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26.01.2010
 

Haiti-Überlebender

Flucht aus der Hölle

Aus Miami und New York berichtet Marc Pitzke

Er hat alles verloren bis auf einen Rucksack: Der gebürtige Haitianer Patrick Bonneville war erst vor kurzem nach Port-au-Prince gezogen, hatte große Pläne. Dann kam das Beben. Jetzt muss er ganz von vorn beginnen. Ihm bleibt nur der Rückweg nach New York - in ein Leben ohne Arbeit und Familie.


Miami - Das stille Grüppchen Schwarzer, das da im Morgengrauen an Gate H-3 des Flughafens von Miami wartet, fällt nicht weiter auf. Ein paar Erwachsene, ein Dutzend Kinder, ein Greis im Rollstuhl. Sie sehen aus wie Familien auf dem Heimweg aus dem Urlaub. Kaum einer spricht, einige schlafen.

Auch Patrick Bonneville fallen die Augen immer wieder zu. Der 21-Jährige hockt auf dem Boden, den Kopf in den Armen vergraben. Er ist unrasiert und trägt schlabberige Jeans, ein Kapuzensweatshirt, ein Halstuch mit dem US-Sternenbanner um die Stirn und darüber eine Baseballmütze mit dem Emblem der 82. Airborne Division der US-Armee, dem doppelt gespiegelten "A". Seine Hände, so zeigt ein zweiter Blick, haben überall Schürfwunden.

"Mein Kopf tut weh", sagt Bonneville in französisch gefärbtem Englisch, tippt sich an die Mütze und rollt die blutunterlaufenen Augen. Was er meint: Seine Gedanken und Gefühle drehen durch. "Es ist einfach zu viel."

Die Dame am Schalter ruft den Flug auf: Delta 1820 von Miami nach New York City, 7.15 Uhr. Bonneville steht ächzend auf, staubt sich ab, schultert seinen Rucksack und stellt sich an. Die anderen Passagiere - meist Florida-Touristen und Geschäftsreisende - schnattern übers Wetter und andere Widrigkeiten.

Was sie nicht wissen: Patrick Bonneville hat ganz andere Sorgen, denn seine Reise begann in Haiti, in Port-au-Prince - und sie ist längst nicht zu Ende. Er und der Rest seiner Truppe sind Erdbeben-Flüchtlinge - US-Staatsbürger haitianischer Abstammung. Das Schlimmste haben sie zwar vorerst hinter sich, doch jetzt kommt die Ungewissheit, wie es weitergeht.

"Als ginge die Welt unter"

Fast zwei Wochen ist das verheerende Erdbeben auf der Karibikinsel her. Trotzdem fällt es Bonneville bis heute schwer, darüber zu sprechen. Wenn man ihn fragt, woher er komme, sagt er anfangs nur ein Wort: "Haiti." Bonneville war bei Freunden im Haus, als die Erde zu beben begann. Sie spielten gerade Karten. "Alles brach zusammen", sagt er. "Es dauerte so lange. Als ginge die Welt unter."

Sie retteten sich ins Freie, alle zum Glück nur mit leichten Verletzungen. Bonneville konnte sogar noch seinen blau-roten Rucksack greifen. Ringsum aber war alles zerstört, das Viertel Delmas gehört zu den am schlimmsten betroffenen Gegenden nördlich der Innenstadt. Die Häuser an den Hügeln waren durch die Wucht der Erdstöße quasi aufeinander geschoben worden, Lastwagen von Betontrümmern zerquetscht.

Und das Beben durchkreuzte die Pläne, die Bonneville in seiner alten Heimat hatte.

Denn erst vor vier Monaten war der gebürtige Haitianer nach Port-au-Prince zurückgekehrt, nachdem er im Spätsommer 2009 seinen Job als Wachmann am New Yorker Kennedy-Flughafen verloren hatte. "Ich wollte ein Business aufmachen", sagt er. "Mein Plan war es, T-Shirts aus den USA nach Haiti zu importieren."

Doch die braucht jetzt erstmal niemand mehr - und damit begannen für Bonneville erstmal lange Tage des unschlüssigen Wartens. Acht Tage übernachtete er im Freien, "meistens im Park", wie er erzählt. "Aber so richtig geschlafen hat keiner." Nachbeben versetzten ihn und andere in Panik. Sie hatten Angst vor Dieben, Plünderern, Kriminellen, zumal das Gefängnis zerstört war. "Die Jüngeren von uns organisierten eine Nachtwache, damit die Älteren schlafen konnten. Wir hatten Stöcke."

"In den USA stehen euch nicht alle Türen offen"

Schließlich entscheidet Bonneville, sich zum Flughafen durchzuschlagen. Denn dort, hinter dem völlig unbenutzbaren "Aeroport International Toussaint Louverture" hatte die US-Botschaft ein braunes Zelt aufgebaut, um Amerikaner und Haitianer mit US-Verwandten abzufertigen, die ausreisen wollten.

Hunderte standen hier Schlange. Nicht nur US-Bürger, Hilfspersonal und Ärzte, sondern auch Haitianer in der Hoffnung auf einen Ausweg. Tagelang war unklar, wer das Land verlassen durfte und wer nicht. Dazu kam die Ansage des haitianischen Botschafter in Washington, Raymond Joseph, der die wartenden Menschen per Funk wissen lies, dass sie in den USA nicht erwünscht seien.

In der Tat ist die US-Regierung bisher hart geblieben: Einreisen darf nur, wer einen US-Pass hat - mit Ausnahme von Waisenkindern, die eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten, und illegalen Haitianern, die sich am Tag des Erdbebens bereits in den USA befanden und deren Abschiebung vorerst ausgesetzt wurde.

Trotz seines US-Passes muss Bonneville zwei weitere Tage warten, bis er zusammen er mit Dutzenden anderen einen Flug nach Florida bekommt. Im Bauch eines C-130-Hercules-Militärtransporters der US-Marine brummen sie schließlich über die Karibik, dicht aneinander gedrückt, auf Klappsitzen am Rand des Frachtraums und auf dem Stahlboden dazwischen. Schließlich landen sie auf dem Luftwaffenstützpunkt Homestead bei Miami, wo sie von Air-Force-Personal empfangen und versorgt werden.

"Danke, dass Ihr der Welt unsere Geschichte erzählt"

Von dort aus geht es am nächsten Tag weiter Richtung New York, in einer vollen McDonnell Douglas MD88. Dort, auf dem Platz 15B, schläft Bonneville sofort ein und wird erst über Georgia von einer Flugbegleiterin sanft geweckt: "Woher kommst Du?" Bonneville murmelt "Haiti" - woraufhin sie ihm, wie allen Flüchtlingen an Bord, einen Präsentkarton voller Süßigkeiten reicht: Schokoriegel, Chips, Studentenfutter.

Mit Heißhunger stürzt sich Bonneville auf das Studentenfutter, sein Sitznachbar gibt ihm außerdem eine Tüte mit Nüssen. Langsam beginnt er von seiner Odyssee zu erzählen, in abgehackten, kurzen Sätzen. Er bedankt sich bei der Flugbegleiterin und bei einem mitreisenden Journalisten "dafür, dass ihr der Welt unsere Geschichte erzählt".

An der eigenen Regierung aber lässt er kein gutes Haar: Die sei die ganze Zeit nirgends zu sehen gewesen, dem Land drohe eine düstere Zukunft. "Am besten wäre es", sagt Bonneville kauend, "wenn Amerika alles übernimmt." Wobei er aber auch den USA wenig traut: Der Militärflug nach Homestead sei zwar umsonst gewesen. Aber für den Linienflug nach New York "schicken sie uns sicher noch eine Rechnung".

Am Kennedy-Flughafen steht Bonneville schließlich etwas verloren an der Gepäckausgabe, bis ihm einfällt, dass er außer seinem Rucksack ja gar kein Gepäck mehr hat. Ein anderer Passagier bietet ihm die Mitfahrt im Taxi an, durch das düstere und graue New York. Der Wagen rauscht über den Long Island Expressway, vorbei an trostlosen Reihenhäusern. "Ich hasse Winter", sagt Bonneville.

Dann, ein seltsamer, und doch verständlicher Satz: "Ich vermisse Haiti."

Er wolle so schnell wie möglich wieder zurück, sagt er. Seine US-Steuererklärung einreichen, sich von der erhofften Rückerstattung ein Ticket nach Port-au-Prince kaufen. "Ich will helfen." Ob das Rote Kreuz Freiwillige brauche? Müsse man qualifiziert sein? Vielleicht könne er ja als Wachmann arbeiten, gegen Plünderer.

Das Taxi erreicht schließlich Bushwick, einen besonders armen Bezirk Brooklyns, umfährt den Evergreen-Friedhof, dessen weißen Grabsteine sich endlos hinziehen. "Geradeaus und an der Ampel links", sagt Bonneville und bittet den Fahrer dann, in der Cornelia Street zu halten. Er steigt aus, nimmt seinen Rucksack und geht auf ein weißes Holzhaus zu. "Vielen Dank für alles", sagt er. "Vergesst Haiti nicht."

Er winkt mit seiner Mütze, und dann ist er weg.

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Die neuesten Beiträge:
27.10.2011 von pescador:

Die Bojen sind für die Funktion des Systems nicht essentiell, wie hier schon festgestellt wurde. Um es nochmal zu erklären: ein seismisches Messnetz, das völlig unabhängig von den Bojen ist, entscheidet, ob eine Tsunami [...] mehr...

27.10.2011 von sitiwati: ohne Bojen

kein Alarm-ohne Bojen ist das System nutzlos, die Boje sind die Datenübermittler, aber ein solches SYstem zu installieren ist Käse, wenn man nicht entsprechendes Wartungspersonal hat, bei 100.000.000 € hät ich neben jeder Boje [...] mehr...

26.10.2011 von lordax:

Da das Schaubild nur die Bojen zeigt und nicht den wesentlich größeren Rest des Systems ist das ein wenig schwierig. Im Prinzip wird anhand verschiedener seismischer Messungen die Bewegung des Meeresbodens abgeleitet und daraus [...] mehr...

26.10.2011 von sitiwati: es wär nett

wenn Sie an hand des Schaubildes mal erklären würden, wie das System ohne Bojen funktioniert ! [...] mehr...

25.10.2011 von lordax:

Ist aber nicht so schlimm wie es sich anhört. Das System funktioniert auch ohne die Bojen. Möglicherweise gibt es mehr Fehlalarme. mehr...

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Wichtigste Eckdaten

Eigenname: Republik Haiti

Offizieller Eigenname: République d'Haïti

Staatsoberhaupt:
Michel Martelly (seit Mai 2011)

Regierungschef: Garry Conille (seit Oktober 2011)

Außenminister: Laurent Lamothe
(seit Oktober 2011)

Staatsform: Präsidialrepublik

Mitgliedschaften: Uno, Caricom, OAS

Hauptstadt: Port-au-Prince

Amtssprachen: Französisch, Französisches Kreolisch

Religionen: mehrheitlich Katholiken (oft zusammen mit Voodoo)

Fläche: 27.750 km²

Bevölkerung: 9,993 Mio. Einwohner

Bevölkerungsdichte: 360 Einwohner/km²

Bevölkerungswachstum: 1,1%

Fruchtbarkeitsrate: 3,4 Geburten/Frau

Nationalfeiertag: 1. Januar

Zeitzone: MEZ -6 Stunden

Kfz-Kennzeichen: RH

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Internet-TLD: .ht

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Hintergrund Haiti

Geografie

Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.

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