Port-au-Prince - Die Straßen von Haiti sind voller Leichen. Übersät mit leblosen Körpern, für die es keinen Platz gibt. Laut Schätzungen des Roten Kreuzes muss mit Zehntausenden Toten durch die Erdbebenkatastrophe gerechnet werden. Es sei jetzt eine der wichtigsten Aufgaben, die Leichen von den Straßen zu holen, sagte am Donnerstag der Bürgermeister von Port-au-Prince, Muscadin Jean Yves Jason. Doch es mangele schlicht an allem: "Wir haben kein Material, keine Mittel, nichts."
Eile ist dringend geboten, denn bei Temperaturen von 27 Grad verwesen die leblosen Körper schnell, was die Entstehung von Seuchen begünstigt. Ein Reporter des "Time"-Magazins berichtete laut BBC in der Nacht zum Freitag von dramatischen Szenen unter den zunehmend verzweifelten Bewohnern in Port-au-Prince: Wegen ausbleibender Hilfe hätten aufgebrachte Haitianer zwei Straßensperren aus Leichen errichtet.
Die Menschen fühlten sich alleingelassen und wollten so gegen die ausbleibende Hilfe protestieren, hieß es. Auch die Uno-Soldaten im Land sehen sich mit der wachsenden Nervosität unter den Überlebenden konfrontiert: "Sie werden langsam wütender und ungeduldiger", sagte ein Sprecher der Uno-Friedensmission, David Wimhurst. "Sie wollen, dass wir ihnen Hilfe bringen, was wir natürlich auch wollen." Aber stattdessen sähen sie nur, wie die Uno-Fahrzeuge durch die Straßen patrouillierten, um für die Sicherheit zu sorgen.
Auf einem Friedhof bereiteten Baufahrzeuge derzeit die Aushebung des ersten Massengrabs vor. Auch brasilianische Soldaten der Uno-Friedenstruppe in Haiti begannen, die Beisetzung von Erdbebenopfern vorzubereiten. Vor der Leichenhalle des Zentralkrankenhauses von Port-au-Prince wurden mehrere hundert Tote zusammengetragen.
Unmut und Verzweiflung wachsen
Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port-au-Prince im Freien; aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind. Am Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince trifft internationale Hilfe im Minutentakt ein - doch die Verteilung der Güter läuft bislang schleppend.
"Wenn die internationale Hilfe nicht kommt, wird sich die Lage schnell verschlimmern", sagte ein Überlebender in Port-au-Prince. "Wir brauchen dringend Wasser und Lebensmittel." Ein anderer klagte: " Wir hören im Radio, dass Rettungsteams von außen kommen, aber nichts kommt. Wir haben nur unsere Finger zum Graben." Verärgert rief ein Mann: "Mehr Ärzte, weniger Journalisten!"
"Haiti ist ein aufgegebenes Land"
Zwei Tage lang wartete die kleine Haryssa Keem Clerge auf Hilfe. Eingeklemmt lag die Neunjährige unter den Trümmern des Elternhauses in Port-au-Prince. Sie weinte, schrie und bettelte um Hilfe. Verzweifelt versuchten Nachbarn und Freunde der Familie, das Kind mit bloßen Händen unter dem Schutt hervorzuziehen. Erst am Donnerstag erreichten Helfer das Mädchen, doch da war es bereits tot.
Haryssa ist eines von Zehntausenden Opfern der Erdbebenkatastrophe in Haiti. "Da gibt es keine Polizei, da gibt es niemand", klagt die verzweifelte Patin, Kettely Clerge. Die Nachbarn müssen sie zurückhalten, als sie zum eingestürzten Treppenhaus des Gebäudes steigt und ruft: "Ich will sie sehen!"
Nur einen Tag zuvor war die Mutter von Haryssa aus den Trümmern des Hauses gezogen worden. Jetzt liegt Lauranie Jean stöhnend in einem Zelt. Freiwillige Helfer reiben ihr eine Heilsalbe in die offenen Wunden an ihren Seiten. Die Familie hat Zuflucht gesucht auf einem Spielplatz. "Haiti ist ein aufgegebenes Land", sagt der Nachbar Bellefleur Jean Heber. Von der Regierung sei nichts zu erwarten. "Die Leute verlassen sich auf sich selbst."
Chaos am Flughafen von Port-au-Prince
Der beschädigte Flughafen der Hauptstadt erwies sich am Donnerstag als größtes Hindernis für ein rasches Anlaufen der Rettungsarbeiten. "Dank der sofortigen Hilfe so vieler Staaten haben wir sehr viel Personal und Hilfsgüter. Aber wir müssen sie ja auch ins Land bringen. Die Flughäfen sind der Flaschenhals", klagte Uno-Nothilfekoordinator John Holmes in New York.
Ein riesiges Problem: Der Luftraum über Haiti ist überfüllt. Ein US-Militärflugzeug und zehn zivile Flugzeuge kreisten über der Hauptstadt Haitis und warteten darauf, dass andere Flugzeuge die Landebahn freigeben, sagte eine Sprecherin der US-Luftfahrtbehörde FAA. Die haitianische Regierung bat die USA und andere Länder, vorerst keine weiteren Flüge nach Port-au-Prince zu leiten.
Nach dem Erdbeben der Stärke 7,0 machten sich zahlreiche Rettungsteams aus aller Welt auf den Weg in den Karibikstaat. Ein Sprecher des US-Außenamts sagte, es seien bereits acht Rettungsteams mit insgesamt 260 Mitarbeitern vor Ort im Einsatz; 30 Länder hätten Hilfe zugesagt oder bereits geschickt, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Such- und Bergungsteams, Ärzte, Spürhunde, Medikamente und Lebensmittel schickten. Das Deutsche Rote Kreuz wird am Freitag eine mobile Klinik nach Haiti fliegen.
Im Laufe des Tages soll in den Gewässern vor Haiti der US-Flugzeugträger "Carl Vinson" mit 19 Hubschraubern und Tausenden Soldaten eintreffen. Von ihm erhoffen sich die Hilfsorganisationen eine Beschleunigung der Hilfsarbeiten. Die USA wollten außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienschiffe ebenfalls mit Helikoptern und 2200 Marineinfanteristen sowie ein Lazarettschiff. Insgesamt werden sich nach Angaben des US-Südkommandos in Miami (Florida) am Wochenende mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte zur Unterstützung der Hilfsmaßnahmen in Haiti oder in Küstennähe aufhalten.
Schwere Schäden auch im Süden Haitis
Auch im Süden des Karibikstaates sind eine Reihe von Städten und Ortschaften schwer beschädigt worden, sagte am Donnerstagabend (Ortszeit) der Repräsentant der Deutsche Welthungerhilfe in Haiti, Michael Kühn. Großen Bedarf an Hilfe gebe es in den Ortschaften Jacmal, Petit Goave und Leogane. Dort sei die internationale Staatengemeinschaft aber noch nicht "besonders engagiert".
Die Lage sei auch deshalb schwierig, weil durch die Katastrophe auch die Vereinten Nationen in dem Land und die haitianische Regierung selbst in Mitleidenschaft gezogen worden seien. "Aber die Uno beginnt, sich wieder zu organisieren und die Arbeit zu verteilen, medizinische Hilfe zu organisieren und die Wasserversorgung in die Hände zu nehmen", sagte Kühn, der seit vielen Jahren in Haiti lebt und arbeitet.
Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist bisher aber ebenso unklar wie das Schicksal vieler der knapp hundert Deutschen in dem Inselstaat. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien über den Landweg in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist.
Sarkozy fordert Wiederaufbau-Konferenz für Haiti
Die weltweite Betroffenheit löste eine gigantische Welle der Hilfsbereitschaft aus. US-Präsident Barack Obama sagte 100 Millionen US-Dollar (rund 69 Millionen Euro) zu. Haiti habe derzeit oberste Priorität für seine Regierung, sagte Obama. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds machten Zusagen in Höhe von je 100 Millionen Dollar. Schauspieler George Clooney und viele seiner Kollegen wollen eine TV-Spendenaktion ins Leben rufen. Zahlreiche Schauspieler und Musiker haben bereits gespendet und ihre Fans zur Mithilfe aufgerufen.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy machte sich unterdessen für eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti stark. Über diesen Vorschlag wolle er mit Obama sprechen, sagte er in Paris. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft plant für Montag ein Sondertreffen der europäischen Entwicklungshilfeminister zu Haiti.
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon richtete einen dringenden Hilfsappell an die internationale Gemeinschaft. Die Grundversorgung mit Trinkwasser und Strom stehe kurz vor dem Zusammenbruch.
ala/AP/dpa/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
Die Bojen sind für die Funktion des Systems nicht essentiell, wie hier schon festgestellt wurde. Um es nochmal zu erklären: ein seismisches Messnetz, das völlig unabhängig von den Bojen ist, entscheidet, ob eine Tsunami [...] mehr...
kein Alarm-ohne Bojen ist das System nutzlos, die Boje sind die Datenübermittler, aber ein solches SYstem zu installieren ist Käse, wenn man nicht entsprechendes Wartungspersonal hat, bei 100.000.000 € hät ich neben jeder Boje [...] mehr...
Da das Schaubild nur die Bojen zeigt und nicht den wesentlich größeren Rest des Systems ist das ein wenig schwierig. Im Prinzip wird anhand verschiedener seismischer Messungen die Bewegung des Meeresbodens abgeleitet und daraus [...] mehr...
wenn Sie an hand des Schaubildes mal erklären würden, wie das System ohne Bojen funktioniert ! [...] mehr...
Ist aber nicht so schlimm wie es sich anhört. Das System funktioniert auch ohne die Bojen. Möglicherweise gibt es mehr Fehlalarme. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Erdbeben | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH