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11.10.2009
 

Freizeit-Indianer

Hessen im Lendenschurz

Von Anne Seith, Frankfurt am Main

Hessische Indianer: Der Trapperground in Bischofsheim
Fotos
SPIEGEL ONLINE

Sie schlafen in Tipis, trommeln, sitzen am Lagerfeuer und kochen Beerensuppe: In Wiesbaden pflegen die Mitglieder des "Indian and Mountain Men Club" mit Inbrunst die traditionelle Lebensweise der Indianer. Dass sie manchmal belächelt werden, stört die Hessen wenig.

Wiesbaden - Der süßlich-beißende Geruch hängt in jeder Faser des Zelts, er setzt sich in der Nase und allen Kleidungsstücken fest, kaum, dass man das Tipi betreten hat. Es ist das starke Aroma des Feuers, das Wärme spendet und den Regen verdampfen lässt. Zumindest wenn er nicht allzu heftig durch die offene Spitze des Zeltes prasselt. Für Ulrich Ackermann ist es der Geruch der Freiheit. "Wenn man hier liegt und den Mond sehen kann, ist das die Belohnung für alles", sagt der 43-Jährige, der im Alltagsleben Lagerist gelernt hat und derzeit als Fahrer in Wiesbaden arbeitet.

Nässe, Kälte, Wind - nichts schreckt Ackermann ab. Auch nicht das harte Bett aus Weidenruten, das nur mit ein paar Fellen bedeckt wird. Die unbequeme Schlafstatt gehört nun einmal dazu zum Leben im Freien, und auch, dass man sich mal "vollregnen" lässt.

Ackermanns Lebensgefährtin Sabine Frauenstein war anfangs entsetzt. "Jetzt geht er wieder Indianer spielen", dachte die Sekretärin, wenn der zweifache Vater eins seiner Kostüme anzog. Inzwischen geht Frauenstein längst mit zu den Treffen des "Indian and Mountain Men Club Wiesbaden", dessen Vorsitzender Ackermann seit sieben Jahren ist. Sie nimmt sogar an den Tipi-Lagern teil, die der Wiesbadener Klub und andere Vereine in Deutschland regelmäßig veranstalten. Allerdings legt Frauenstein ein paar Felle mehr aufs Weidenbett als ihr Mann, damit es weicher wird. Sie sehe das ganze eher "von der romantischen Seite", entschuldigt sich die fröhliche Frau mit den blonden Zöpfen.

Ackermann dagegen will möglichst authentisch leben. Er kann sich gar nicht oft genug von den "Möchtegern-Indianern" distanzieren, die um ein Feuer hüpfen "und sich auf den Mund hauen". Es gehe darum, "Geschichte zu leben", sagt Ackermann. Und um Respekt. Niemals etwa würde sich der Wiesbadener Vereinschef eine Feder ins Haar stecken oder eine "ganze Sonne" tragen - also einen Federkranz. Weil der Kopfschmuck für Indianer eine Auszeichnung sei. Er renne ja auch nicht mit einem Bundesverdienstkreuz herum, ohne es verliehen bekommen zu haben, sagt Ackermann abfällig.

Der Hesse und seine Clubmitglieder üben sich lieber in alten Handwerkskünsten, gerben Leder, nähen Kleidung mit Sehnen zusammen, sitzen am Lagerfeuer in ihrem Rundbau in Wiesbaden und erzählen Geschichten. Strom gibt es dort nicht, als Sitzbänke dienen alte Eisenbahnschwellen, die mit Fellen bedeckt sind.

Beerensuppe schmeckt - wenn man den ersten Löffel geschafft hat

Auch auf diesem letzten Indianer-Camp der Saison, das der befreundete Rüsselsheimer Klub "Trapperground" veranstaltet, versuchen die Teilnehmer, alte Traditionen aus Übersee so gut es geht zu pflegen. Nachmittags setzt sich die Trommelgruppe mit ihren selbstgebauten Instrumenten an den Feuerplatz. "Waci - oyate ce hi pelo - das Volk kommt zum Tanz", singen die Frauen. Es ist ein Lied der Lakota, ein Sioux-Stamm, dem sich Ackermann besonders verbunden fühlt. Die seltsamen Klänge sind noch bis zum Parkplatz des benachbarten Kleintierzüchtervereins zu hören. Dort scheint man sich an die Indianer nebenan gewöhnt zu haben.

Die decken nach dem Trommeln langsam den Abendbrottisch. Für das letzte Mahl hat man auf Traditionelles verzichtet, in der Trapperhütte werden Platten mit Trauben, Käse und Wurst aus dem Supermarkt bestückt. Die Rama steht schon draußen auf dem Holztisch. Man habe aber auf Lagern auch schon Hühnchen geschlachtet und gerupft, sagen die Indianer. Ackermann kocht manchmal sogar Beerensuppe mit Fleisch, Zwiebeln, Kartoffeln und Honig. Die sei eigentlich ganz gut, sagt er. Wenn man den ersten Löffel hinter sich hat.

Der Wiesbadener ist einer der überzeugtesten Indianer im Klub. Es gibt auch die, für die der Klub nur ein Hobby von vielen ist. "Manche machen noch Mittelalter, Bauchtanz, Linedance, alles auf einmal", sagt Ackermann. Doch er ist durch und durch Indianerfan. Seine Wohnung zu Hause ist voll mit Büffelköpfen, Bildern und traditionellen Gegenständen.

Vielleicht sieht der zurückhaltende Mann, der manchmal völlig in sich gekehrt an der Feuerstelle sitzt, deshalb in den traditionellen Gewändern aus, als würde er nie etwas anderes tragen. An diesem Tag hat er die dunkelbraunen, langen Haare zu zwei dünnen Zöpfe geflochten, über den Ohren ist an beiden Seiten ein Stückchen kahlrasiert. Das Gewand aus Hirschleder ist so detailgetreu nachgenäht wie nur möglich, mit Beinkleidern und einem Lendenschurz aus Wolfsfell. Um den Hals hängen ein Messer und mehrere Perlenketten, an den Spitzen der Zöpfe baumeln winzige Medizinbeutel aus Stoff, "mit Kräutern, die gut für mich sind", sagt Ackermann. An den Fersen der Mokassins zieht der Hobby-Indianer Kojotenschwänze hinter sich her, die beim Laufen durch den Sand schleifen und so Spuren verwischen sollen.

Ackermann weiß, dass er manchmal belächelt wird. Bei der Arbeit werde "schon mal ein Witz gerissen", erklärt er. Aber da steht er drüber, hat kein Problem, von seiner Leidenschaft zu berichten. Seine Existenz als Hobby-Indianer gehört zu ihm, fast seit er denken kann. Schon als Kind schlüpfte der Hesse an Karneval am liebsten ins Indianerkostüm. Als Teenager trat er dann einer Art Western-Verein bei.

Seine Geschichte hat Ackermann nach alter Indianer-Manier auf ein großes Stück Leder gemalt, das jetzt über dem Eingang in seinem Tipi hängt. Eine Büffelherde ist zu sehen, sie erinnere an die erste Zusammenkunft mit den mächtigen Tieren, sagt er. Weiter oben lodert ein Feuer - vor einigen Jahre hat das Vereins-Gelände in Wiesbaden gebrannt. Und irgendwo am Rande des Leders ist eine Weggabelung gezeichnet. Die Entscheidung, das Indianer-Thema ernsthaft zu studieren, mehr zu machen als nur Party am Lagerfeuer, scheint wichtig gewesen zu sein.

Wie eine Chinesin im Dirndl

Irgendwann fing Ackermann an, Fachliteratur zu wälzen, Kontakt mit Historikern aufzunehmen. Und er reiste in die USA. Um zu sehen, was aus dem Volk geworden ist, dessen frühere Lebensweise in Romanen und Kinderbüchern gern verklärt wird und für ihn so viel Freiheit bedeutet. Es war eine Begegnung mit einer traurigen Realität. Und mit viel Misstrauen.

Ackermann sah abgewrackte Wohncontainer, verschimmelte Garagen, den Alkoholismus, der in dem vollkommen verarmten Pine Ridge Reservat weit verbreitet ist. "80 Prozent der Menschen dort sind arbeitslos", sagt Ackermann. Der Empfang in dem verarmten Areal, wo mehr als 20.000 Lakote leben, war alles andere als herzlich. Ackermann war er erst einmal "der Weiße", wie er selbst eingesteht. Bei einer Tanzveranstaltung, bei der er zusehen wollte, stellten sich einige Männer vor ihn wie eine Wand.

Der Hesse hatte es nicht anders erwartet. "Ich habe in den USA eine Chinesin im Dirndl gesehen", sagt er. Für die Indianer sei es wohl ähnlich, wenn sie das erste Mal von seiner Leidenschaft hörten. Doch inzwischen werde er von Indianern mitunter schon nach alten Techniken für das Kleiderfärben befragt, sagt Ackermann stolz. Und dass sich im Laufe der Jahre in den USA Freundschaften entwickelt hätten. "Ich habe Dinge gesehen, die nicht jeder gesehen hat", erklärt er geheimnisvoll. Mehr will er nicht dazu sagen.

Inzwischen reist Ackermann regelmäßig in die USA und sammelt Spenden, um dem Reservat zu helfen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten habe er aus seinem Hobby auch schon "viel ins Leben mitgenommen", sagt der Wiesbadener. Sein Verhältnis zur Natur etwa habe sich geändert, "wenn ich auf einem Spaziergang Papier auf dem Boden sehe, hebe ich es einfach mal auf".

Ein Bekannter hat ihn mal mit in einen Dartverein genommen. "Wir haben zweimal auf die Scheibe geschossen und dabei fünf Bier getrunken", sagt der Wiesbadener, und fügt hinzu: "Was soll ich da?"

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