Aus dieser Falle gab es kein Entkommen. Zigtausende Menschen drängten sich an diesem Samstagnachmittag in Duisburg in einem 300 Meter langen Tunnel.
Einen Ausweg gab es nicht. Kein Vor, kein Zurück.
Es war gegen 17.30 Uhr, viele Raver versuchten noch zur Abschlussveranstaltung der Love Parade zu kommen. Doch das Gelände war schon rappelvoll, gerade hatten die Polizisten den Zugang aus Sicherheitsgründen geschlossen. Per Lautsprecher wurden die Menschen aufgefordert, zum Hauptbahnhof gut zwei Kilometer nördlich zurückzugehen.
Doch wer will schon abziehen, bevor der Spaß begonnen hat? Sie wollten tanzen, zu den wummernden Beats, zu den Powerbässen.
Was dann passierte, beschreiben Augenzeugen so: Das Gedränge sei immer dichter geworden, Menschen seien in der Menge kollabiert, in Panik geraten, hätten geschrien, versucht, den Kopf oben zu behalten. Luft zu bekommen.
Mindestens 19 Menschen starben in dem Chaos oder an den Verletzungen, die sie erlitten hatten - drei von ihnen erst am Abend und in der Nacht im Krankenhaus. Viele weitere mussten reanimiert werden. Insgesamt 342 Teilnehmer wurden nach Angaben eines Polizeisprechers bis zum frühen Morgen als verletzt gemeldet. Zur Schwere der Verletzungen konnte er noch keine Auskünfte geben.
Unmittelbar augelöst worden ist die Massenpanik nach Auskünften der Polizei, als Menschen von einer gesperrten Treppe stürzten. Weil sich im Tunnel und im Eingangsbereich vor dem Gelände die Massen stauten, hätten Besucher versucht, über die gesperrte schmale Nottreppe zum Gelände hochzusteigen. Andere seien über ein leiterartiges Lautsprechergerüst geklettert. Einige der Kletterer seien dann auf die Massen abgestürzt - das habe zu der Panik geführt. Tatsächlich zeigen Amateurvideos, wie Menschen versuchten, vom Tunnelausgang nach oben auf das Gelände zu klettern, um der Enge unten zu entkommen.
Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sagte, das Sicherheitskonzept für die Love Parade sei stichhaltig gewesen. Den genauen Hergang müsse nun die Polizei ermitteln. Zu den Todesursachen sagte er, viele Menschen seien über eine Absperrung und dann eine Mauer hochgeklettert und aus bis zu neun Metern Höhe heruntergefallen - die Notärzte hätten bei Toten und Verletzten Quetschungen des Rückenmarks festgestellt. Auch bei der Pressekonferenz im Rathaus hieß es, einige der späteren Opfer hätten Sicherheitszäune überstiegen und seien Treppen hinabgestürzt. Wie viele dagegen in der Menge unten gequetscht, schwer verletzt oder getötet wurden, blieb zunächst unklar - Zeugen berichten von dramatischen Szenen in der Menschenansammlung (siehe Kasten oben).
Jetzt beginnt die Ursachenforschung - und die Debatte, wer an dem Problem schuld ist. Nach der Absage der Love Parade im vergangenen Jahr in Bochum hatte es auch in Duisburg heftige Debatten darüber gegeben, ob die Stadt die Megaveranstaltung stemmen könnte.
Die Menschen hätten sich nicht schnell genug auf dem Gelände verteilt. Der alte Güterbahnhof sei dabei noch nicht voll gewesen. Die Polizei sprach von einigen Hunderttausend Besucher der Loveparade. Die von Veranstalter und Stadt genannte Zahl von 1,4 Millionen Menschen bezeichnete die Polizei als zu hoch gegriffen. Inzwischen läuft die Veranstaltung langsam aus.
Viele Fragen an die Verantwortlichen
Vor allem die anfallenden städtischen Kosten von bis zu einer Million Euro waren für die Loveparade-Gegner in der hochverschuldeten Kommune das zentrale Argument. Am Ende konnte Bürgermeister Sauerland einen Kompromiss vorlegen, mit dem Duisburg die Love Parade bekam - aber ohne Ausgaben: Ein Teil der städtischen Kosten wurde durch Sponsoren wie die Fitnessstudio-Kette "McFit" aufgebracht, der andere durch einen sechsstelligen Förderbetrag des Landes für den Bereich Sicherheit und Verkehr.
Strittig war auch, ob das Gelände den Sicherheitsmaßstäben genügen würden. In Bochum war die Love Parade auch wegen der schwierigen Situation rund um den Hauptbahnhof abgesagt worden. Entsprechende Sorgen hatte der zuständige Beigeordnete in Duisburg nicht. Wolfgang Rabe, verantwortlich für Sicherheit und Ordnung in Duisburg, sagte im Frühjahr dem WDR, Bedenken wegen der Lage und dem Bahnhof "gibt es in Duisburg nicht". Im Übrigen habe man mit dem Veranstalter Lopavent einen "sehr professionellen" Partner an seiner Seite - so wird Rabe aus einer Sitzung des Duisburger Kulturausschusses zitiert. Selbst mit mehr als einer Million Besuchern sei die Love Parade in Duisburg "durchführbar", sagte Rabe im WDR-Interview. Obwohl das Party-Gelände nur 230.000 Quadratmeter groß ist - nur 400.000 bis 500.000 Menschen könnten hier gleichzeitig feiern, sagten Kritiker vorher. Doch Rade blieb bei seiner Einschätzung. Noch vor wenigen Tagen sagte er, man habe "ganz unterschiedliche Maßnahmen, mit denen wir das problemlos steuern können".
Nun müssen viele Fragen beantwortet werden:
Um nach dem tödlichen Unglück eine weitere Massenpanik unter den Hunderttausenden Teilnehmern der Love Parade zu verhindern, beschloss der Krisenstab in Duisburg, dass die Party erst mal weitergehen solle. Und so bekamen viele Besucher noch lange nach dem Unglück nichts von der Katastrophe und den Toten mit. Sie tanzten noch immer auf dem Festgelände. Berauscht.
Die Musik werde erst abgeschaltet, wenn die Menschen das Gelände vollständig verlassen haben. Die Polizei habe die Ermittlungen zu dem Unglück aufgenommen.
jul/flo/AP/Reuters/dpa/AFP
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