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12.02.2010
 

Sexueller Missbrauch

Scham fressen Seele auf

Von Barbara Hans

Er musste sich nackt auf ein Sofa legen, und was dann kam, hat seine Seele zerstört: Norbert Denef wurde als Kind jahrelang von einem katholischen Pfarrer missbraucht. Als erstes deutsches Opfer bekam er finanzielle Entschädigung - doch sein Kampf gegen die Kirche ist noch nicht zu Ende.


Hamburg - Es ist dieses eine Bild, diese eine kleine Geste, die sich eingebrannt hat in Norbert Denefs Kopf. Eine Geste, die ein Symbol ist für das, was ihm jahrelang widerfahren ist. Es ist das Bild eines Jungen, der seinen Finger in ein Astloch bohrt, wieder und wieder. So lange und so oft, bis das Astloch irgendwann ausgefranst ist und sein Finger problemlos hineinpasst. Während er dem Astloch an der Seitenwand eines ausladenden Schreibtischs seine ganze Aufmerksamkeit widmet, liegt der Junge nackt auf der Couch.

Es ist die Couch eines Geistlichen.

Jahrelang vergeht sich Pfarrer Alfons Kamphusmann an Norbert Denef, meist auf seinem Sofa, mehrmals in der Woche.

Der Missbrauch geschieht in den Jahren 1959 bis 1966, Denef ist damals zwischen zehn und 16 Jahren alt. Es ist die Zeit, von der er heute sagt, sie habe seine Seele getötet. Nachdem der Pfarrer von ihm ablässt, wird Denef Opfer eines zweiten Kirchenmannes, eines Angestellten, der ihn drei weitere Jahre lang missbraucht.

Es folgen Jahrzehnte des Schweigens. Die Erinnerung an die Vergangenheit verschlägt ihm die Sprache. Ein Jahr lang probt er vor dem Spiegel, um die entscheidenden vier Worte zu sagen: "Ich wurde sexuell missbraucht."

Er sagt den Satz erst bei einem Familienfest 1993, und die Familie ist empört. Nicht über Pfarrer Kamphusmann, der als Freund der Familie bei den Denefs ein- und ausging. Sondern über Norbert, der es wagte, von Missbrauch zu sprechen. Der Kontakt bricht ab, Denef ist ein Ausgegrenzter.

Die Rechnung: Was hätte er in derselben Zeit auf dem Strich verdient?

Seither ist sein Leben ein Kampf, geführt von seiner Wohnung aus und über die Medien.

Denef kämpft gegen das Verdrängen und eine Kirche, die auf Zeit spielt und bemüht ist, unter den Teppich zu kehren, was nicht sein darf - aber was, wie die aktuelle Debatte über Missbrauchsfälle zeigt, doch viel zu oft passiert.

"Der Gegner ist mir aufgezwungen worden, den habe ich mir nicht ausgesucht", sagt Denef. Er kämpft auch mit sich selbst, er ringt mit dem Erlebten, mit Schweißausbrüchen und Angstattacken, die ihn noch immer einholen. Mit dem Bedürfnis, nur in kochendheißem Wasser baden zu wollen, um sich selbst zu spüren. Mit der Erfahrung, die eigenen Kinder geschlagen zu haben, weil erlebte Gewalt weitere Gewalt erzeugt.

Denef hat sich seiner Vergangenheit in zig Therapien gestellt. Wer mit ihm spricht, merkt das. Denef weiß, was in jener Zeit mit ihm geschehen ist, als er das Erlebte von sich abgespalten hat, um es ertragen zu können. Er weiß, dass er erstarrte, um überleben zu können.

Doch sein Kampf hatte Erfolg: Der heute 60-Jährige hat geschafft, was bislang keinem anderen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kirchenmänner in Deutschland gelang. Nach jahrelangen Verhandlungen zahlte das Bistum Magdeburg ihm Schmerzensgeld. Denef konnte den Missbrauch beweisen. Die beiden Kirchenmänner hatten gestanden, schriftlich.

Doch wie viel Geld ist Leiden wert?

Wie bemisst man all die Nachmittage auf der Couch des Pfarrers in Geld? Wie vergütet man das Leid eines Lebens, in dem kein Tag vergeht, an dem die Vergangenheit nicht präsent ist, aus dunklen Winkeln nach der Gegenwart greift? In dem Ehefrau und Kinder leiden mussten, weil Denef unter seiner Vergangenheit litt?

Für Norbert Denef war es eine schlüssige Rechnung: Er überlegte sich, was er verdient hätte, wäre er in den Jahren des Missbrauchs auf den Strich gegangen statt zwangsweise in das Bett des Pfarrers. Er addierte Therapiekosten für sich und seine Familie - und kam auf 450.000 Euro. Das Bistum Magdeburg kam auf 25.000 Euro.

Dem Bescheid über das Geld lag eine Erklärung bei, er solle sich verpflichten, nicht öffentlich über das Geschehene zu sprechen. Die Kirche wollte Denef kein Schmerzengeld zahlen, sondern Schweigegeld. Gegen diese Schweigeklausel hat er zwei Jahre lang gekämpft. Am Ende wurde sie gestrichen. Das Geld hat er genommen und will damit eine Stiftung gründen, die sich gegen das "Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen sexualisierter Gewalt" einsetzt.

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Die neuesten Beiträge:
22.02.2010 von BartSimpson: Die ach so erwürdigen Feministinnen

Ein Auszug aus diesem Spiegel-Artikel fide ich besonders interessant: "Als auch noch Feministinnen das Grünen-Papier mit der Behauptung attackierten, Opfer von Pädophilen seien vorwiegend kleine Mädchen, der Beschluß [...] mehr...

20.02.2010 von sganarelle:

Im Augenblick beschäftigen sich ja einige Threads und Blogs mit diesem Themenbereich, und ich möchte gern auch hier noch einmal auf verschiedene Informationsquellen und Initiativen verweisen: [...] mehr...

18.02.2010 von medienquadrat: Pfui!

Zitat von town621903 Was hier passiert, zeigt eigentlich nur die menschenverachtende Denkweise der katholischen Kirche. Über Jahrhunderte wurden entweder von der Kirche selbst (siehe Inquisition) und mit Wohlwollen / Wegschauen [...] mehr...

18.02.2010 von Bernhard Fischer: kkk

Sie lenken mit Ihrer Beharrung auf C.B. und Schwub gewaltig hier vom Missbrauch innerhalb der Kirche ab. Und sollten sich wirklich mal mit den 68ern beschäftigen...und nicht mit den "Knalltüten" C.B., J.F. und [...] mehr...

17.02.2010 von annalüse: .

Wow, der erste Mal, dass ich sowas höre. Aber nicht das erste Mal, dass ich höre, dass eine Gruppe "differenzierter betrachtet" werden will, wenn ihr Schweinereien zur Last gelegt werden sollen. ---Zitat--- Was [...] mehr...

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