Washington - Einer der schwersten Schneestürme seit Jahrzehnten legt die Region um die US-Bundeshauptstadt Washington lahm. Bis zum Samstagmorgen fiel streckenweise ein halber Meter Schnee, zwei Menschen kamen ums Leben. Am internationalen Flughafen Dulles, einem der größten Verkehrsflughäfen der USA, stürzte unter dem Gewicht der Schneemassen das Dach eines Flugzeughangars ein. Fünf Mitarbeiter befanden sich in dem Gebäude, in dem Privatflugzeuge untergebracht sind. Vier konnten sich selbst befreien, ein weiterer wurde von der Feuerwehr gerettet. Wie schon zuvor am Reagan Airport wurde auch in Dulles der Flugverkehr komplett eingestellt.
Etwa 210.000 Haushalte sind nach Angaben der "Washington Post" ohne Strom. In Washington und Baltimore kam der öffentliche Nahverkehr praktisch zum Erliegen. Auch die Post stellte ihre Arbeit in der Hauptstadt und der Umgebung ein. Es werde keine Zustellungen und keine Annahme von Sendungen geben, um die Sicherheit der Mitarbeiter und Kunden nicht zu gefährden, sagte ein Unternehmenssprecher.
Das Smithonian, der größte Museumskomplex der Welt, wurde geschlossen. Das Krankenhaus "Washington Hospital Center" rief den Schnee-Notstand aus - dort dürfen Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz nicht mehr verlassen, da zu wenige Ärzte und Pfleger vor Ort sind.
Blizzard-Warnung bis 22 Uhr
Denn viele Mitarbeiter folgten dem Aufruf der Behörden, nur im Notfall ihre Wohnung zu verlassen. Die Lage sei äußerst gefährlich, urteilte der Nationale Wetterdienst und sprach eine Blizzard-Warnung bis Samstagabend um 22 Uhr aus.
Bis dahin soll weiter Schnee fallen - damit könnte der bisherige Rekord vom Januar 1922 gebrochen werden. Damals fielen 71 Zentimeter Neuschnee. "Es können nochmals 25 Zentimeter fallen", prophezeite eine Meteorologin. Es wird mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 90 km/h gerechnet.
Im benachbarten Bundesstaat Virginia kamen ein Vater und sein Sohn ums Leben, als sie einem steckengebliebenen Autofahrer zur Hilfe eilten. Die beiden Männer wurden von einem Fahrzeug erfasst.
Hamsterkäufe aus Angst vor dem Unwetter
In der Hauptstadt blieb das große Chaos zunächst aus, weil die meisten Menschen am Wochenende nicht zur Arbeit mussten. Zudem hatten die Bewohner in Erwartung des "Monstersturms" bereits am Freitag die Supermärkte gestürmt und sich mit Lebensmitteln, Kerzen und Batterien sowie mit Streusalz eingedeckt. In vielen Geschäften waren die Regale danach so gut wie leergefegt. Viele kauften auch Getränke für ihre Feiern am Super-Bowl-Abend - am Sonntag findet das Finale um die American-Football-Meisterschaft statt.
Die Verkehrsbehörden in Washington gaben schon am Freitagabend auf. Seitdem verkehrt die Metro nur noch im unterirdischen Verkehrsnetz. Busse rücken erst gar nicht mehr aus. Die Regierung hatte vorsorglich vielen Beamten vier Stunden früher Feierabend gegönnt, damit sie es noch nach Hause schafften. Zahlreiche Schulen blieben geschlossen. Ein Sprecher der Metro sagte, es sei zweifelhaft, ob die Bahnen am Sonntag wieder überirdisch eingesetzt werden könnten. Hunderte Mitarbeiter arbeiteten mit Schaufeln und Schneepflügen daran, die Eingänge zu den Haltestellen freizulegen.
Meteorologen sprachen von einer "extrem gefährlichen" Wetterlage. "An einigen Orten gehen innerhalb einer Stunde bis zwei Inches (fünf Zentimeter) Neuschnee nieder." Da die Temperaturen um den Gefrierpunkt schwanken, fällt derzeit sehr nasser und schwerer Schnee. Die Experten warnen, die Schneemassen könnten Bäume und oberirdische Stromleitungen zum Einsturz bringen. Derzeit sind vor allem im Bundesstaat Maryland viele Menschen von Stromausfällen betroffen.
Knietiefer Schnee auf dem Bürgersteig
Das Herz der US-Hauptstadt - die Mall und die Parklandschaft zwischen Weißem Haus und dem Potomac-Fluss - wirkten am Samstag wie eine winterliche Märchenkulisse. Nur ganz vereinzelt wagten sich schwere Allrad-Autos auf die Straßen. In den Wohngebieten versanken Fußgänger bis zu den Knien im Schnee, vereinzelt waren Skilangläufer unterwegs.
Die benachbarten Bundesstaaten Virginia und Delaware riefen den Notstand aus. Damit können Hilfen wie etwa die Nationalgarde schneller und ohne bürokratische Hürden zum Einsatz kommen. Dabei hatten die Menschen in Washington und Umgebung erst kurz vor Weihnachten einen schweren Schneesturm zu überstehen, damals war innerhalb weniger Stunden fast ein halber Meter Neuschnee niedergegangen.
Der schwerste Schneesturm mit 71 Zentimetern Schnee in Washington wurde 1922 registriert. Das damalige Unwetter wurde als "Great Knickerbocker Storm" bekannt, weil damals unter den Schneelasten das Knickerbocker Theatre in Washington einstürzte. Fast hundert Menschen kamen dabei ums Leben.
Auch für den aktuellen Sturm haben US-Medien schon einen Namen gefunden. Sie bezeichnen ihn als "Snowmageddon" oder "Snowpocalpyse". Doch vor allem jüngere Bürger in Washington scheint das keine allzu große Angst einzuflößen. Für den Samstag verabredeten sich über Internetdienste wie Facebook und Twitter viele Menschen zu Schneeballschlachten.
sto/dpa/Reuters
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