• Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.02.2010
 

Katholische Kirche

Auch Frauen im Missbrauchsskandal belastet

Türschild des Berliner Canisius-Kollegs, wo der Missbrauchskandal seinen Anfang nahmZur Großansicht
dpa

Türschild des Berliner Canisius-Kollegs, wo der Missbrauchskandal seinen Anfang nahm

Es ist schlimmer als bisher bekannt. Der gerade veröffentlichte Bericht zum Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen offenbart: Mindestens 115 Schüler wurden offenbar missbraucht - unter den mutmaßlichen Tätern sollen auch Frauen gewesen sein.

Berlin - "Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war", sagte die vom Jesuiten-Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue am Donnerstag im Berliner Theater am Kurfürstendamm, wo sie ihren Zwischenbericht zum Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen vorstellte.

Bislang hätten sich 115 Opfer gemeldet, außerdem Eltern und Zeugen. Nach Raues Worten berichteten die Betroffenen vor allem von Manipulationen an ihren Genitalien und von zudringlichen Zärtlichkeiten. Die Anwältin bestätigte, dass es Selbstmorde unter den Opfern gegeben habe.

Raue sprach von einem Dutzend mutmaßlichen Tätern an Jesuiten-Schulen, die ihr sämtlich namentlich bekannt seien. Man könne aber davon ausgehen, dass inzwischen alle Taten verjährt sind. Unter den Betroffenen seien allerdings auch ehemalige Schüler von Lerneinrichtungen, die nicht von Jesuiten geleitet werden, so die Juristin.

Eine bittere Erkenntnis: Dem Bericht zufolge sollen auch Frauen unter den Beschuldigten sein. Raue hielt dem Orden vor, sich zwar um Geistliche gekümmert zu haben, die in Übergriffe und Gewalttätigkeiten verwickelt waren. Die Opfer jedoch seien ignoriert worden: "Eine Befassung mit der Seelenlage der anvertrauten Kinder und Jugendlichen habe ich bei dem Aktenstudium vermisst."

Bislang habe sie sich nur mit den Biografien der beiden Patres Peter R. und Wolfgang S. befasst, die seit den sechziger und achtziger Jahren am Canisius-Kolleg und anderen Jesuitenschulen in Deutschland tätig waren, erläuterte Raue. Die Fälle am Bonner Aloisius-Kolleg seien noch gar nicht bearbeitet.

Raue will jetzt einen Arbeitsstab gründen, um alle Fälle aufklären zu können. Sie halte es für notwendig, dass in den einzelnen Schulen und Internaten Arbeitsstäbe zur Aufarbeitung der Vorgänge eingerichtet werden. Der Orden sollte Institutionen, zum Beispiel einen Ombudsmann, als Ansprechpartner der Schüler entwickeln. Auch sei eine gezielte Fortbildung der Lehrer notwendig, damit sie Signale von Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Übergriffen und Gewalt geworden sind, erkennen könnten.

Weitere Missbrauchsfälle in der Pallottiner-Gemeinschaft

Ins Rollen gekommen war der Missbrauchsskandal, als im Januar am Berliner Canisius-Kolleg erste Fälle bekannt wurden. Zwei Patres sollen sich dort in den siebziger und achtziger Jahren an Minderjährigen vergangen haben. Rektor Klaus Mertes hatte den Missbrauch öffentlich gemacht. Daraufhin meldeten sich immer mehr Opfer. Die meisten Betroffenen waren Schüler an einem der drei deutschen Jesuiten-Kollegs - außer der Canisius-Schule das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und das Aloisius-Kolleg in Bonn. Dort forderten ehemalige Schüler und Eltern am Mittwoch in einem offenen Brief eine differenzierte Aufarbeitung.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass es auch an einer Schule der katholischen Pallottiner-Gemeinschaft in Rheinbach bei Bonn zu Missbrauchsfällen gekommen sein soll. Das bestätigte der Provinz-Pressereferent der Pallottiner, Nicolas Schnall. Es handele sich dabei um drei bekannte Fälle mit Jugendlichen aus den sechziger Jahren im früheren Konvikt St. Albert. Der betroffene Pater sei damals suspendiert worden. Einer der Jugendlichen habe sich damals bei der Konviktleitung gemeldet.

An der Nachfolgereinrichtung des Rheinbacher Pallottiner-Konvikts, dem heutigen Vinzenz-Pallotti-Kolleg, seien keine derartigen Fälle oder Vorwürfe bekanntgeworden, betonte Schnall. Vor eineinhalb Jahren habe sich ein ehemaliger Schüler gemeldet, dessen Angaben sich ebenfalls auf die sechziger Jahre und den damals suspendierten Pater bezogen hätten.

"An einer Kultur des Hinschauens mitwirken"

Zu der Pressekonferenz Raues am Donnerstag kamen keine Vertreter des Jesuiten-Ordens. Damit solle die Unabhängigkeit der Anwältin unterstrichen werden, sagte ein Sprecher. Die Jesuiten seien bereit, weitere Aufklärungsarbeit zu leisten. "Wir denken über weitere Schritte nach, an einer Kultur des Hinschauens mitzuwirken."

In Berlin beteten am Mittwochabend rund 200 Menschen mit Jesuitenpatres für die Opfer. Sie sangen, zündeten Kerzen an und versanken in stilles Gebet. "In unserer Mitte wurden Menschen, die uns anvertraut waren, Kinder, hundertfach geschlagen, auf den bloßen Körper", sagte Pater Christian Herwartz, der durch den Abend führte. "Vieles kann ich nicht sagen, weil es so ekelig ist."

Der Augsburger Bischof Walter Mixa handelte sich Kritik ein, als er vor wenigen Tagen behauptete, die sexuelle Revolution trage Mitschuld an dem Missbrauch in der katholischen Kirche. Damals hätten schließlich manche Moralkritiker die Legalisierung sexueller Kontakte mit Minderjährigen gefordert.

ala/dpa/apn

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 3749 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.03.2010 von Bernhard Fischer:

Wolfgang Focke schilderte seine Leiden schon am 11. Dezember 2006 vor dem Petitionsauschuss des Deutschen Bundestages http://www.vehev.org/Lebensberichte%208.html mehr...

03.03.2010 von BerSie:

Nicht ganz. Er sagte das, als Sartre (etwa um 1960) die franz. Soldaten im Algerienkrieg zum Ungehorsam aufforderte!;) mehr...

03.03.2010 von reuanmuc:

Richtig, es sind nachrangige Pfaffen, den Papst eingeschlossen, die sich anmaßen, darüber zu befinden. KLMO hat recht, dass man diesen Verein meiden sollte, auch wenn man seine ursprünglichen Glaubensgrundlagen teilt. mehr...

03.03.2010 von Pnin:

Kleinschreibung natürlich... mehr...

03.03.2010 von güti: @hans

Weil es immer noch Menschen gibt für die heilige römisch katholische Kirche nicht das gleiche wie irgend eine evangelische Gruppierung ist. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP