Port-au-Prince - Das Elend in der Millionenstadt ist schier unermesslich. Tausende Menschen liegen nach dem verheerenden Erdbeben vom Dienstag verletzt in den staubigen Straßen, andere irren orientierungslos umher, zwischen Leichen und Trümmern, warten verzweifelt auf Hilfe. Viele trauern um Angehörige und Freunde. "Mein Haus wurde zerstört, meine beiden Brüder Patrick und Gregory sind tot, wir haben ihre Leichen noch nicht gefunden", sagt die 14-jährige Francesca.
Die Karibikrepublik Haiti gilt als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre, rund 80 Prozent der mehr als neun Millionen Einwohner leben am Rande des Existenzminimums. Selbst Grundnahrungsmittel sind für viele unbezahlbar, die Kindersterblichkeit ist hoch - jetzt trifft die Einwohner diese Naturkatastrophe.
"Ich habe eben erfahren, dass meine Schwester und ihr Kind vermisst werden", erzählt Celita St. John. Die Frau lehnt sich schwankend an ein staubbedecktes Auto. "Ein Gebäude ist auf ihr Haus gestürzt. Niemand kann sie finden. Ich werde auf den Tagesanbruch warten und sie dann suchen gehen."
Mit leerem Blick und behelfsmäßig verbundenen Wunden wandern Überlebende durch die Straßen. "Helft mir, mein Mann ist hier verschüttet. Bitte helft mir, ich weiß, dass er noch am Leben ist", schreit eine Frau. "Was hat dieses Land getan, womit wir dieses Unglück verdienen", fragt Rody Baptisa, ein alter Mann, der vor den Ruinen seines Hauses sitzt. Er will dort sitzen bleiben, bis seine beiden Kinder aus dem Haus gerettet sind.
Jetzt weiß Lemaire nicht, was sie tun soll, wie es weitergeht: "Wir haben von den Behörden keinerlei Informationen erhalten, außer, dass wir angesichts der Nachbeben unsere Häuser verlassen sollen", wird die Frau zitiert. Inzwischen hat ihre Panik Trauer Platz gemacht: "Wir hatten uns gerade auf den Karneval vorbereitet, wir haben mit so etwas überhaupt nicht gerechnet."
"Wir sind besonders besorgt um die Kinder"
Einsatzkräfte suchen in eingestürzten Gebäuden nach Verschütteten. In der Vorstadt Pétion-Ville graben sie sich mit Presslufthämmern oder mit bloßen Händen durch die Trümmer eines Einkaufszentrums.
"Die Situation in Port-au-Prince ist grauenerregend", sagte der französische Botschafter in Haiti, Didier Le-Bret. Es gebe keinerlei Hilfsmittel, alles, was die Feuerwehr an Ausrüstung gehabt habe, sei verschüttet. "Wir sind besonders besorgt um die Kinder, weil zahlreiche Schulen eingestürzt sind", sagte Sophie Perez, eine französische Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Care in Haiti. Immerhin suchten jetzt auch Helikopter aus der Luft nach Überlebenden.
Vom Meer aus ist die Zerstörung der Stadt zu erkennen, wird Diane W. Durham in der "New York Times" zitiert. Sie ist Kommandeurin des ersten US-Schiffs, das den Inselstaat nach dem Beben erreicht hat. "Es ist nahezu unmöglich, beim Blick in den Hafen auch nur ein Gebäude auszumachen, dass nicht betroffen ist - vom Hafenviertel bis hoch in die Hügel", sagt Durham. "Jeder in dieser Stadt wurde getroffen."
Viele Piers seien eingestürzt, Öl fließe in das Hafenbecken, aber die Zufahrt scheine noch frei zu sein, so Durham weiter. Das Schiff der US-Küstenwache "Forward" war aus Guantanamo nach Haiti geschickt worden und erreichte mit seiner 110-köpfigen Besatzung am Mittwoch Port-au-Prince. Eine Aufgabe der Crew ist es, den Luftverkehr von Hilfsflugzeugen und Helikoptern zu überwachen, da der Kontrollturm am Flughafen zerstört wurde.
Aus dem verarmten Land, dem zerstörten Port-au-Prince wurden erste Plünderungen gemeldet: Die Menschen suchen Nahrungsmittel. Etwa 3000 Polizisten und Soldaten der Uno-Friedenstruppe bemühen sich um die Sicherheit in der Hauptstadt, ihre Kräfte reichen aber kaum aus.
Uno vermisst 100 Mitarbeiter
Mehr als hundert Mitarbeiter der Uno werden noch vermisst, man sei in großer Sorge um das internationale Team und die einheimischen Mitarbeiter, von "denen wir nichts mehr gehört haben", sagte Sprecherin Elisabeth Byrs am Donnerstag in Genf. Am Mittwochabend hatte Byrs von bis zu 200 Vermissten gesprochen.
Der Chef der Kriseneinheit im römischen Außenministerium, Fabrizio Romano, teilte mit, dass auch Dutzende seiner Landsleute in Haiti vermisst werden. 80 Italiener hätten in Haiti kontaktiert werden können, viele andere seien aber bisher nicht dem Aufruf gefolgt, sich zu melden. Ein noch am Donnerstag in die Hauptstadt Port-au-Prince reisender Mitarbeiter des Ministeriums soll als erstes in Erfahrung bringen, ob in den Trümmern eines dort eingestürzten Hotels unter Umständen Italiener verschüttet sind. Die schlechten Kommunikationsmöglichkeiten in Haiti erschwerten es allen Ländern, Landsleute zu erreichen, sagte Romano.
"Ich möchte nur die Leiche meiner Frau abholen"
Chaos und Verzweiflung herrschen auch rund um die Klinik Saint Esprit in Port-au-Prince. Dutzende schwer verletzte Menschen warten auf der Straße auf Hilfe. Fransa Jety, eine junge Frau und Mutter, rief immer wieder: "Helfen Sie mir, Antibiotika aufzutreiben, mein Kind stirbt an Tetanus!" Doch die Ärzte können nicht helfen, denn es gibt keine Medikamente.
Die medizinische Situation ist verheerend. Zahlreiche Krankenhäuser wurden zerstört, in den wenigen funktionierenden Kliniken und Feldlazaretten kommen die Helfer nicht nach. "Wir können die Situation kaum bewältigen. Wir haben keine Kapazität für weitere Opfer, wir haben keine Zeit zu sprechen", sagte ein freiwilliger Helfer von Ärzte ohne Grenzen der "New York Times".
In der Nacht brach Panik aus, nachdem es Gerüchte über einen herannahenden Tsunami gegeben hatte, berichtete ein AFP-Reporter vor Ort. Tausende Menschen drängten in die höher gelegenen Regionen der Millionenstadt. Zu Fuß oder mit Autos versuchten die Menschen in den Vorort Pétion-Ville zu gelangen. Eine Hotelmanagerin äußerte die Vermutung, das Tsunami-Gerücht sei gestreut worden, um Plünderungen zu erleichtern.
Nach Einschätzung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) brauchen drei Millionen Menschen - ein Drittel der Bevölkerung - dringend Hilfe. Ein Flugzeug der US-Streitkräfte landete am Mittwoch mit einem Expertenteam in Haiti. Die ersten Frachtflugzeuge mit Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten, Zelten und Spürhunden sind auf dem Weg nach Port-au-Prince.
siu/ala/AFP/apn
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