ThemaLove Parade 2010RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.07.2010
 

Tödliches Love-Parade-Desaster

Die Menschenfalle

Sie wurden in einer Massenpanik erdrückt oder stürzten beim Fluchtversuch in die Tiefe: Bei der Love Parade in Duisburg sind 19 Menschen gestorben, weit mehr als 300 wurden verletzt. In der Stadt hatte es Debatten gegeben, ob die Party mit mehr als einer Million Ravern zu verantworten ist - doch Bedenken wurden ignoriert.

Aus dieser Falle gab es kein Entkommen. Zigtausende Menschen drängten sich an diesem Samstagnachmittag in Duisburg in einem 300 Meter langen Tunnel.

Einen Ausweg gab es nicht. Kein Vor, kein Zurück.

Es war gegen 17.30 Uhr, viele Raver versuchten noch zur Abschlussveranstaltung der Love Parade zu kommen. Doch das Gelände war schon rappelvoll, gerade hatten die Polizisten den Zugang aus Sicherheitsgründen geschlossen. Per Lautsprecher wurden die Menschen aufgefordert, zum Hauptbahnhof gut zwei Kilometer nördlich zurückzugehen.

Doch wer will schon abziehen, bevor der Spaß begonnen hat? Sie wollten tanzen, zu den wummernden Beats, zu den Powerbässen.

Was dann passierte, beschreiben Augenzeugen so: Das Gedränge sei immer dichter geworden, Menschen seien in der Menge kollabiert, in Panik geraten, hätten geschrien, versucht, den Kopf oben zu behalten. Luft zu bekommen.

Zeugen im Wortlaut

Wo haben die Sicherungssysteme versagt? Was passierte im Tunnel? Die Ursachensuche beginnt - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Zeugenaussagen aus verschiedenen Quellen. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden. Klicken Sie auf die Überschriften...

Fabio, 21: "Reihenweise Leute zusammengeklappt"

Udo: "So stelle ich mir Krieg vor"

Dustin, 17: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben"

TV-Augenzeuge: "Dann sind wir alle umgefallen"

Achmed, 17: "Brutal nach vorne gedrückt"

Mario, Stefan, Rebecca: "Direkt niedergetrampelt"

"Gabi", 43: "Die einen wollten rein, die anderen raus"

"Ronja", 17: "Uns kamen tausend entgegen"

"Die Polizei hat versucht, hineinzugehen in die Menge und die am Boden liegenden Menschen herauszuziehen. Es war aber zu voll, die Polizei hat die Menschen nicht herausbekommen, es war nichts zu machen", sagt einer. Rettungskräfte seien zunächst nicht vor Ort gewesen: "Hilfskräfte waren erst mal gar nicht vorhanden, vielleicht drei, vier vom Malteser Hilfsdienst. Die konnten aber in der Masse der Menschen auch nichts machen." Ein anderer: "Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor."

Mindestens 19 Menschen starben in dem Chaos oder an den Verletzungen, die sie erlitten hatten - drei von ihnen erst am Abend und in der Nacht im Krankenhaus. Viele weitere mussten reanimiert werden. Insgesamt 342 Teilnehmer wurden nach Angaben eines Polizeisprechers bis zum frühen Morgen als verletzt gemeldet. Zur Schwere der Verletzungen konnte er noch keine Auskünfte geben.

Unmittelbar augelöst worden ist die Massenpanik nach Auskünften der Polizei, als Menschen von einer gesperrten Treppe stürzten. Weil sich im Tunnel und im Eingangsbereich vor dem Gelände die Massen stauten, hätten Besucher versucht, über die gesperrte schmale Nottreppe zum Gelände hochzusteigen. Andere seien über ein leiterartiges Lautsprechergerüst geklettert. Einige der Kletterer seien dann auf die Massen abgestürzt - das habe zu der Panik geführt. Tatsächlich zeigen Amateurvideos, wie Menschen versuchten, vom Tunnelausgang nach oben auf das Gelände zu klettern, um der Enge unten zu entkommen.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sagte, das Sicherheitskonzept für die Love Parade sei stichhaltig gewesen. Den genauen Hergang müsse nun die Polizei ermitteln. Zu den Todesursachen sagte er, viele Menschen seien über eine Absperrung und dann eine Mauer hochgeklettert und aus bis zu neun Metern Höhe heruntergefallen - die Notärzte hätten bei Toten und Verletzten Quetschungen des Rückenmarks festgestellt. Auch bei der Pressekonferenz im Rathaus hieß es, einige der späteren Opfer hätten Sicherheitszäune überstiegen und seien Treppen hinabgestürzt. Wie viele dagegen in der Menge unten gequetscht, schwer verletzt oder getötet wurden, blieb zunächst unklar - Zeugen berichten von dramatischen Szenen in der Menschenansammlung (siehe Kasten oben).


Umzudrehen war für viele unmöglich. Fotos zeigen Tausende Menschen in dem Tunnel, hinter dem Tunnel, zwischen den Tunneln. Eingekeilt, zusammengepfercht. Einige versuchten, die meterhohen Wände hochzuklettern. Sicherheitskräfte versuchten, Leitern zu den Eingeschlossenen zu schieben, Bierbänke. Sie an den Armen heraus zu ziehen.

Jetzt beginnt die Ursachenforschung - und die Debatte, wer an dem Problem schuld ist. Nach der Absage der Love Parade im vergangenen Jahr in Bochum hatte es auch in Duisburg heftige Debatten darüber gegeben, ob die Stadt die Megaveranstaltung stemmen könnte.

Die Menschen hätten sich nicht schnell genug auf dem Gelände verteilt. Der alte Güterbahnhof sei dabei noch nicht voll gewesen. Die Polizei sprach von einigen Hunderttausend Besucher der Loveparade. Die von Veranstalter und Stadt genannte Zahl von 1,4 Millionen Menschen bezeichnete die Polizei als zu hoch gegriffen. Inzwischen läuft die Veranstaltung langsam aus.

Viele Fragen an die Verantwortlichen

Vor allem die anfallenden städtischen Kosten von bis zu einer Million Euro waren für die Loveparade-Gegner in der hochverschuldeten Kommune das zentrale Argument. Am Ende konnte Bürgermeister Sauerland einen Kompromiss vorlegen, mit dem Duisburg die Love Parade bekam - aber ohne Ausgaben: Ein Teil der städtischen Kosten wurde durch Sponsoren wie die Fitnessstudio-Kette "McFit" aufgebracht, der andere durch einen sechsstelligen Förderbetrag des Landes für den Bereich Sicherheit und Verkehr.

Strittig war auch, ob das Gelände den Sicherheitsmaßstäben genügen würden. In Bochum war die Love Parade auch wegen der schwierigen Situation rund um den Hauptbahnhof abgesagt worden. Entsprechende Sorgen hatte der zuständige Beigeordnete in Duisburg nicht. Wolfgang Rabe, verantwortlich für Sicherheit und Ordnung in Duisburg, sagte im Frühjahr dem WDR, Bedenken wegen der Lage und dem Bahnhof "gibt es in Duisburg nicht". Im Übrigen habe man mit dem Veranstalter Lopavent einen "sehr professionellen" Partner an seiner Seite - so wird Rabe aus einer Sitzung des Duisburger Kulturausschusses zitiert. Selbst mit mehr als einer Million Besuchern sei die Love Parade in Duisburg "durchführbar", sagte Rabe im WDR-Interview. Obwohl das Party-Gelände nur 230.000 Quadratmeter groß ist - nur 400.000 bis 500.000 Menschen könnten hier gleichzeitig feiern, sagten Kritiker vorher. Doch Rade blieb bei seiner Einschätzung. Noch vor wenigen Tagen sagte er, man habe "ganz unterschiedliche Maßnahmen, mit denen wir das problemlos steuern können".

Nun müssen viele Fragen beantwortet werden:

  • Wieso konnten noch so viele Leute in den Tunnel drängen, wo doch das Festivalgelände wegen Überfüllung gesperrt worden war?
  • Vor allem: Wieso durften überhaupt so viele Menschen in den Tunnel, wenn es darin keine Sicherheitspuffer und Rettungssysteme gibt?
  • Wieso gab es nur einen Eingang? Wieso wurden nicht schnell genug Notausgänge geöffnet, als das Gelände überfüllt war? Wieso mussten jene, die nach Hause wollten, ebenfalls durch den verstopften Tunnel?
  • Waren die Sicherheits- und Rettungskräfte mit der Lage überfordert? Zeugen schildern, dass Hilfe erst spät durchkam, dass Warnungen vor einer drohenden Massenpanik ignoriert wurden - und dass 1200 Polizisten nicht genug seien, um ein solches Ereignis mit mehr als einer Million Teilnehmern zu sichern.

Um nach dem tödlichen Unglück eine weitere Massenpanik unter den Hunderttausenden Teilnehmern der Love Parade zu verhindern, beschloss der Krisenstab in Duisburg, dass die Party erst mal weitergehen solle. Und so bekamen viele Besucher noch lange nach dem Unglück nichts von der Katastrophe und den Toten mit. Sie tanzten noch immer auf dem Festgelände. Berauscht.

Die Musik werde erst abgeschaltet, wenn die Menschen das Gelände vollständig verlassen haben. Die Polizei habe die Ermittlungen zu dem Unglück aufgenommen.

jul/flo/AP/Reuters/dpa/AFP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 6344 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.08.2010 von sysop:

Liebe Forums-Teilnehmer, bitte diskutieren Sie die Katastrophe in Duisburg an sofort in unserem neuen Heft-Forum 'Love Parade - welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?', das Sie unter der URL [...] mehr...

01.08.2010 von gsm900: Typisch FDP

Den Schaden dem Steuerzahler an die Backe zu binden. (Baums Vorschlag) Unternehmer sind da fein raus GmbH (mt Haftunsbeschränkung gründen) falls es Problem gibt ab zum Konkursgericht. mehr...

01.08.2010 von namachschon: Oh nein, bitte nicht...

Hoffentlich bleiben wir davon verschont!!!! Grüße... mehr...

01.08.2010 von gerry43mg: Volle Zustimmung

Frau Kraft wird in den nächsten 5 Jahren zeigen müssen, was sie wirklich drauf hat und ob ihren Worten dann auch Taten folgen. Was mich allerdings beeindruckt hat war nich das, WAS sie gesagt hat sondern die Art und Weise , WIE [...] mehr...

01.08.2010 von lady.thorn:

Ich bin mit den genauen Auflagen der LoveParade leider nicht vertraut, aber wenn das Anbringen von Lautsprechern wirklich zu den Auflagen gehörte (gibt es hierzu Dokumente?), dann kann ich über dieses "Versäumnis" nur [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Love Parade 2010

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Karte

Love-Parade-Gelände in Duisburg - vergrößern...

Google Map von der Gegend


Massenpaniken

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu großen Massenpaniken - klicken Sie auf die Überschriften...

Januar 2006, Mekka

September 2005, Bagdad

Mai 2001, Accra

April 2001, Johannesburg

Juni 2000, Roskilde

Dezember 1999, Innsbruck

Juli 1990, Mekka

April 1989, Sheffield

Mai 1985, Brüssel

Mai 1964, Lima


Die Love Parade

Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

Die Anfänge

Die Flaute

Die Rückkehr

Die Katastrophe





TOP



TOP