Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Viele große US-Städte sind ohne Auto kaum zu erkunden - und so ist die US-Hauptstadt Washington besonders stolz auf ihr funktionierendes öffentliches Transportsystem: die Washington Metrorail, kurz Metro, die zumeist unterirdisch die Stadt durchzieht. Erbaut 1976, mittlerweile angeschwollen auf fünf Linien mit 86 Stationen und über 170 Kilometer Gleisen. Rund 215 Millionen Passagiere zählt sie pro Jahr, mehr als 700.000 pro Wochentag, es ist die zweitgrößte Metro der USA nach der in New York. Die Washingtoner Haltestellen sind kleine architektonische Meisterwerke, mit viel Beton kunstvoll gestaltet von Stararchitekt Harry Weese, sie gelten als Vorzeigeexemplare der "brutalist architecture".
Am Montagnachmittag, kurz nach 17 Uhr Ortszeit, schlug die Brutalität mitten auf der Strecke zu. Auf der Red Line, der belebtesten U-Bahn-Linie der Hauptstadt, raste kurz vor der Station Fort Totten eine U-Bahn mit sechs Wagen in einen anderen Zug, der auf der Strecke hatte halten müssen, weil im Bahnhof noch eine andere Bahn stand.
Die Fahrerin hatte laut Augenzeugenberichten durchgegeben, dass sie deswegen zum Stillstand gekommen seien. Aus bislang nicht geklärten Umständen fuhr der Zug weitgehend ungebremst von hinten auf. So heftig war der Aufprall, dass die Züge aufeinander liegenblieben, teilweise aufgeschlitzt. Passagierin Jodie Wickett sagte CNN, sie habe eine Textnachricht verschickt, als sie einen Aufprall spürte. "Von da an ging alles so schnell", berichtete Wickett. "Ich flog aus meinem Sitz und stieß mir den Kopf." Weitere Augenzeugen gaben US-Medien zu Protokoll, dass sie nach dem Zusammenstoß bis zu fünfzehn Minuten in den Wagen warten mussten, ehe die ersten Helfer oder Durchsagen kamen. "Es war ziemlich beängstigend, dass niemand da zu sein schien", sagte Passagierin Allison Miner der "New York Times". Andere sagten, alle stehenden Fahrgäste seien zu Boden geschleudert worden.
Viele Passagiere halfen sich gegenseitig aus den Zügen, andere mussten Helfer mit schwerem Gerät befreien. Noch spät am Abend gingen Rettungskräfte immer wieder durch die Züge, um sicherzustellen, dass niemand übersehen worden war.
Das erste Todesopfer war rasch identifiziert - die Fahrerin des auffahrenden Zuges. Inzwischen stieg die Zahl der Toten auf neun, meldete CNN am Dienstagfrüh. 76 Menschen werden noch in Krankenhäusern behandelt, sechs davon sollen sich in Lebensgefahr befinden. In Fernsehbildern waren Verletzte zu sehen, die in einem Bus zur Behandlung gebracht wurden, viele humpelten, deuteten auf ihre Verletzungen. An der Unglücksstelle kreisten Helikopter. Hunderte Sanitäter, Polizisten und Feuerwehrleute waren noch in den Morgenstunden im Einsatz.
"Das ist die schlimmste Tragödie in der Geschichte von Washingtons U-Bahn", erklärte Bürgermeister Adrian Fenty. Präsident Obama sagte, seine Gedanken und Gebete seien bei den Opfern.
Das FBI hat Untersuchungen eingeleitet, bislang soll es jedoch keine Anzeichen auf einen terroristischen Hintergrund geben. Was die Katastrophe verursacht haben könnte, wird wohl erst in wochenlanger Recherche herauszufinden sein. Klar ist bislang nur, dass beide Züge in dieselbe Richtung unterwegs waren. Laut US-Medienberichten werden die U-Bahn-Züge normalerweise durch ein elektronisches Überwachungssystem kontrolliert. Dieses soll verhindern, dass die Züge sich zu nahe kommen. Laut "Washington Post" wurden in den vergangenen Jahren Probleme mit diesem System identifiziert, im Jahr 2000 wurde es ausgetauscht.
Der U-Bahn-Verkehr in ganz Washington war erheblich beeinträchtigt, da die Red Line sich wie eine Hauptschlagader durch das Streckennetz zieht. In Stationen waren Schilder zu sehen, die erhebliche Verspätungen auf allen Linien ankündigten.
Die Frage, die es nun zu beantworten gilt, ist: Wie verlässlich ist das U-Bahn-System der US-Hauptstadt noch? Immerhin war dieses Unglück die dritte größere Kollision in den vergangenen 15 Jahren. Bei einem Zwischenfall 1996 kam ein Zugfahrer um, bei einem anderen wurden 20 Menschen verletzt. "Das System ist veraltet und muss sehr genau untersucht werden", sagte Peter Goelz, ehemaliger Direktor des National Transportation Safety Board, der "New York Times".
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