zeit später aber schon wieder nach unten. Sei der Flug dann erst einmal instabil, könne eine weitere Turbulenz zur Überlastung der Struktur der Maschine führen.
Zehn Minuten später schickte das Flugzeug eine ganze Serie von Funkmeldungen, die darauf hindeuten, dass der Autopilot abgeschaltet und das Computersystem auf eine alternative Energieversorgung umgeschaltet wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren Kontrollen, die für die Stabilität des Flugzeugs gebraucht werden, bereits beschädigt. Außerdem soll ein Alarmsystem eine weitere Verschlechterung der Flugsysteme angezeigt haben, schreibt die Zeitung.
Die Piloten wollten nach Großbongardts Vermutung schnell durch das Unwettergebiet durchfliegen, denn man könne dieses nicht umfliegen. Aber: "Zum Zeitpunkt des Unglücks sind über dem Atlantik zwei große Gewitterzellen sehr schnell zusammengewachsen. Das Wetter hat sie wohl überholt."
Drei Minuten später deuteten weitere automatisch gefunkte Signale darauf hin, dass zwei weitere wichtige Systeme, mit denen die Piloten Geschwindigkeit, Höhe und Richtung überwachten, ausfielen. "Dann gab es zwei bis drei Minuten lang eine Flut von Fehlermeldungen: Das Navigationsgerät fiel aus, die Bordbildschirme wurden schwarz und anderes", so Großbongardt. Er bezog sich auf Informationen der Air France, die derzeit in Expertenkreisen erörtert würden. Dies betreffe Ausfälle von Systemen, die den Hauptflugcomputer und die Tragflächen-Störklappen kontrollieren.
Die Piloten versuchten noch, gegenzusteuern
Die letzte Information kam um 4.14 Uhr: "Der Kabinendruck fiel ab. Das war die letzte Meldung, die vom Flugzeug automatisch über Satellit an die Unternehmenszentrale gefunkt wurde", sagte Großbongardt. Somit habe sich die gefährliche Lage binnen Minuten zugespitzt.
Dieses Szenario spreche auch gegen Spekulationen über einen Bombenanschlag. Vier Minuten vom Abschalten des Autopiloten bis zum Abfall des Kabinendrucks seien "dann doch eine eher lange Zeit. Das zeigt, dass die Piloten versucht haben, das Problem in den Griff zu bekommen." Einen Gewitterblitz als Ursache schloss er ebenfalls aus: "Ein Blitzschlag holt kein Flugzeug dieser Größe vom Himmel."
Die Unfallermittler in Frankreich dämpfen die Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung der Ursachen. "Die Ermittlungen dauern lange, manchmal sehr lange, denn man kann sich nicht mit 80 Prozent Verständnis zufriedengeben", sagte der Direktor des Amts für Unfallanalysen BEA, Paul-Louis Arslanian, in Paris. "Wir können es uns nicht erlauben, zu spekulieren." Die Suche nach dem Flugschreiber sei besonders schwierig. Der Atlantik ist in dem Gebiet etwa 4000 Meter tief und zudem von Meeresgebirgen durchzogen. Das Amt will Ende Juni einen ersten Bericht vorlegen.
Keine Hoffnung auf Überlebende
Die brasilianische Luftwaffe entdeckte in dem Gebiet zudem auf einer Strecke von 20 Kilometern Öl- und Kerosin auf dem Wasser. Der brasilianische Verteidigungsminister wies Spekulationen über ein mögliches Bombenattentat zurück. Die entdeckte Ölspur spreche gegen eine Explosion der Maschine am Himmel. Nach Ansicht der brasilianischen Regierung und der französischen Armee bestehe kein Zweifel mehr, dass die Wrackteile zum Airbus der Air France gehörten. Die brasilianische Luftwaffe habe am Mittwoch rund 1200 Kilometer nordöstlich der Küste ihres Landes etwa zehn weitere Wrackteile geortet, sagte ein Luftwaffensprecher in Brasília.
Das bislang größte entdeckte Wrackteil der Maschine hat einen Umfang von sieben Metern, möglicherweise war es Teil eines Flügels. Von den 228 Vermissten fehlte weiter jede Spur. Leichen seien nicht gefunden worden, sagte Oberst Jorge Amaral. "Außer bei einem Wunder gibt es angesichts der Vielzahl der Wrackteile streng genommen keinerlei Hoffnung auf Überlebende", hieß es aus Ermittlerkreisen.
Angehörige, Kollegen und Politiker nahmen in der Pariser Kathedrale Notre Dame am Mittwoch Abschied von den Opfern des Flugs AF447. An dem Gedenkgottesdienst nahmen unter anderem Staatspräsident Nicolas Sarkozy, Premierminister François Fillon und der deutsche Botschafter in Frankreich, Reinhard Schäfers, teil. Zahlreiche Piloten, Flugbegleiter und Manager der Gesellschaft Air France trauerten um ihre vermissten Kollegen. Während der Messe wurde ein Beileidsschreiben von Papst Benedikt XVI. verlesen. Die Presse war nicht zugelassen. Brasilien setzte derweil eine dreitägige Staatstrauer an.
Die Ankunft von Schiffen an der Absturzstelle verzögerte sich am Mittwoch wegen hoher See. Die ersten Taucher können daher erst am Donnerstag dort eintreffen, wie eine brasilianische Marinesprecherin mitteilte.
Für die Suche nach der Black Box mit den Flugdaten schickte Frankreich sein modernstes Meeresforschungsschiff, dessen Tauchroboter die Geräte bis zu 6000 Meter tief bergen könnten.
Die französische Luftfahrtbehörde BEA zweifelt jedoch daran, dass die beiden Flugschreiber jemals gefunden werden. Zwar sind sie mit einem Peilsender ausgestattet, der rund 30 Tage lang sendet. Aber sie lägen wahrscheinlich sehr tief auf dem Meeresgrund, der von Unterwasserbergen zerklüftet sei, sagte BEA-Leiter Paul Louis Arslanian. Er sei deshalb "nicht besonders zuversichtlich".
Nach Angaben des Ozeanografischen Dienstes der französischen Marine ist der Atlantik im Absturzbereich bis zu 4700 Meter tief. Aus solchen Tiefen wurde laut BEA noch nie ein Flugschreiber geborgen.
Unterdessen wurde bekannt, dass wenige Tage vor der Katastrophe bei Air France eine Bombendrohung eingegangen war. Die Luftfahrtgesellschaft sieht aber keine Verbindung zu dem Absturz am Montag. Die anonyme Drohung habe sich auf einen Flug von Buenos Aires nach Paris am 27. Mai bezogen und als falsch erwiesen, sagte ein Air-France-Sprecher. Die damals betroffene Maschine, eine Boeing 777, sei überprüft worden, ohne dass Sprengstoff entdeckt worden wäre.
Der französische Verteidigungsminister Hervé Morin erklärte, es gebe keine Hinweise, dass ein Anschlag hinter dem Absturz des Airbus A330 stecken könne. Bislang schloss die französische Regierung aber keine Ursache für den Absturz komplett aus. In französischen Medien wurde spekuliert, Terroristen hätten lockerere Sicherheitsvorkehrungen in Brasilien nutzen können, um eine Bombe an Bord zu schmuggeln.
ore/AP/dpa/Reuters/AFP
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