Berlin - Sibirische Verhältnisse in Deutschland: Nach den heftigen Schneefällen am Samstag hat Tief "Daisy" auch in der Nacht auf Sonntag vor allem in Norddeutschland zu erheblichen Verkehrsbehinderungen geführt. In Mecklenburg-Vorpommern stecken Hunderte Menschen in ihren Fahrzeugen auf der Autobahn 20 nördlich der Anschlussstelle Süderholz nach Schneeverwehungen fest, wie die Polizei mitteilte.
Querstehende Lastkraftwagen blockierten die Fahrbahn, die auf eine Länge von 14 Kilometern in beide Richtungen vorübergehend gesperrt wurde. Notdienste kämen nur schwer zu den Fahrern vor.
Seit Samstagabend ist auch die Autobahn 20 in Schleswig-Holstein zwischen dem Autobahnkreuz Lübeck und dem Autobahnende bei Bad Segeberg in beide Richtungen gesperrt. Auf den Strecken ereigneten sich zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch auf der Autobahn 10 in Brandenburg gab es zahlreiche Karambolagen.
An der deutsch-französischen Grenze haben in der Nacht auf Samstag bei Neuenburg in Südbaden an die 400 Lastwagen größtenteils die ganze Nacht über auf der Autobahn gestanden.
Der Zugverkehr war auch in der Nacht vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg witterungsbedingt zum Teil stark beeinträchtigt. Auf mehrere Regionalstrecken ruhte der Verkehr. Störungen nach Schneefällen gab es auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Viele Straßen im Norden Niedersachsens, in einzelnen Teilen Schleswig-Holsteins und in der Nordhälfte Mecklenburg-Vorpommerns werden am Sonntag nicht passierbar sein, teilte Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia mit. Das läge hauptsächlich an dem verwehten Altschnee.
Die Ostsee-Inseln kämpfen gegen meterhohe Schneeverwehungen
Am Kap Arkona auf der Insel Rügen türmten sich bei Orkanspitzen der Windstärke 11 immer wieder in kurzer Zeit meterhohe Verwehungen auf, wie Putgartens Bürgermeister Ernst Heinemann sagte. Auf den Nebenstraßen Rügens sowie auf der Insel Usedom und in den Landkreisen Uecker-Randow und Ostvorpommern waren die meisten Haupt- und Nebenstraßen kaum noch befahrbar. Viele Autos blieben in Verwehungen stecken.
Dramatisch war die Situation auch auf der Ostseeinsel Fehmarn, die etwa 13.000 Einwohner hat. Laut Bewohnern türmten sich Verwehungen bis zu einer Höhe von zwei Metern auf. Besonders betroffen waren der Norden und der Osten der Insel. Die Lage sei katastrophal, sagte der dortige Bürgermeister, Otto-Uwe Schmiedt. "Die Verbindungen zwischen den 42 Dörfern auf der Insel sind blockiert und praktisch nicht mehr passierbar."
In Schleswig-Holstein sorgten Schneefall und Verwehungen von bis zu 1,50 Meter auf Nebenstraßen in ländlichen Gebieten für Komplikationen. Davon betroffen waren insbesondere die Ostseeküste sowie die Kreise Ostholstein und Plön. In Hamburg war es vergleichsweise ruhig.
Starker Schneefall, Sturm und umgestürzte Bäume brachten den Verkehr in Teilen des Harzes zum Erliegen. Laut Polizei ereigneten sich etliche Unfälle. Einige Wintersportanlagen wurden gesperrt. Bei Übach-Palenberg in Nordrhein-Westfalen starb ein 38-jähriger Mann, als ein Auto auf schneebedeckter Straße in den Gegenverkehr rutschte.
In Baden-Württemberg stauten sich auf der Autobahn 5 an der Grenze zu Frankreich zwischenzeitlich mindestens 400 Lastwagen zweispurig auf rund fünf Kilometern.
Bahn bittet wegen Verzögerungen um Verzeihung
Im Zugverkehr gab die Deutsche Bahn am Abend mehrere Streckensperrungen in Mecklenburg-Vorpommern bekannt. Auf den Strecken Züssow-Stralsund-Barth, Sanitz-Tessin und Bergen-Lauterbach könnten keine Züge mehr fahren, sagte ein Bahn-Sprecherin. Wie lang die Sperrungen dauern werden, sei noch nicht klar. Stundenlange Verspätungen gab es auf der Regionalbahnverbindung zwischen Berlin und Cottbus sowie zwischen Berlin und Hannover beziehungsweise Hamburg.
"Der Unmut vieler Fahrgäste lässt uns keineswegs kalt", sagte der Vorstand Personenverkehr bei der Deutschen Bahn, Ulrich Homburg, der "Bild am Sonntag". Die Kunden erwarteten "pünktliche Züge und guten Service - und das völlig zu Recht". An diesem Anspruch wolle die Bahn sich messen lassen. "Deswegen möchte ich mich bei allen entschuldigen, die in den letzten Wochen aufgrund von Störungen und Verspätungen Beeinträchtigungen ihrer Reise hatten", sagte Homburg.
"Viele Bahnreisende haben ihr Ziel vielleicht später oder auf Umwegen erreicht, aber wir haben den Betrieb aufrecht erhalten", betonte der Bahn-Vorstand. Die Bahn sei und bleibe "ein Verkehrsmittel für jedes Wetter". Allerdings sei Eisregen "ein seltenes Ereignis, für das es keine Abhilfe" gebe, sagte Homburg. In den vergangenen Wochen waren dem Bericht zufolge mehr als hundert Züge wegen Schnee und Kälte ausgefallen oder mussten umgeleitet werden. Gründe waren unter anderen vereiste Oberleitungen, eingefrorene Weichen und Störungen durch Schnee in ICE-Zügen.
Der verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Döring, übte Kritik an den technischen Problemen der Bahn. "In Zukunft wäre es gut, wenn die Bahn bei ihren Anschaffungen weniger auf äußere Raffinesse und mehr auf die Praktikabilität und Zuverlässigkeit Wert legen würde", sagte er der "BamS".
jjc/ddp/AFP
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