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20.01.2010
 

Haitis Waisenkinder

"Das Risiko von Entführungen steigt"

Kinder in einem Waisenhaus in Port-au-Prince: "Auffangen und vernünftig betreuen"Zur Großansicht
AFP

Kinder in einem Waisenhaus in Port-au-Prince: "Auffangen und vernünftig betreuen"

Das Beben hat viele Kinder in Haiti zu Waisen gemacht. Ärzte und Medikamente für ihre Versorgung fehlen, dazu kommt die Gefahr von Entführungen und Missbrauch: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht ein Experte von Terre des Hommes über die Risiken - und warnt davor, jetzt das Heil in Adoptionen zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ramm, wie groß ist die Gefahr für Waisenkinder in Haiti, in die Fänge von Menschenhändlern oder Zuhältern zu gelangen?

Wolf-Christian Ramm: Schon vor dem Erdbeben war die Situation für Waisen in Haiti problematisch. Viele Kinder hatten niemanden, der sich um sie kümmert. Bei Katastrophen wie dem Tsunami 2004 wurde gewarnt, dass in Extremsituationen, in denen Durcheinander und Chaos herrschen, die Gefahr steigt, dass Minderjährige zu Opfern von Menschenhändlern werden. Noch haben wir keine entsprechenden Berichte aus Haiti - aber das Risiko von Entführungen und Missbrauch steigt ohne Frage.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Menschenhändler gezielt vor?

Ramm: Leider ja. Sie begeben sich in Zeltlager, an Orte, an denen Trinkwasser, Lebensmittel oder Hilfslieferungen verteilt werden. Hier sprechen die Zuhälter die Kinder direkt an, versprechen ihnen, Hilfe zu holen, Angehörige zu finden oder für Essen zu sorgen. In Wirklichkeit landen die Waisen dann oft in der Prostitution oder werden über dubiose Internetagenturen zur Adoption freigegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man die Kinder schützen?

Ramm: In Haiti sind die staatlichen Strukturen derzeit sehr, sehr schwach. Aber es gibt durchaus lokale Autoritäten, zu denen die Menschen Vertrauen haben und die unbedingt gestärkt werden müssen. Die Kirche spielt in Haiti eine große Rolle. Es ist deshalb wichtig, mit internationaler Hilfe Schutzeinrichtungen für Waisen zu errichten, die Kinder aufzufangen und vernünftig zu betreuen. Dann ist ein großer Schritt getan.

SPIEGEL ONLINE: Gelten die Kirchenvertreter in Haiti als zuverlässige Partner?

Ramm: Sowohl Terre des Hommes in der Schweiz als auch unsere deutschen Partner-Hilfsorganisationen Misereor und Brot für die Welt haben gute Erfahrungen gemacht, wo sie kooperiert haben, soweit ich weiß.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Kinder nicht lieber ins Ausland in Sicherheit gebracht werden?

Ramm: Nein. Ich habe Respekt vor dem Reflex vieler Menschen, angesichts des großen Elends ein Kind adoptieren oder retten zu wollen. Dennoch kann und muss die erste Lösung eine Unterbringung der Opfer in ihrer Heimat sein - zum Beispiel eine Erstbetreuung durch haitianische Eltern, die ja auch Kinder verloren haben und eventuell ihrerseits eine Waise betreuen möchten. Die Kleinen können das Ausmaß der Katastrophe doch noch gar nicht ermessen. Sie sind schwer traumatisiert und müssen dringend behandelt werden - und zwar von Psychologen und Ärzten, die ihre Kultur kennen und ihre Sprache sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Also keine Blitzadoption durch mitfühlende Ausländer, wie sie jetzt durch gelockerte Einreisebestimmungen in den USA oder den Niederlanden favorisiert werden?

Ramm: Das kann in der jetzigen Situation nicht der richtige Schritt sein, weil man in vielen Fällen gar nicht weiß, ob es noch irgendwo Verwandte gibt, die überlebt haben. Eine Adoption ist eine so gravierende Entscheidung auch für die künftigen Eltern, dass so etwas in Ruhe vorbereitet werden muss. Deshalb sind die Gesetze ja so streng.

SPIEGEL ONLINE: Die Kinder sollen also trotz Hunger, Gewalt und Chaos in Haiti bleiben?

Ramm: Unbedingt - aber natürlich nur unter der Voraussetzung, dass gleichzeitig die internationale Hilfe im Land greift. Daran arbeiten wir und viele andere Hilfsorganisationen ja mit Hochdruck.

SPIEGEL ONLINE: Wo engagiert sich Terre des Hommes derzeit?

Ramm: Die Kollegen aus der Schweiz sind mit 57 Helfern in Les Cayes, hundert Kilometer westlich von Port-au-Prince. Derzeit fliehen immer mehr Menschen aus der Hauptstadt ins Umland, auf der Suche nach Schutz und ärztlicher Hilfe. Unter normalen Bedingungen können wir dort 20.000 Menschen drei Monate lang mit Medikamenten, Hygieneartikeln und Nothilferationen versorgen - nach dem Erdbeben sind diese Vorräte allerdings fast aufgebraucht. Wir haben Betreuer, Pflegepersonal und Wasser, aber nur einen Arzt. Dennoch strömen täglich Dutzende Verletzte in unser Nothilfezentrum.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie schon über die akute Soforthilfe hinausgehen?

Ramm: Ja, wir sind sehr froh, dass inzwischen ein weiteres Nothilfe-Expertenteam auf der Insel gelandet ist. Mit dabei ist ein Psychologe, der spezialisiert ist für Erdbeben-Traumatisierte. Er wird Betreuungsprogramme aufbauen, die langfristig funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Vertreter der Malteser befürchten, dass es angesichts der angespannten Versorgungslage für viele schwerverletzte Kinder derzeit kaum Hoffnung auf Überleben gibt. Sind die Kinder verloren?

Ramm: Darüber kann ich nicht spekulieren - derartige Aussagen liegen mir von unseren Kollegen aus Haiti nicht vor. Aber natürlich ist die Versorgung schwerverletzter Kinder ein Wettlauf gegen die Zeit.

Das Interview führte Annette Langer

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.... und immer mehr Hilfspersonal (Ärzte !) verlässt das Land, weil es einfach zu viele Entführungen gibt und es zu gefährlich ist ...... mehr...

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Zu den Beiträgen von Chinola2 Nr. 1799 und 1800 hat ein Freund mir per Mail seine Ansicht gesendet, mit der Bitte, das zu posten. Was ich gerne tue, hier: "Ist sehr gut geschrieben. Mich stoert jedoch, wenn als [...] mehr...

19.03.2010 von chinola2: Appel an die Weltpresse: Informiert die Welt ueber kontraproduktiven Praesidenten

Was ich damit meine, nicht nur die haitianische Regierung laesst die gesamte Bevoelkerung im Schutt verrecken, jetzt schliesst auch noch die nahezu gesamte Weltpolitik die Augen vor diesen Problemen der Haitianer und nehmen [...] mehr...

18.03.2010 von chinola2: Die Frage sollte lauten: Muss die Welt mehr fuer Haiti tun?

Wie kann es sein, dass der Praesident Haitis die Einfuhr von Trockenmilch fuer Baby's untersagt, damit die Frauen ihren Kindern Muttermilch geben... Dabei aber ganz vergisst, dass es tausende Waisenkinder gibt...?? Wie kann es [...] mehr...

17.03.2010 von chinola: Danke für Ihre freundlichen Zeilen und

bitte um Verständnis, wenn ich etwas provozierend gefragt hatte.Ich hatte, so zwischen Ihren Zeilen lesend, auch nicht wirklich angenommen, daß Ihnen das alles egal ist. Wollte nur auch die Gelegenheit wahrnehmen, allgemein [...] mehr...

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Zur Person

terre des hommes
Wolf-Christian Ramm ist Pressesprecher von Terre des Hommes Deutschland e.V. Der Kinderschutzverein wurde 1967 gegründet und fördert derzeit in 29 Projektländern mehr als 450 Projekte. Die Organisation unterstützt vor allem Partner-Initiativen vor Ort, die Schulen oder Schutzzentren errichten und Kinder betreuen, die Opfer von Krieg, Naturkatastrophen oder Gewalt wurden. Terre des Hommes Schweiz unterhält seit nunmehr 20 Jahren im haitianischen Les Cayes, rund 100 Kilometer westlich von Port-au-Prince, ein Nothilfedepot, wo mangelernährten Kindern und Müttern geholfen wird.


Karte

Karte: Haiti mit der Hauptstadt Port-au-Prince

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Hintergrund Haiti

Geografie

Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.

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