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10.08.2009
 

Terror auf Mallorca

Eta demütigt Spaniens Polizei

Aus Palma de Mallorca berichtet Frank Feldmeier

Die Wucht der Bomben war nicht groß - doch sie genügte, um die Behörden empfindlich zu treffen: Die Terrororganisation Eta hat erneut auf der Touristeninsel Mallorca zugeschlagen. Es ist eine Strategie der Nadelstiche - um Spaniens Sicherheitskräfte vorzuführen.

Palma de Mallorca - "Wir müssen von zwei Hypothesen ausgehen", sagt Ramon Socías, Sprecher des mallorquinischen Innenministeriums, dem Sender Cadena SER. "Die eine ist, dass die Eta sich immer noch auf der Insel befindet und die andere, dass sie die Insel verlassen hat."

Die Erklärungsversuche der Behörden zu der jüngsten Attentatsserie auf der beliebtesten Ferieninsel Europas klingen ratlos: Vier Sprengsätze explodierten am Sonntag und Montag auf Mallorca, alle waren an touristischen Tummelplätzen deponiert.

Überall auf Mallorca stehen nun bewaffnete Polizisten - mit rund 1600 Einsatzkräften wird nach den Tätern gefahndet, an Kreuzungen und strategischen Punkten. Neue Anschläge kann niemand ausschließen, der Sicherheitsapparat läuft für alle sichtbar auf Hochtouren.

In Spanien wiederholen sich alljährlich die "Sommerkampagnen" der Eta: Terroristen deponieren eine oder mehrere Bomben kleineren Kalibers in Urlaubsorten mit Restaurants, Cafés oder Discotheken - dort, wo viele Menschen unterwegs sind. Ein anonymer Anrufer meldet sich kurz vor der Explosion. Die Polizei hat dann in der Regel gerade noch Zeit, die Menschen am Ort des Anschlags in Sicherheit zu bringen - und eventuell die Bombe zu entschärfen.

2009 ist Mallorca an der Reihe. Auf der Insel hatte die Eta schon früher zugeschlagen und Anschläge auf den spanischen König Juan Carlos geplant, Urlaubsorte jedoch verschont. Das ist in diesem Jahr anders: Erst vor elf Tagen wurden bei einer Explosion in Palmanova zwei Polizisten der Guardia Civil getötet - zu diesem Anschlag hat sich die Eta offiziell bekannt.

Danach war eine beispiellose Fahndungsaktion auf der Insel eingeleitet worden: Flughäfen wurden abgesperrt, Fähren kontrolliert, die Sicherheitskräfte verstärkt - doch genau unter deren Nase gelang es nun der Eta, erneut zuzuschlagen; eine Demonstration der Stärke, eine Demütigung der Ermittler.

Die Theorie, dass die Eta doch ein festes Kommando auf der Insel hat, gewinnt mehr Anhänger - zumindest von einer festen Struktur ist nun die Rede. Die Zeitung "El País" berichtet von Vermutungen der Ermittler, wonach noch immer zwei mutmaßliche, nicht polizeilich erfasste Terroristen auf Mallorca seien. Die vier Bomben vom Sonntag und Montag könnten theoretisch jedoch auch schon vor längerer Zeit deponiert worden sein: Die Zeitzünder sind auf mehrere Monate einstellbar, die Bomben waren in der Deckenverkleidung von Toilettenräumen versteckt und so nicht sichtbar.

Eta: Im Krieg mit Spanien

Gegen die Touristen richten sich die Anschläge nur indirekt, auch wenn sie direkt betroffen sind. Käme ein Urlauber ums Leben, nähme das die Eta jedoch billigend in Kauf bei der Verfolgung ihres Ziels, der Reisebranche zu schaden. Die Terroristen glauben, sich in einem Krieg mit Spanien zu befinden, und halten mit ihren Morden an dem illusorischen Ziel fest, die von Basken bewohnten Provinzen Spaniens und Frankreichs zu einem eigenen Staat zusammenzufassen.

Bei ihren Sommer-Anschlägen erreichen die Terroristen Schrecken und Negativschlagzeilen auch mit geringen Sprengstoffmengen - im Gegensatz zu meist tödlichen Attentaten auf Politiker oder Polizisten.

In den achtziger Jahren hatte die Eta durch brutale Anschläge wichtige Sympathisanten verloren, seitdem vermeidet sie Aktionen, bei denen in erster Linie unbeteiligte Zivilisten sterben. Zwar hätten auch deutsche Urlauber zu Schaden kommen können. Doch Ziele in Palma - ein Restaurant am Stadtstrand Can Pere Antoni, ein Café an der Strandpromenade des Viertels Portitxol, eine Einkaufsgalerie unter der Plaça Mayor und ein Hotel - konnten durch Ankündigungen im Vorfeld rechtzeitig evakuiert werden oder waren am Sonntag ohnehin nicht für Publikumsverkehr geöffnet.

"Wir lassen uns nicht von einigen wenigen erschrecken"

Auch ohne Verletzte und ohne neues Todesopfer treffen die Terroristen Spanien an einer empfindlichen Stelle. Mit 3,5 Millionen deutschen Gästen pro Jahr sind die Balearen mit die wichtigste Touristenregion Spaniens und nebenbei derzeitiger Urlaubsort der spanischen Königsfamilie.

Mit den jüngsten Anschlägen demonstriert die Eta im 50. Jahr nach ihrer Gründung, dass sie sehr viel weniger geschwächt ist, als die spanische Regierung in den vergangenen Monaten immer wieder betont hat - ständig waren Fahndungserfolge und Verhaftungen vermeldet und das baldige Ende der Eta angekündigt worden. Innerhalb weniger Monate hatte die Polizei mehrere Militärchefs gefasst.

Dem halten die Terroristen nun in einem Kommuniqué vom Sonntag entgegen, dass die Strategie der Regierung, die Eta mit polizeilichen Mitteln zu besiegen, gescheitert sei. Mit den Explosionen in Palma wurde die Polizei regelrecht vorgeführt.

Nach der neuen Anschlagsserie fällt es Politik und Tourismuswirtschaft schwieriger, ein weiteres Mal die Rückkehr zur Normalität auszurufen. "Wir sind kämpferisch und lassen uns nicht von einigen Wenigen erschrecken, die weder an den Rechtsstaat noch an die Demokratie glauben", sagte der sozialistische Balearen-Premier Francesc Antich in einer ersten öffentlichen Stellungnahme fast beschwörend.

Das Auswärtige Amt hat keine allgemeine Reisewarnung herausgegeben und belässt es bei Mahnungen zur Vorsicht. Das balearische Tourismusministerium setzt auf eine Informationskampagne und hat eine Hotline für besorgte Touristen geschalten. Während sich Mallorcas Hoteliers auf Fragen nach den erwarteten Stornierungen einstellen, zeigte sich die oppositionelle Volkspartei (PP) in einer Mitteilung überzeugt, dass die Tourismuswirtschaft keinen Schaden nehmen werde.

"Wenn wir wollen, können wir euch schaden"

"In anderen Städten wie Madrid oder London gab es sehr schlimme Attentate, und der Tourismus wurde nicht beeinträchtigt", meint Antoni Mas, Vorsitzender des Verbands der Gastronomen auf den Balearen, gegenüber der Zeitung "Diario de Mallorca". Tourismusexperten sprechen von einem Gesetz, wonach punktuelle Krisen an Urlaubsorten bei Touristen schnell wieder vergessen seien, solange die Infrastruktur keinen großen Schaden nehme.

Aber gerade weil der letzte Anschlag auf Mallorca noch keine zwei Wochen zurückliege, seien die Folgen unabsehbar, heißt es beim Verband der Hotelketten auf den Balearen.

Die jüngsten Attentate seien anders als das, was vor elf Tagen geschah, sagt auch Bartolomé Servera, Vorsitzender des Einzelhandelsverbands Afedeco, zum "Diario de Mallorca": "Das war ein Wink der Terroristen. Ihre Botschaft lautet: Wenn wir wollen, können wir euch schaden."

mit Material von AP

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