Von Simone Utler
Das Paar aus Luxemburg ist nach Haiti gereist. Es will endlich Kenley persönlich kennenlernen, den 15 Monate alten Jungen, der ihr Sohn werden soll. Nach drei langen Jahren steht der Adoptionsprozess kurz vor dem Abschluss und ihr neues Leben ganz am Anfang. Als die offiziellen Dokumente in Gegenwart eines Richters in Port-au-Prince unterschrieben sind, geht es an jenem Tag wieder ins Kinderheim "God's Littlest Angels".
Dort haben der 35-Jährige und die 42-Jährige den kleinen Kenley am Vortag erstmals persönlich getroffen - nachdem sie ihn zuvor nur von Fotos kannten. Als sie das Kinderheim betraten, erkannten sie Kenley sofort. Der Junge saß mit einer Mitarbeiterin auf einem Sofa, lachte und hielt einen kleinen Fußball in der Hand, den er fast immer bei sich trägt.
Vom Gericht zurückgekehrt ins Waisenhaus, geht das Paar mit anderen Erwachsenen und mehreren Kindern auf das Dach - da passiert es. 12. Januar 2010, 16.53 Uhr. Die Erde bebt.
"Das ganze Gebäude ruckelte plötzlich. Es war unglaublich laut, als hätten sich ganze Steinschichten aneinander gerieben", erzählt Christopher Skelton. "Der Schock war riesig."
Niemand im Kinderheim wird verletzt. Das Haus bleibt weitgehend intakt, es gibt Wasser, Strom und Internetzugang - nur die Telefonleitung ist tot. Wegen Nachbeben verbringen alle die Nacht im Hof. Die Erwachsenen bilden einen Kreis, um den rund 150 Kindern ein bisschen Schutz und Wärme zu bieten.
"In diesem Chaos habe ich meinen Sohn zum ersten Mal gefüttert"
Christopher Skelton hält den kleinen Kenley im Arm, eingewickelt in eine rot-blau-karierte Fleecedecke. "In diesem Chaos habe ich meinen Sohn zum ersten Mal gefüttert, ihn zum ersten Mal gewickelt. Wenn nicht das Beben gewesen wäre, wäre das der schönste Tag in meinem Leben gewesen."
In den kommenden Tagen versuchen Christopher Skelton und Marika Sganga wie einige andere Elternpaare alles Erdenkliche, um das zerstörte Land rasch zu verlassen - mit den Kindern. Die Firma des Mannes schaltet sich ein. Die Regierungen helfen. Bis dann feststeht, dass sie am Samstag in einer belgischen Maschine ausfliegen können. Mit an Bord: zwei Paare aus Luxemburg und den Niederlanden. Außerdem haben vier Kinder, die zu belgischen Eltern kommen, alle nötigen Papiere, und für das adoptierte Mädchen des niederländischen Paares haben die Heimatbehörden eine Sondergenehmigung ausgestellt.
Doch in Luxemburg gibt es noch nichts Vergleichbares - Skelton und Sganga müssen ohne Kenley aus Haiti abreisen.
"Es hat uns das Herz zerrissen, ihn zurücklassen zu müssen", sagt Christopher Skelton. Trotzdem, sie sahen keinen Ausweg. "Er ist eben noch nicht unser gesetzlicher Sohn."
Ohne Papiere durfte Kenley in Haiti nicht aus- und in Belgien nicht einreisen. "Entweder hätten sie uns nicht ins Land gelassen oder vielleicht sogar wegen Kindesentführung festgenommen."
Adoption in Haiti - dort geht es schnell
Jetzt weiß niemand, wie es mit der Adoption weitergeht. "Die Regierungsgebäude sind zerstört, die Unterlagen existieren vielleicht gar nicht mehr, die zuständigen Personen sind tot, verschwunden oder im Moment mit anderen Dingen beschäftigt als mit Adoptionen", sagt Christopher Skelton. Der für Adoptionen zuständige Richter Rock Cadet ist bei dem Erdbeben ums Leben gekommen.
Das Paar versucht verzweifelt, eine Regelung für Kenley zu finden - und hat das Gefühl, nach drei Jahren wieder ganz am Anfang zu stehen.
Damals begannen der Projektmanager und die Keyaccount-Managerin in Luxemburg den Marathon eines internationalen Adoptionsprozesses und ließen sich auf die Warteliste des luxemburgischen Roten Kreuzes setzen. Skelton und Sganga entschlossen sich für eine Adoption in Haiti, weil das Verfahren dort vergleichweise schnell gehen sollte. In den folgenden Monaten mussten sich die beiden psychologischen Tests unterziehen, ihr Zuhause inspizieren lassen, Referenzen von Freunden vorlegen, Einblick in ihre Finanzen gewähren. Nach rund anderthalb Jahren kamen sie auf die Warteliste des Kinderheimes "God's Littlest Angels" in Port-au-Prince. Nach weiteren fünf bis sechs Monaten wurde ihnen Kenley vorgeschlagen. Skelton und Sganga sagten ja - und mussten sich ein weiteres Jahr gedulden. Im Januar waren endlich alle Formalitäten so weit erledigt, dass sie nur noch für die letzten Details persönlich nach Haiti reisen mussten.
"Wir sammeln nicht einfach Kinder auf der Straße ein"
Seit die beiden nun ohne Kenley in Brüssel gelandet sind, können sie kaum noch schlafen. Noch am Flughafen haben sie einen Vertreter des Roten Kreuzes getroffen, dann den britischen Konsul in Brüssel, sie haben Interviews gegeben und E-Mails in alle Welt geschrieben. Sie wollen alles versuchen, um den Jungen so schnell wie möglich zu sich zu bekommen.
Insgesamt warten in diesen Tagen zwölf luxemburgische Paare auf Kinder aus Haiti. Sie haben sich zusammengeschlossen, am Montag hatten sie einen Termin mit der luxemburgischen Familienministerin - mit dem Ziel, eine ähnliche pragmatische Regelung zu finden wie die Niederlande oder die USA.
Die USA haben vorübergehend die Einreisevorschriften für Waisen aus dem Katastrophengebiet gelockert, um eine Behandlung der Kinder zu erleichtern. Und die Niederlande haben ein Flugzeug in die Karibik geschickt, um 109 vor dem Beben zur Adoption freigegebene Kinder auszufliegen.
Das niederländische Justizministerium lässt sie einreisen, ohne den Abschluss der Adoptionsverfahren in Haiti abzuwarten. Ein Sprecher sagte, der Prozess sei wegen der Naturkatastrophe lediglich beschleunigt worden - "wir sammeln nicht einfach Kinder auf der Straße ein und bringen sie zur Adoption nach Holland". Auch Frankreich will alle von Franzosen adoptierten Kinder schnell aus Haiti ausfliegen. Dafür müssten aber alle Papiere in Ordnung sein, sagte Entwicklungsstaatssekretär Alain Joyandet. Elternvereinen zufolge laufen zurzeit 1200 bis 1500 Anträge.
"Wir brauchen die Betten für die Waisen"
Christopher Skelton legt Wert darauf, dass es ihm und seiner Frau nicht darum geht, "Kenley ohne offizielle Papiere zu bekommen. Wir würden ihn auch erstmal als Pflegekind nehmen - wir möchten ihn nur aus diesem Elend holen". Alle hätten einen "sehr, sehr langen Prozess durchlaufen - und es ist schwer, das Kind kurz vor dem Ende in solch einer grauenvollen Situation zurücklassen zu müssen".
Inzwischen gibt es Hoffnung: Skelton hat gehört, der haitianische Präsident René Préval habe die Liste der luxemburgischen Adoptiveltern akzeptiert - ihre Kinder dürften nun das Land verlassen. "Wir warten allerdings noch auf eine offizielle Bestätigung", sagte Skelton am Mittwochmorgen.
Er und die weiteren Familien arbeiten schon daran, den Transport der Kinder zu organisieren: "Wir versuchen, dass sie mit der niederländischen Maschine mitkommen können." Doch noch sei offen, ob Platz in dem Flugzeug sei und wie die Kinder aus dem Heim zum Flughafen kämen.
Das Heim "God's Littlest Angels" hatte die Regierung Haitis gebeten, Kinder ausreisen zu lassen, die schon vermittelt sind. Leiterin Dixie Bickel denkt dabei an deren Wohl - aber auch an das anderer. "Wir brauchen die Betten für Waisen, die bei diesem Unglück ihre Eltern verloren haben", schreibt sie auf der Internetseite.
Auf anderen Social Networks posten:
Die Bojen sind für die Funktion des Systems nicht essentiell, wie hier schon festgestellt wurde. Um es nochmal zu erklären: ein seismisches Messnetz, das völlig unabhängig von den Bojen ist, entscheidet, ob eine Tsunami [...] mehr...
kein Alarm-ohne Bojen ist das System nutzlos, die Boje sind die Datenübermittler, aber ein solches SYstem zu installieren ist Käse, wenn man nicht entsprechendes Wartungspersonal hat, bei 100.000.000 € hät ich neben jeder Boje [...] mehr...
Da das Schaubild nur die Bojen zeigt und nicht den wesentlich größeren Rest des Systems ist das ein wenig schwierig. Im Prinzip wird anhand verschiedener seismischer Messungen die Bewegung des Meeresbodens abgeleitet und daraus [...] mehr...
wenn Sie an hand des Schaubildes mal erklären würden, wie das System ohne Bojen funktioniert ! [...] mehr...
Ist aber nicht so schlimm wie es sich anhört. Das System funktioniert auch ohne die Bojen. Möglicherweise gibt es mehr Fehlalarme. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Adoption | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH