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05.06.2009
 

Suche nach Unglücks-Airbus

"Wir haben keine Ahnung, was passiert sein könnte"

Was geschah am Bord von Air-France-Flug 447, wo stürzte die Maschine in den Atlantik - und warum? Auch an Tag fünf nach Verschwinden des Jets suchen Bergungsteams nach Wrackteilen und Opfern. Doch mysteriös finden Experten das nicht.

Hamburg - Mehrere Schiffe kreuzen im mutmaßlichen Absturzgebiet, dort, wo Air-France-Flug AF-447 in der Nacht zu Montag verschwand. 228 Menschen waren an Bord der Maschine, auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris. Doch sie kamen nie an, die Angehörigen warten noch immer auf Erklärungen: Was geschah in jener Nacht, warum finden die Suchtrupps keine Opfer - wird die Katastrophe jemals aufgeklärt werden?

Die brasilianische Armee musste jetzt einräumen, dass die bislang aus dem Meer gefischten Teile nicht wie zunächst angenommen von der abgestürzten Maschine stammen. Es handelte sich unter anderem um eine Holzpalette. Zudem habe sich herausgestellt, dass der angebliche Kerosinfilm auf dem Wasser auch Öl von einem Schiff sein könnte. Die brasilianische Luftwaffe hatte auch gemeldet, dass ein Flugzeugsitz gesichtet worden sei, ebenso ein sieben Meter langes Wrackteil - doch die wurden noch nicht geborgen.

Das Hauptproblem bei den Bergungsarbeiten ist nach Einschätzung der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig die schiere Größe des Suchgebiets: eine Fläche von etwa 6000 Quadratkilometern, etwa der zweieinhalbfachen Fläche des Saarlandes. "Das ist die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Es ist schwierig, wenn man keine Anhaltspunkte hat", sagte Flugunfalluntersucher Karsten Severin SPIEGEL ONLINE.

Sobald die Suche erste konkrete Fakten ergeben habe, beispielsweise die Black Box gefunden worden sei, werde die BFU einen Beobachter zu den Untersuchungen schicken, so Severin - denn auch Deutsche sind unter den Opfern. Auf die Frage, ob es sehr ungewöhnlich sei, dass eine Maschine einfach so verschwinde, sagte Severin: "So häufig passieren solche Unfälle zum Glück nicht." Dass Flugzeuge nach einem Absturz für eine gewisse Zeit nicht geortet würden, komme vor: "Aber meistens werden die Wracks gefunden."

Nach Einschätzung der Deutschen Flugsicherung ist die Suche nach der abgestürzten Maschine so schwierig, weil man nicht weiß, in welche Richtung, mit welcher Geschwindigkeit und wie lange sie nach dem letzten Meldepunkt unterwegs war. "Wir haben keine Ahnung, was da passiert sein könnte", sagte Sprecherin Kristina Kelek.

Die Association of European Airlines (AEA) bat um Geduld: "Da gibt es wohl in der Öffentlichkeit eine falsche Wahrnehmung. Es ist unglaublich schwierig, etwas auf offener See zu finden", sagte AEA-Sprecher David Anderson SPIEGEL ONLINE: Es sei eben nicht so, dass man einfach mit Flugzeugen über die Gegend fliege und dann automatisch etwas sichte. "Einsatzkräfte berichten immer wieder von Fällen, in denen sie sogar über ein Rettungsboot hinwegfliegen und es übersehen", so Anderson.

Paris rügt Brasilien wegen Kommunikationspanne

Unterdessen kritisierte Paris die brasilianischen Behörden für voreilige Aussagen zu angeblich geborgenen Wrackteilen des verunglückten Airbus. "Die französische Regierung sagt seit Tagen, dass man extrem vorsichtig sein muss", erklärte Staatssekretär Dominique Bussereau dem Sender RTL am Freitag. "Unsere Flugzeuge und Schiffe haben bislang gar nichts entdeckt, es waren unsere brasilianischen Freunde, die Dinge gesehen haben, von denen sie glaubten und behaupteten, dass sie zu dem Flugzeug gehörten", fügte er hinzu.

Falls das Flugzeug explodiert sei, sei es sehr schwierig, Leichenteile im Wasser zu finden, sagte der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos. "Normalerweise können Leichen im Wasser gut geborgen und identifiziert werden", sagte er am Freitag weiter.

Dem brasilianischen Verteidigungsminister Nelson Jobim zufolge dauert es mindestens 48, manchmal auch bis zu 70 Stunden, bis Leichen im Wasser an die Oberfläche treiben. Dies geschehe aber auch nur, wenn der Rumpf des Körpers unverletzt sei, so der Politiker laut "O Globo Online".

Der französische Außenminister Bernard Kouchner bekräftigte, dass der Generalstaatsanwalt die Vermissten noch nicht offiziell für tot erklärt habe. Das sei je nach Umständen erst nach drei Wochen oder drei Monaten möglich. Kouchner, der am Donnerstag in Rio an einer Trauerfeier teilgenommen hatte, versprach Transparenz bei den Untersuchungen. "Wir verbergen nichts, und wir hätten auch keinerlei Grund, etwas zu verheimlichen", sagte er.

"Die Suche geht weiter", betonte der Sprecher der Luftwaffe, Ramon Cardoso. Derzeit sind elf brasilianische und fünf französische Maschinen im Einsatz. Die USA entsandte ebenfalls ein Suchflugzeug.

Der Flugschreiber, der 30 Tage lang Signale aussendet, wurde bislang noch nicht geortet. Seine Bergung könnte extrem schwierig werden, da der Atlantik in dem Gebiet von Meeresgebirgen durchzogen ist. Ein französisches Spezialschiff mit zwei Tiefsee-U-Booten soll helfen.

Die Wahrscheinlichkeit, die Black Box zu finden, geht laut Flugunfallsucher Severin zurück: "Das Zeitfenster wird immer kleiner." Zum anderen sende er nur im Umkreis von cirka zwei Kilometern: "Wenn die Black Box also wirklich in 6000 Metern Tiefe liegt, muss man 4000 Meter tief gehen, um das Signal überhaupt empfangen zu können."

Sollte der Flugschreiber nicht gefunden werden, könne die Unfallursache theoretisch noch ermittelt werden, indem man aus den Wrackteilen das Flugzeug wieder zusammenbaue, so Severin. Dies sei beispielsweise nach dem Absturz der PanAm-Maschine über Lockerbie im Dezember 1988 und der Boeing 747 der Airline TWA im Juli 1996 vor Long Island geschehen. "Aber dafür müssen fast alle Wrackteile gefunden werden", sagte der Flugunfalluntersucher.

"Das Unglück ist extrem ungewöhnlich"

Noch stellt das Unglück die BFU vor ein Rätsel. "Für mich ist das Ganze ein riesiges Fragezeichen", sagte Severin. Diese Unkenntnis lasse im Moment alle so geschockt verfolgen, was gemeldet werde: "Wir Menschen tun uns schwer mit Ungewissheit."

Auch auf internationaler Ebene herrscht Ratlosigkeit. "Das Unglück ist extrem ungewöhnlich", sagte AEA-Sprecher Anderson. Ihm fielen keine vergleichbaren Unfälle ein - "zumindest nicht in der Ära der modernen Technik".

Die Ursache der Katastrophe ist noch unklar. Als sicher gilt: Die abgestürzte Air-France-Maschine ist durch eine starke Gewitterfront geflogen und hatte erhebliche technische Probleme.

Möglicherweise gab es Probleme mit der Geschwindigkeit. Nach Informationen der französischen Tageszeitung "Le Monde" soll der Airbus in der Gewitterzone über dem Meer nicht mit angemessener Geschwindigkeit geflogen sein.

Airbus sendete widersprüchliche Geschwindigkeitsdaten

Vor seinem plötzlichen Verschwinden hat das Unglücksflugzeug widersprüchliche Geschwindigkeitsdaten gesendet, wie aus einem Schreiben von Airbus an die Fluggesellschaften hervorgeht. Das Flugzeug schickte danach aus einer Unwetterzone heraus automatische Fehler- und Wartungsmeldungen an das Wartungszentrum der Air France, die zeigen, dass die von verschiedenen Sensoren gemessenen Luftgeschwindigkeitsdaten nicht zusammenpassen.

Solche Situationen seien nicht ungewöhnlich, und es gebe dafür extra Zulassungshandbücher, erklärte Airbus-Sprecher Stefan Schaffrath. "Wir wissen nicht, was zu den unterschiedlichen Messungen geführt hat und was danach im Cockpit geschah."

Der Pilot eines spanischen Linienflugzeugs will beim Absturz der Air-France-Maschine einen Lichtblitz in der Nähe der Unglücksstelle gesehen haben. Die dreiköpfige Cockpitcrew einer Lufthansa-Maschine, die am Pfingstmontag auf einer ähnlichen Route wie der Unglücks-Airbus flog, hat der Airline zufolge keine Besonderheiten beobachtet. Die Boeing 747-400, die 311 Fluggäste von Sao Paulo nach Frankfurt brachte, landete ohne Zwischenfälle in Deutschland.

Erkenntnisse über die letzten Minuten vor dem Absturz der Passagiermaschine hatten am Mittwochabend Spekulationen über die Unglücksursache angeheizt. Demnach habe der Airbus A330-200 am Montagmorgen zwar keinen Notruf abgesetzt, jedoch ein Dutzend automatische Botschaften gesendet, wonach mehrere lebenswichtige Systeme an Bord ausgefallen seien (siehe Kasten).

Für Freitag haben die Meteorologen schlechtes Wetter vorausgesagt, was die Suche erschweren würde.

Protokoll: Die letzten Signale des Unglücks-Airbus

23 Uhr (Ortszeit)

Der Pilot meldet der Zeitung "O Estado de S. Paulo" zufolge, dass er durch "CBs" fliege - schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Satellitendaten haben gezeigt, dass Gewitterwolken zu dieser Zeit bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine schickten.

23.10 Uhr

23.13 Uhr

23.14 Uhr

siu/AFP/dpa/Reuters/AP

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