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17.01.2010
 

Machtvakuum in Haiti

Angst vor Bandenterror wächst

Aus Port-au-Prince berichtet Jens Glüsing

Überlebende graben mit bloßen Händen nach Angehörigen, Nonnen errichten Krankenlager - internationale Organisationen und Uno-Soldaten lassen auf sich warten. Die Gefahr besteht, dass schwerbewaffnete Gangs nach Port-au-Prince zurückkehren.


Die Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen waren vielbeneidete Menschen in Haiti. Sie fahren schöne neue Geländewagen mit Klimaanlage, essen in den besten Restaurants des Reichenvororts Pétionville und verdienen ein Vermögen, jedenfalls für haitianische Verhältnisse. Dieses Bild hat sich in den Köpfen der Haitianer verfestigt, seit Haiti am Tropf internationaler Hilfsorganisationen hängt.

Also seit Jahrzehnten.

Jetzt sind die schönen Restaurants von Pétionville zumeist zerstört, und die Zahl der Helfer hat sich nach der Katastrophe vervielfacht, aber ihr Ansehen hat sich kaum gebessert.

"Sie kommen, gucken und fotografieren, dann verschwinden sie wieder", klagt Merlin Louis Jean, 26. Gemeinsam mit einigen Nachbarn gräbt der junge Mann in den Trümmern eines zusammengestürzten Wohnhauses im Stadtteil Delmas nach Verschütteten. Seine eigene Familie ist in Sicherheit, aber sein Nachbar Francky Pierre vermisst zwei Söhne und eine Schwester. Seit zwei Tagen durchwühlt der alte Mann die Trümmer des Hauses, Hoffnung hat er kaum noch, zum Weinen ist Francky Pierre zu erschöpft.

Merlin Louis Jean notiert die Namen aller Familiengehörigen auf dem Block des Reporters. "Sie brauchen Hilfe, Zelte, Decken und Kleidung", sagt er. "Hier hat sich bislang kein Helfer blicken lassen."

Sechs Familien haben in dem zweistöckigen Wohnblock gelebt, sechs Menschen werden noch vermisst. Mit Stöcken, Latten und bloßen Händen graben Merlin Louis Jean und seine Nachbarn nach den Verschütteten. Sie tragen Mundschutz oder pressen Tücher vor Mund und Nase, aus den Trümmern dringt Verwesungsgeruch. Zwei Kinder haben sie tot geborgen, sie haben die Kleinen mit Teppichen bedeckt, die sie aus dem Schutt gezogen haben, und am Straßenrand abgelegt.

Operiert wird ohne Betäubung

Als der Abend hereinbricht, entfachen sie ein Lagerfeuer am Straßenrand, irgendjemand hat ein paar Bohnen und einen zerbeulten Topf organisiert, zum Kochen nehmen sie Mineralwasser.

Das gibt es noch in manchen Vierteln von Port-au-Prince, ebenso wie gekühlte Erfrischungsgetränke und Benzin. Auch der Verkehr ist genauso verstopft und anarchisch wie vor dem Beben. Wie durch ein Wunder funktionieren sogar einige Verkehrsampeln, doch niemand achtet auf sie.

Die meisten Haitianer sind im Improvisieren erfahren, sie wissen den Überlebenskampf im Chaos zu organisieren. In den Vororten Richtung Dominikanische Republik hat das Beben weniger Verwüstung angerichtet als in der Innenstadt und den Vierteln in den Bergen. Dort fehlt zwar der Strom, aber es gibt fast alles zu kaufen. Hier decken sich geschäftstüchtige Händler mit Waren ein, die sie im Stadtzentrum gegen einen saftigen Aufpreis weiterverkaufen.

In einer verwüsteten Straße nahe der Kathedrale im Stadtzentrum verhökern Straßenhändler eisgekühlte Cola aus einer Kühlbox. Eine junge Frau eilt mit einem Arm voller Baguettes über die Straße.

Wenige Schritte weiter haben mexikanische Nonnen in einem kleinen Park ein Feldlazarett errichtet. In Schubkarren und auf Liegestühlen, die zu Bahren umfunktioniert wurden, bringen die Menschen ihre verletzten Angehörigen. Einer jungen Frau müssen die Krankenhelfer der Caritas einen Fuß amputieren, operiert wird ohne Betäubung.

"Wir arbeiten unter Kriegsbedingungen", sagt die mexikanische Nonne Antonia Becerra. Ein zerbeulter Pick-up rast heran, auf der Pritsche liegt ein junger Mann, er stöhnt vor Schmerzen, sein linker Arm ist schwarz und geschwollen. Er lag 20 Stunden unter den Trümmern eines zusammengestürzten Hauses, bis er befreit werden konnte. "Der Arm ist wohl nicht mehr zu retten", flüstert Schwester Antonia.

Wut der Haitianer auf internationale Organisationen wächst

Kirchliche Organisationen sind vielerorts die ersten Helfer in der Not, die internationalen Organisationen und die Uno-Soldaten lassen auf sich warten. "Wir haben beim Roten Kreuz angefragt, ob sie nicht schnell ein Krankenhaus errichten können. Die haben gesagt: Wir müssen erstmal eine Bestandsaufnahme der Katastrophe vom Hubschrauber aus machen", klagt ein mexikanischer Feuerwehrmann, der bei der Bergung von Verschütteten im Stadtzentrum hilft. "Offenbar brauchen die Luftbilder, bevor sie tätig werden."

Auch die Blauhelme der Vereinten Nationen machen sich rar, sie sind damit beschäftigt, die Verschütteten aus ihrem eingestürzten Hauptquartier zu bergen. Die haitianische Polizei, die seit einigen Jahren von europäischen und kanadischen Polizisten geschult wird, ist vollkommen überfordert. Das Erdbeben hat auch die letzten bescheidenen Elemente staatlicher Ordnung begraben.

Dabei dürften Plünderungen und Überfälle das größte Problem für das zerstörte Land werden: Jahrelang herrschten schwerbewaffnete Gangs in den Elendsvierteln der haitianischen Hauptstadt. Die Uno-Truppen hatten es vor vier Jahren endlich geschafft, die Banditen aus den Slums zu vertreiben, doch immer noch gibt es jede Menge Waffen im Land. Jetzt cruisen wieder junge Männer mit Sonnenbrillen und Goldkettchen in Pick-ups ohne Kennzeichen durch die zerstörte Innenstadt und schüchtern die Überlebenden des Bebens ein.

Vor vielen Hausruinen stehen verlassene Autos, nicht alle sind zerstört. Sie sind eine leichte Beute für Plünderer. Wenn die Uno-Truppen nicht rasch einschreiten, wird der Bandenterror schnell nach Port-au-Prince zurückkehren.

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19.03.2010 von chinola2: Appel an die Weltpresse: Informiert die Welt ueber kontraproduktiven Praesidenten

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17.03.2010 von chinola: Danke für Ihre freundlichen Zeilen und

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Karte: Haiti mit der Hauptstadt Port-au-Prince

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Hintergrund Haiti

Geografie

Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.

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