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15.12.2009
 

Erdbebenstadt L'Aquila

Neuanfang im Fegefeuer

Aus L'Aquila berichtet Annette Langer

Foto: SPIEGEL ONLINE

Noch immer sind Städte und Dörfer in den Abruzzen nur Schutt und Asche - auch acht Monate nach dem Erdbeben. Verlassen wollen die meisten Bewohner ihre Heimat trotz des Traumas nicht. Geplagt von Mafia und korrupten Behörden, kämpfen sie für einen Neuanfang.

Susanna ist 15, als in Onna die Erde bebt. Am frühen Morgen des 9. April dröhnt der Boden unter ihr, dann reißt die Zimmerdecke auf. Ihre Eltern schrecken aus den Betten hoch, rufen nach der Tochter. Doch es kommt keine Antwort.

Susanna ist tot. Sie liegt unter Trümmern, aus denen sie später geborgen wird, zusammengerollt wie ein Kleinkind.

Benedetta, Susannas ältere Schwester, ist 26 in jener Nacht. Auch sie lebt in dem 350-Seelen-Ort vor den Toren L'Aquilas. Wie die meisten im Dorf ist sie am Abend unbesorgt ins Bett gegangen, obwohl die Erde mehrfach bebte. Schließlich hatten die Behörden keine Warnung ausgegeben. Dann wird sie von dem verheerenden Erdstoß der Stärke 5,8 auf der Richterskala überrascht, der ganz Onna in eine Wüste aus Schutt verwandelt. Benedetta stirbt, wie Susanna, wie 39 weitere Dorfbewohner.

Zurück bleiben aus Susannas und Benedettas Familie die beiden Geschwister Edmondo und Carolina und ihre Eltern, Tiziana Colaianni und Pasquale Pezzopane. Das Ehepaar lebt heute in einem der blitzblanken, von Premier Silvio Berlusconi mit Champagner eingeweihten Holzchalets unweit der Trümmer ihres eigenen Hauses.

Es ist Samstagnachmittag, die Sonne brennt trotz kühler Temperaturen. In dem Neubaugebiet herrscht unwirkliche Stille. Tiziana ist eine ruhige, kluge Frau mit müde geweinten Augen. Sie empört sich noch heute, wenn sie an die Nacht des Bebens denkt. "Wir sind rausgelaufen, um Hilfe zu holen", erzählt sie. Aber als die Retter endlich kamen, "hat man uns mit Macht von unserem Haus ferngehalten", sagt die 52-Jährige und fügt hinzu: "Niemand kann verhindern, dass ich mein Leben riskiere, wenn es um meine Kinder geht."


Der Zivilschutz habe sie nicht eingebunden in die Rettungsmaßnahmen, beklagt sie - "wir haben uns geschämt, nichts zu tun zu haben". Nach dem Beben hätten sie das Gefühl gebraucht, helfen zu können, aktiv und lebendig zu sein. "Stattdessen haben sie uns machtlos gemacht."

Im Zeltlager, das den Opfern der Katastrophe ein provisorisches Zuhause gab, bildeten die Leute aus Onna eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie kämpften und gaben sich Halt in ihrem Schmerz. Nun ist jeder wieder auf sich gestellt. Vater Pasquale, ein energiegeladener Mann mit unübersehbarem Mut zum Neubeginn, ist zwar dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben - "aber dies ist nicht unser Zuhause", sagt er. "Wir sind hier nur zu Gast."

Tiziana hat Angst, dass die zerstörten Häuser neben ihrer Unterkunft nie wieder aufgebaut werden. Dass ihr Zuhause für immer verschwindet, die Gemeinschaft zerbricht, sie von hier fortgehen muss. "Ich fühle mich allein und fremd", sagt sie und schaut verloren auf die Fotos ihrer beiden Töchter. Mit dem Rückzug ins neue Heim kam die Zeit des Nachdenkens, der Fragen, des großen Schmerzes. "Ich weine viel. Das ging vorher gar nicht."

Verlust des kompletten Vermögens

In Italien stellt die familieneigene Immobilie oft das einzige Vermögen dar - ihr Verlust entzieht vielen die Existenzgrundlage. Pasquale hatte sich einiges von der Arbeit des neuen Dorfkomitees versprochen, das am Wiederaufbau teilhaben sollte. Jetzt ist er enttäuscht. "Die nehmen alles einfach so hin, es gibt keine Eigeninitiative", kritisiert er. Natürlich freue man sich über Spenden und Hilfsprojekte, aber es mangele an Mitbestimmung. So sammelte der Polit-Clown und Satiriker Beppe Grillo 55.000 Euro für eine Sporthalle - aber ob man die überhaupt brauche, werde nicht gefragt. "Die kommen aus heiterem Himmel mit einem fertigen Paket, und du darfst es nur noch in Empfang nehmen", ärgert sich Vater Pasquale.

Die Abbruzzeser gelten als besonders heimatverbunden. Trotz Einsturzgefahr kehrten viele schon kurz nach der Katastrophe in ihre zerstörten Häuser zurück - bis die Feuerwehr kam und es ihnen untersagte. Kaum jemand will die gebirgige, seit Jahrhunderten von Erdbeben heimgesuchte Region verlassen, auch die Menschen aus Onna nicht - und die leben seit Jahrhunderten auf der Grenze von zwei tektonischen Platten.

Wer aus dieser Gegend wegzieht, tut es aus Mangel an Perspektiven. Die gesamte Region der Abruzzen leidet unter der massiven Abwanderung junger Leute, die in dem strukturschwachen Raum keine Arbeit finden. Ganz Dörfer waren schon vor dem Beben durch Landflucht wie ausgestorben - das Erdbeben hat die Lage der Jugend noch verschlechtert.

"Ich lebe im Fegefeuer"

Kaum ein Super-Prominenter auf diesem Globus, der nicht durch den feinen weißen Staub von Onna gestapft ist: Papst Benedikt XVI. spendete Pasquale persönlich Trost, Kanzlerin Angela Merkel versprach Aufbauhilfe, Berlusconi sonnte sich beim G-8-Gipfel im Licht der illustren Teilnehmer. "Als Person gefällt mir unser Ministerpräsident nicht", sagt Tiziana, "aber er greift wenigstens durch." In Zeiten wie diesen brauche man Leute, die durchsetzungsstark sind. Oder zumindest so wirken.

Berlusconi hatte während der Katastrophe medienwirksam Hände geschüttelt, Schultern geklopft und Tränen vergossen. Er sorgte für Aufregung, als er den Aufenthalt der Obdachlosen in den Zeltlagern als "Campingurlaub" bezeichnete und zunächst jede internationale Hilfe ablehnte. Jetzt dürfte er heilfroh sein über die vom EU-Solidaritätsfonds bewilligten 493,7 Millionen Euro - die Gesamtkosten des Wiederaufbaus von L'Aquila werden auf mindestens zehn Milliarden geschätzt. Die Hilfe der G-8-Freunde blieb in größeren Teilen aus. Nur Deutschland, Russland, Kasachstan und Frankreich hielten ihr Versprechen und spendeten Millionenbeträge.

In der ersten Zeit hat Tiziana Colaianni ohne Pause mit Feuerwehrleuten in den Trümmern gegraben, sich "mit Arbeit fast umgebracht", sagt ihr Mann. Jetzt engagiert sie sich bei der Umweltschutzorganisation "Lega Ambiente" für die Kulturschätze aus L'Aquila.

Die Eheleute gehen sehr unterschiedlich mit dem Schicksalschlag um - was zu Spannungen führt und die Beziehung verändert hat. Während Pasquale aktiv Hilfe sucht und nach vorn schaut, macht Tiziana fast alles mit sich selbst aus. "Ich bin weder in der Hölle noch im Himmel", sagt sie und holt tief Luft. "Ich lebe im Fegefeuer."

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Wiederaufbau mit deutscher Hilfe

Das MUSAA, "Museum für Architektur und Kultur", entstand durch die großzügige Spende eines deutschen Mäzens für einen nachhaltigen Wiederaufbau des Erdbebengebiets um L'Aquila. Das Netzwerk aus internationalen Spezialisten bietet akademischen Austausch, umfangreiche Forschungsmöglichkeiten sowie logistische Unterstützung für Projekte in der Region. Die Region der Abruzzen und die deutsche Botschaft sind Paten der ambitionierten Vereinigung.

Das Erdbebendorf Onna

Der 300-Seelen-Ort Onna wurde durch das Erdbeben vom 6. April 2009 fast vollständig zerstört. 41 Menschen starben, viele wurden verletzt. Für den Wiederaufbau der Dorfkirche San Pietro Apostolo aus dem 18. Jahrhundert hat die deutsche Regierung drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die Botschaft in Rom setzte eigens für das Hilfsprojekt einen Experten ein, der vor Ort die Maßnahmen koordiniert. Eine Art Wiedergutmachung, denn ausgerechnet in Onna töteten Wehrmachtssoldaten 1944 mindestens 17 Zivilisten und sprengten ein Dutzend Gebäude. Heute leben hier 250 Evakuierte in 47 komfortablen Holzhäusern, die vom italienischen Roten Kreuz finanziert und von der Autonomen Provinz Trient gebaut wurden.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien

Erdbeben 2009 in L‘Aquila

Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.

2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)

1997 in Umbrien und Marken

1980 in Irpinia

1976 in Friaul

1915 in Avezzano

1908 in Messina (Sizilien)





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