Brasília - Einsatz auf hoher See: Die brasilianische Marine hat am Donnerstag mit der Bergung von Trümmern der abgestürzten Air-France-Maschine aus dem Atlantik begonnen. Schiffe hätten erste Wrackteile aus dem Meer gefischt, sagte Luftwaffensprecher Ramon Borges Cardoso. Die Trümmer sollten zu Untersuchungen nach Frankreich geschickt werden, dort werden die Ermittlungen zu dem Unglück geleitet.
150 brasilianische Soldaten sind dem Sprecher zufolge bei der Suchaktion 1000 Kilometer vor der Nordostküste Brasiliens im Einsatz, in der Nähe der Sankt-Peter-und-Pauls-Felsen. Das Suchgebiet sei mittlerweile auf eine Fläche von 6000 Quadratkilometer eingeschränkt worden, sagte Borges Cardoso in Recife. Das entspricht fast zweieinhalb mal der Fläche des Saarlandes.
Wie lange die Suche dauern werde, sei völlig offen. Mittlerweile seien drei Marine-Schiffe, darunter auch eine Fregatte, in dem Absturzgebiet eingetroffen. Die Sicht sei derzeit wegen Regens eingeschränkt. Aber die See sei ruhig, so der Luftwaffensprecher.
Bislang wurden keine Leichen an der Absturzstelle gefunden. Sollte es entgegen aller Wahrscheinlichkeit Überlebende geben, müssten sie sich in der Nähe der Trümmer befinden, sagte Borges Cardoso. Für diesen Fall stünden Hubschrauber mit Rettungsbooten und Überlebensausrüstungen an Bord bereit.
Absturz in Haigebiet
Dem brasilianischen Verteidigungsminister Nelson Jobim zufolge dauert es mindestens 48 - manchmal auch bis zu 70 Stunden - bis Leichen im Wasser an die Oberfläche treiben. Dies geschehe aber auch nur, wenn der Rumpf des Körpers unverletzt sei, so der Politiker laut "O Globo Online".
Der Politiker versprach, dass alle Körperteile geborgen würden, die man finden werde. Aber es sei sehr schwierig, da das Meer an der Unglücksstelle rund 3000 Meter tief sei. Außerdem sei die Absturzstelle vor der Küste des brasilianischen Bundesstaats Pernambuco: "Und Sie wissen, was das bedeutet", sagte der Minister im Hinblick auf das als Hairegion bekannte Gebiet.
Neben den brasilianischen Marineschiffe soll in den kommenden Tagen ein französisches Meeresforschungsschiff in der Region eintreffen, dessen Tauchroboter die Flugschreiber bergen könnten. Um die Unglücksursache zu klären, bedarf es dringend der Daten der beiden Flugschreiber.
Anderer Pilot will Lichtblitz gesehen haben
Der Pilot eines spanischen Linienflugzeugs will beim Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik einen Lichtblitz in der Nähe der Unglücksstelle gesehen haben. "Wir sahen plötzlich in der Ferne einen starken und intensiven Strahl von weißem Licht, der sich vertikal nach unten bewegte", berichtete der Pilot nach laut der Madrider Zeitung "El Mundo".
Unterdessen rätselten Experten weiter über die Ursache für den Absturz. Dass ein Blitzschlag oder extreme Turbulenzen allein den Absturz ausgelöst haben könnten, wurde stets bezweifelt. Nun gibt es eine mögliche Erklärung: Nach Informationen der französischen Tageszeitung "Le Monde" soll der Airbus des Typs A330 mit 228 Menschen an Bord in der Gewitterzone über dem Meer nicht mit angemessener Geschwindigkeit geflogen sein.
Der Flieger sei mit falschem Tempo unterwegs gewesen, zitierte die Website des Blattes einen nicht genannten Experten aus dem Umfeld der Ermittlungen. Nähere Angaben wurden nicht gemacht.
Airbus werde in Abstimmung mit der französischen Luftfahrtaufsicht BEA noch am Donnerstag an alle A330-Kunden eine Mitteilung schicken, in der daran erinnert werde, dass die Besatzung bei schwierigen Wetterbedingungen den richtigen Schub der Triebwerke beibehalten müsse, "um das Flugzeug auf Kurs zu halten", hieß es in dem Bericht.
Nach Meinung eines deutschen Luftfahrtexperten sind die Berichte über ein falsches Tempo jedoch wenig glaubwürdig. "Der Spielraum für die Geschwindigkeit ist relativ schmal in dieser großen Höhe", sagte Heinrich Großbongardt. Fliege man zu langsam, reiße der Strömungsfluss ab, fliege man zu schnell, ebenso: "Das macht kein Pilot aus Versehen." Dagegen könnten heftige Vertikalböen die Geschwindigkeit des Unglücks-Airbus schlagartig verändert und so das Auseinanderbrechen der Maschine verursacht haben.
Ermittlungsbehörde warnt vor Spekulationen
Der Unfallforscher und ehemalige Pilot Jean Serrat verfolgt eine andere Theorie zur Absturzursache: Möglicherweise sei das Flugzeug vereist gewesen. Aus Untersuchungskreisen hieß es unterdessen, auch eine Explosion an Bord werde nicht ausgeschlossen. Das Amt für Unfallanalysen (BEA) in Paris warnte erneut vor Spekulationen über die Unglücksursache.
Die Maschine war in der Nacht auf Pfingstmontag auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris abgestürzt. Die 228 Insassen kamen aus 32 Ländern. Die Zahl der deutschen Todesopfer wurde am Donnerstag nach oben korrigiert: Bei dem Absturz seien 28 Bundesbürger ums Leben gekommen, teilte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin mit. Zuvor war man von 26 Deutschen ausgegangen. Nach neuen Erkenntnissen hatten aber zwei der Insassen die doppelte Staatsbürgerschaft.
Die Tageszeitung "Le Figaro" berichtete unter Bezug auf Ermittlungskreise, die Trümmer seien über mehr als 300 Kilometern verteilt. Dies spreche dafür, dass das Flugzeug in der Luft auseinandergerissen wurde. Darauf weise auch die letzte automatische Meldung aus der Unglücksmaschine hin, derzufolge der Kabinendruck gefallen sei.
Klar ist bisher: Die abgestürzte Air-France-Maschine ist durch eine starke Gewitterfront geflogen und hat erhebliche technische Probleme gehabt. Das gehe aus den automatischen Funksignalen der Maschine hervor, berichtete die brasilianische Zeitung "O Estado de S. Paulo" unter Berufung auf Quellen bei Air France. Satellitendaten hätten gezeigt, dass zu dieser Zeit bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnelle Sturmböen auf die Maschine prallten. Alles habe darauf hingedeutet, dass der Autopilot abgeschaltet und das Computersystem auf eine alternative Energieversorgung umgeschaltet worden sei.
Erkenntnisse über die letzten Minuten vor dem Absturz der Passagiermaschine hatten am Mittwochabend Spekulationen über die Unglücksursache angeheizt. Demnach habe der Airbus A330-200 am Montagmorgen zwar keinen Notruf abgesetzt, jedoch ein Dutzend automatische Botschaften gesendet, wonach mehrere lebenswichtige Systeme an Bord ausgefallen seien (siehe Kasten).
In Rio de Janeiro nahmen am Donnerstag mehrere hundert Menschen an einer bewegenden Trauerfeier teil. Auch der französische Außenminister Bernard Kouchner und sein brasilianischer Amtskollege Celso Amorim gedachten in der ökumenischen Feier der Opfer.
siu/AFP/dpa/Reuters/AP
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