Aus Bogotá berichtet Tobias Käufer
Die Mörder kamen kurz vor der Halbzeitpause. Auf dem idyllisch gelegenen Sportplatz im Städtchen Fernandez Feo, an der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien, hatten sich die Fußballspieler der "Los Maniceros" - der Erdnussverkäufer - gerade über einen Treffer gefreut. Dann kam der Überfall.
In Windeseile umstellten schwer bewaffnete, schwarz gekleidete Uniformierte den von Bäumen gesäumten Sandplatz: Die bedrohlich wirkenden Angreifer waren offenbar gut vorbereitet. "Sie haben die Namen jedes einzelnen Spielers vorgelesen", berichtet Augenzeuge Javier Paez dem venezolanischen TV-Sender "Globovision". Mit vorgehaltener Waffe zwangen die Unbekannten die Fußballer in einen Lastwagen und fuhren mit den insgesamt zwölf Gefangenen davon.
Fast zwei Wochen lang blieb die Hobbytruppe, die überwiegend aus Spielern aus Kolumbien, aber auch aus Peru und Venezuela bestand, wie vom Erdboden verschluckt, dann wurden Männer im Bundesstaat Tachira erschossen aufgefunden. Yorbin Juilam Amaya Vega aus der kolumbianischen Provinzstadt Bucaramanga war gerade einmal 17 Jahre alt und das jüngste Opfer der insgesamt elf hingerichteten Spieler.
Nur einem gelang die Flucht. Der 18 Jahre alte Manuel Junior Cortes überlebte Entführung und Gefangenschaft schwer verletzt. Nach seiner Darstellung fragten die Bewacher während der zweiwöchigen Geiselhaft immer wieder, wo "die führenden Köpfe der Paras versteckt" seien.
Stimmen diese Angaben, hielten die Angreifer die Hobbymannschaft offenbar für eine paramilitärische Einheit. Dass dies den Tatsachen entsprechen könnte, weisen die Familienangehörigen energisch von sich: Alle Opfer seien Zivilisten gewesen, harmlose Erdnussverkäufer eben.
"Die Regierungen haben nichts unternommen, um unsere Angehörigen zu retten"
Ein paar Stunden vor der Bluttat, so berichtete es der Überlebende Manuel Junior Cortes, hätten die Geiselnehmer angekündigt, ihre Opfer freilassen zu wollen. Die Männer wurden demnach auf zwei Kleinlastwagen zusammengepfercht, der Weg führte jedoch nicht in die Freiheit, sondern zum Ort der Hinrichtung. Nur Manuel Junior gelang nach eigener Darstellung schwer verletzt die Flucht, eine Kugel traf ihn am Hals. Stundenlang irrte der junge Mann umher, ehe ihn ein Bauer aufnahm. "Er weiß nicht, wer die Männer waren, die geschossen haben", berichtete sein Bruder Orlando Lopez. Der einzige Zeuge ist weiterhin in höchster Gefahr: So lange er noch lebt, könnte er mit seiner Aussagen die Täter überführen.
In Kolumbien verüben rechtsgerichtete Paramilitärs und linksgerichtete Guerillagruppen, die sich einen blutigen Krieg um die Vorherrschaft im milliardenschweren Drogenhandel liefern, immer wieder Massaker an der Zivilbevölkerung.
Oft genügen für eine Hinrichtung bloße Verdachtsmomente, die Opfer könnten die jeweils andere Seite unterstützen. Angehörige der Opfer marschierten am Montag in einem Protest- und Trauermarsch durch die Straßen von Bucaramanga: Während der Demonstration ließen sie ihrer Wut freien Lauf: "Wir haben den Marsch organisiert, weil die Regierungen in Venezuela und Kolumbien nichts unternommen haben, um unsere Angehörigen zu retten, als sie noch lebten", sagte Ariel Vega, ein Verwandter des jüngsten Opfers.
Als sei die Nachricht vom gewaltsamen Tod ihrer Söhne, Brüder, Väter oder Onkel noch nicht grausam genug, zerrt nun das politische Gezänk um die Leichen an den Nerven der trauernden Familien. Fast stündlich ändert sich die Nachrichtenlage. Venezuela habe einem kolumbianischen Militärflugzeug, das die sterblichen Überreste in die Heimat holen sollte, die Landeerlaubnis verweigert, melden die TV-Sender. Wenig später ist von einer Übergabe der Leichen auf einer Brücke in der Grenzstadt Cucuta die Rede. Das unwürdige Geschacher zwischen den beiden Regierungen in Bogotá und Caracas frustriert viele Angehörige.
Diplomatische Krise
Politische Beobachter rechnen damit, dass die mysteriöse Bluttat die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen den beiden Staaten weiter verschärfen wird, zumal die Ermittlungsbehörden keinerlei konkreten Ansatz verfolgen. Lokale Behörden in Venezuela beschuldigten in einer ersten Stellungnahme die marxistische Rebellenorganisation Ejército de Liberación Nacional (ELN) aus Kolumbien, für die Tat verantwortlich zu sein.
Die kolumbianische Oppositionspolitikerin Piedad Cordoba wiederum vermutet rechte Paramilitärs als Drahtzieher. Wie immer nach solchen Gewalttaten in der Region, beschuldigen sich die politischen Lager erst einmal gegenseitig. Wie explosiv die Stimmung ist, beweisen Meldungen aus Venezuela über angebliche Spione des kolumbianischen Geheimdienstes, die vor Ort auf eigene Faust ermitteln sollen. Caracas schickte eine Protestnote nach Bogotá.
Vor allem für Venezuela ist der Fall eine brisante Angelegenheit. Staatspräsident Hugo Chávez hatte stets bestritten, dass sich kolumbianische Rebellen ungestört hinter die venezolanischen Grenzen zurückziehen könnten. Sollte sich der Verdacht erhärten, dass ELN-Kämpfer für die Morde verantwortlich sind, gerät Chávez in Erklärungsnot. Vizepräsident Ramón Carrizález kündigte umgehend an, die militärischen Einheiten an der Grenze zu Kolumbien zu verstärken.
Die diplomatische Krise zwischen beiden Ländern verschärfte sich erst vor wenigen Wochen, als Kolumbien den Umzug von US-amerikanischen Stützpunkten aus Ecuador forcierte.
In der aufgeheizten Atmosphäre bittet der kolumbianische Vermittler Volmar Perez um Besonnenheit: "Es gibt zahlreiche Spekulationen über die Hintergründe der Tat, aber wir können nichts bestätigen und auch nichts ausschließen."
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