Handelte der junge Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab also im Auftrag al-Qaidas? War der Plot damit ein weiterer Versuch wie der des "Schuhbombers" Richard Reed, den zivilen Luftverkehr zu attackieren? Und ist er zugleich ein weiteres Indiz dafür, dass al-Qaida danach trachtet, Flugzeuge zu sprengen oder als Waffen zu benutzen?
Sicher ist zu diesem Zeitpunkt nur eines: Dass gar nichts sicher ist.
Es ist zu früh, um sich darauf festzulegen, dass Abdulmutallab in irgendjemandes Auftrag handelte - oder ein Einzeltäter war. Der nach seinem Zündungsversuch festgenommene Nigerianer erzähle dem FBI "eine Menge", sagte ein US-Beamter laut CNN am Samstag. Das kann auch heißen: eine Menge Unsinn.
Jemen-Connection ist plausibel - aber unbewiesen
Zweifelsohne würde ein von al-Qaida beorderter Anschlagsversuch auf eine US-Passagiermaschine ins Muster passen. Die Parallelen zum Plot des "Schuhbombers" Reed, der 2001 ebenfalls in der Weihnachtszeit ein Flugzeug zum Absturz bringen wollte, sind unverkennbar.
Es wäre auch vorstellbar, dass zu diesem Zweck die Qaida-Filiale im Jemen eingeschaltet wird. Vor einem Jahr hat sie sich mit der Filiale in Saudi-Arabien vereinigt. Sie verfügt über erfahrene Kader, die zum Teil noch zur ersten Generation von Afghanistan-Veteranen zählen. Sie hat bereits mehrfach westliche Geiseln genommen, zudem die US-Botschaft in Sanaa angegriffen und sich in ihren zahlreichen Publikationen den äußerst aggressiven anti-amerikanischen Spin der saudischen Kampfgefährten zu eigen gemacht.
Erst Mitte Dezember wurden mutmaßliche Trainingslager al-Qaidas im Jemen mit Cruise Missiles beschossen - die USA haben das zwar nicht offiziell kommentiert, aber es ist klar, dass sie dahinter steckten. Etliche Terroristen sollen dabei getötet worden sein. Ein Motiv für Vergeltung gäbe es also in jedem Fall.
Offene Fragen zuhauf
Aber es gibt auch Fragezeichen:
Zum einen schickt al-Qaida für derartig bedeutende Operationen, wie es der Absturz eines Passagierjets wäre, in aller Regel keinen einzelnen Attentäter. Das widerspricht den bestehenden Regeln für Terroranschläge - und ist ein mögliches Indiz für einen Einzeltäter.
Zum zweiten weiß man noch zu wenig über die Vergangenheit des mutmaßlichen Attentäters. Es gebe keine Hinweise darauf, dass er ein ausgebildeter Terrorist sei, heißt es aus US-Geheimdienstkreisen. Wohl aber tauche sein Name in Datenbanken auf, in denen Personen geführt werden, die dubioser Kontakte zu Extremisten bezichtigt werden.
Die Jemen-Connection ist auf den ersten Blick einleuchtender als auf den zweiten. Denn solch ein Anschlagsversuch bedarf eines zeitlichen Vorlaufs, und der dürfte etliche Wochen, wenn nicht Monate betragen.
Zudem ist unklar, ob die Tatsache, dass Abdulmutallab seine Reise in Nigeria begann und selbst dorther stammt, womöglich eine Rolle spielt. In Nigeria gibt es islamistische Bewegungen, die sich al-Qaida nahe fühlen. Innerhalb der Qaida haben Nigerianer aber bislang praktisch keine Rolle gespielt.
Und schließlich darf nicht unterschlagen werden, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal der unterstellte islamistische Hintergrund des Plots belegt ist. Außer einigen kolportierten Äußerungen Abdulmutallabs liegen keine öffentlich bekannten Hinweise dafür vor. Auf den Websites, auf denen sich Dschihadisten und Qaida-Fans austauschen, reagieren die Terrorfans bisher noch entsprechend verhalten. Ein Bekennerschreiben gibt es nicht.
Welche Schlüsse lassen sich also ziehen?
Relativ zügig dürfte sich nun überprüfen lassen, ob der Nigerianer selbst im Jemen war. Danach wird man seine übrigen Aussagen besser einschätzen können.
Stellt sich heraus, dass er ein islamistisch motivierter Einzeltäter war, wirft der Fall zwei Schlaglichter: Zum einen kann man ihn dann als weiteren Fall eines "leaderless Jihad" werten, ein Phänomen, dass einige Analysten als die größte Bedrohung sehen. Zum zweiten würde der Fall eindrucksvoll belegen, wie ein solcher Plot über Kontinente hinweg geboren werden kann: Ein Student in London, der sich im Jemen Sprengstoff besorgt, um dann von Nigeria aus über Amsterdam in die USA zu reisen.
Ergeben sich hingegen harte Hinweise darauf, dass Abdulmutallab tatsächlich im Auftrag al-Qaidas, der jemenitischen Filiale oder einer anderen militanten Organisation handelte, würde der vereitelte Plot eine Reihe anderer Thesen stärken: Es wäre ein neuer Beleg für al-Qaidas Flugzeugbesessenheit; zweitens ein Hinweis auf deutlich gesunkene Kapazitäten der Terroristen, was internationale Operationen angeht, denn für einen echten Anschlag der Qaida-Zentrale wäre er ziemlich dilettantisch; drittens freilich wäre es zugleich ein beunruhigender Vorgang, wenn al-Qaida unbemerkt einen nigerianischen Studenten in London rekrutieren und mit Sprengstoff versorgen könnte.
Peter Neumann, Terrorexperte am Londoner King's College, fasst die Ungereimtheiten des Falles in seinem Blog so zusammen: "Es bleibt das (mittlerweile bereits bekannte) Dilemma zu entscheiden, ob es ein Qaida-Anschlagsversuch war oder nicht. Wer hat ihn rekrutiert und ausgestattet? Wer dirigierte die Operation? Es scheint einigermaßen unwahrscheinlich, dass er all dies alleine organisiert hat, aber der Grad und das Ausmaß, zu dem al-Qaida beteiligt war, wird noch eine Weile eine umstrittene Frage bleiben."
Es bleibt freilich noch eine letzte Option: dass der mutmaßliche Attentäter geistig verwirrt ist. Dann wäre die entscheidende Frage vermutlich die, wie konnte er Sprengstoff überhaupt in das Flugzeug schmuggeln. Allerdings besteht noch keine Klarheit darüber, wie gefährlich der Stoff tatsächlich war - und ob die Maschine überhaupt hätte vom Himmel geholt werden können.
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