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19.07.2009
 

Erdrutsch in Sachsen-Anhalt

Bundeswehr soll die Vermissten aufspüren

Die Retter sind machtlos: Weil neue Erdrutsche drohen, können die Helfer in Nachterstedt nicht nach Verschütteten suchen. Nun soll die Bundeswehr helfen. Die Behörden haben die Region zum Katastrophengebiet erklärt - doch einige Schaulustige ignorieren die Lebensgefahr.

Nachterstedt - Mehr als ein wenig Trost spenden und Mut machen konnte auch der Ministerpräsident nicht: Als Wolfgang Böhmer sich am Sonntag nach dem verheerenden Erdrutsch in Nachterstedt ein Bild von den Folgen der Tragödie machte und mit betroffenen Bewohnern, Behördenvertretern und Rettungskräften sprach, blickte er in verzweifelte, hilf- und ratlose Gesichter.

Auch 36 Stunden nach dem Unglück kann niemand sagen, warum eine Million Kubikmeter Erde und Geröll auf einmal wegsackten und Häuser und Straßen mitrissen. Und noch immer kommen die Retter nicht voran, können sie nicht in das Trümmerfeld am Ufer des Concordiasees vorrücken, um nach den drei Verschütteten zu suchen, die dort vermutet werden. Eine 48-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 50 und 51 Jahren wurden in den Schlammmassen begraben. Der zuvor noch gesuchte 22-jährige Sohn eines Vermissten meldete sich inzwischen bei den Behörden.

Das Risiko für die Retter am Unglücksort ist derzeit einfach zu groß, am mehrere hundert Meter breiten Krater herrscht weiterhin akute Lebensgefahr, weitere Erdrutsche sind nicht auszuschließen. Hubschrauber überflögen weiterhin die Gegend und suchten nach einer Möglichkeit, Bergungstechnik einzusetzen, sagte ein Polizeisprecher des Salzlandkreises am Sonntag. Aufnahmen von Wärmebildkameras haben bislang keine Hinweise auf die Vermissten gebracht.

Robotereinsatz gescheitert

Nach Angaben Böhmers soll nun die Bundeswehr bei der Suche nach den vermissten drei Bewohnern des verschütteten Doppelhauses helfen. Auch der Einsatz eines Roboters wurde geprüft, scheiterte am Sonntag jedoch zunächst. Wegen der schwierigen Geländeverhältnisse könne das Gerät der Privatfirma nicht genutzt werden, sagte der Verbindungsoffizier der Bundeswehr, Andreas Meyer, in Nachterstedt. Derzeit werde geprüft, wie die Soldaten helfen könnten. Wegen des sehr weichen und morastigen Bodens konnten keine Suchhunde eingesetzt werden. Die Chancen, die Vermissten lebend zu finden, seien denkbar gering, hieß es auf einer Pressekonferenz mit Böhmer.

Das Gebiet um den See wurde zum regionalen Katastrophengebiet ernannt und weiträumig abgesperrt. Trotzdem hätten sich sogar Familien mit Kindern zu der Abbruchkante vorgewagt und damit in höchste Lebensgefahr begeben, sagte eine Sprecherin des Kreises.

Zehn Häuser blieben evakuiert und seien aus Schutz vor Plünderungen versiegelt worden. Die Bewohner müssten sich darauf einrichten, für längere Zeit nicht zurück in ihre Häuser zu können, sagte Böhmer. Die Häuser am Rande der Bruchzonen könnten in absehbarer Zeit nicht wieder bezogen werden. Die Böschung müsse zunächst gesichert werden, sagte der CDU-Politiker nach einem Hubschrauberflug über das Gebiet am Concordiasee. Böhmer sprach von einer großen Hilfsbereitschaft der Dorfbevölkerung. Die 42 Evakuierten seien in Ferienhäusern, bei Verwandten oder in Hotels untergekommen.

Böhmer wollte sich nicht zu einer möglichen Unglücksursache äußern. Er verwies aber darauf, dass dies im 19. Jahrhundert eine Tiefbergbau-Region war. Der alte Bergbau sei vor 120 bis 130 Jahren eingestellt worden. Vor 80 Jahren seien dann auf dem alten Kippengelände die Häuser errichtet worden.

"Heute würde niemand mehr hier bauen"

Der Sprecher der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV), Uwe Steinhuber, sagte, heute würde niemand mehr auf altem Kippengelände bauen. Man habe aber nicht damit rechnen können, dass nach so langer Zeit die Kippe nachgeben könnte. Untersuchungen müssten ergeben, so der LMBV-Sprecher, ob unterirdische Hohlräume des Bergbaus zu dem Erdrutsch geführt haben. Anwohner hatten nach der Katastrophe von Bauarbeiten berichtet, bei denen Hohlräume verfüllt wurden.

Die Suche nach der Unglücksursache könnte Monate dauern. In der Nacht auf Samstag hatte es zwar kräftige Regenfälle gegeben. Ein Zusammenhang sei aber eher unwahrscheinlich, hieß es von Behördenseite. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg leitete ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ein.

Nach Behördenangaben verschwand bei dem Unglück ein Uferareal von 350 mal 150 Meter in dem See, einem gefluteten Tagebau. Das Gebiet ist eine beliebte Urlaubsregion mit vielen Ferienhäusern. Von 1865 bis 1990 wurde dort Braunkohle abgebaut. Seit etwa Mitte der neunziger Jahre wird der Schacht geflutet.

Mini-Tsunami hebt Ausflugsboot an Land

Eine ähnliche Katastrophe wie in Nachterstedt an anderen inzwischen gefluteten Tagebauen schließt die LMBV aus. Es handle sich hier um ein "außergewöhnliches, tragisches Ereignis", Sprecher Steinhuber, am Sonntag.

Durch den Erdrutsch sei der Wasserstand des Concordiasees um 60 Zentimeter gestiegen, so Steinhuber. Dadurch seien Dutzende der 100 Pegel, die rings um den See die Stabilität der Böschungen überwachen, verschüttet worden. Welche Auswirkungen der Erdrutsch auf die Stabilität hat, lasse sich erst nach umfangreichen Untersuchungen sagen.

Der Erdrutsch hatte eine Art Mini-Tsunami ausgelöst und auf der gegenüberliegenden Seite des Böschungsabrutsches das Ausflugsschiff "Seeperle" um 15 Meter angehoben und auf Sand gesetzt. Die Behörden erließen für den See ein striktes Bade- und Schifffahrtsverbot.

phw/dpa/ddp/AP

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