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25.07.2010
 

Love-Parade-Debakel in Duisburg

Abwimmeln, wegschauen, sparen

Von Julia Jüttner, Duisburg

Kritiker wurden abgespeist, ihre Anregungen nicht umgesetzt: Duisburg sucht Ursachen für das Todesdrama auf der Love Parade, im Zentrum der Vorwürfe stehen Stadt und Veranstalter. Haben sie ein besseres Sicherheitskonzept allein aus Kostengründen abgelehnt?

Die Karl-Lehr-Straße in Duisburg führt zur Unglücksstelle. Ehrwürdig-ramponierte Wohnhäuser aus kohlegrauem Backstein säumen den Weg zum Alten Güterbahnhof. Ein Ort voller Ruhrpott-Romantik, der kaum geeignet erscheint für eine Party von mehr als einer Million Menschen. Nach einer Unterführung beginnt der Tunnel. 16 Meter breit, hundert Meter lang. Durch ihn quetschten sich am Samstagnachmittag Hunderttausende Besucher zur Love Parade, bei der 19 Menschen starben.

Auf dem Vorsprung eines Gartenzaunes und dem Gehsteig davor flackern Grablichter im sommerlichen Nieselregen, Sonnenblumen hängen an den Gitterstäben. Ein Seelsorger kümmert sich um die, die Hilfe brauchen. Die Stille wird nur unterbrochen von den TV-Teams, dem Klicken der Fotoapparate. Journalisten aus China, den Niederlanden, Russland und Polen sind angereist. Unter den Toten, sie sind zwischen 20 und knapp 40 Jahre alt, war nach Polizeiangaben jeweils ein Opfer aus Australien, Italien, China und den Niederlanden. Inzwischen sind alle 19 identifiziert. Über die Nationalitäten der mehr als 340 Verletzten ist bislang nichts Genaues bekannt.

Drei Teilnehmer der Riesenparty erlagen im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen, zwei starben an einer Plakatwand, 14 weitere wurden an ein und demselben Ort gefunden: an der Rampe, die aus den beiden Tunnelröhren zum Veranstaltungsgelände führte. Kriminaltechniker haben die Umrisse ihrer Leichen mit weißer Farbe auf den Asphalt gesprüht. Dazwischen liegen zertrampelte Sonnenbrillen, zerfetzte Kleidungsstücke, einzelne Schuhe, kaputte Handys.


Der Tunnel war ein Nadelöhr, die Rampe danach die tödliche Falle. Von beiden Seiten bewegten sich die Massen in den Tunnel hinein, um in dessen Mitte aufeinanderzustoßen und abzubiegen. Der Strom kommt folglich von zwei Seiten und verdichtet sich dann. Hinzu kamen Besucher, die das Gelände über eben jene Rampe auch wieder verlassen wollten - Stau, Gedränge, ja, wohl auch die Katastrophe waren da bereits programmiert.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Die Ermittlungen richteten sich gegen unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp. Die Behörde habe das Sicherheitskonzept der Love Parade von den Veranstaltern und der Stadt Duisburg beschlagnahmt. Die Papiere seien bereits am Samstagnachmittag sichergestellt worden.

Videoüberwachung des Tunnels abgelehnt

Das Sicherheitskonzept geriet schon im Vorfeld zur Farce. Lokaljournalisten, die die Örtlichkeiten bestens kannten, wunderten sich über die Wahl des Veranstaltungsortes. Ihre Kritik auf Pressekonferenzen wurde abgewehrt. Polizei und Feuerwehr legten ein Konzept vor, dass die Sicherheit der Love-Parade-Besucher gewährleistete - ohne Nadelöhr-Situation. "Ich weiß, dass es ganz konkrete Vorschläge gab, die allesamt abgebügelt wurden", sagte ein Beamter SPIEGEL ONLINE. Stadtverwaltung und Veranstalter hätten ihr Veto eingelegt und das mit "Mehrkosten" begründet.

"Sicherheit kostet Geld", konstatiert Panikforscher Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er hatte das vorgelegte Sicherheitskonzept abgenickt. Von ihm erwähnte Kritikpunkte bezüglich des Umfelds seien vorher berücksichtigt worden, sagt er. Wichtig sei gewesen, die Besucher in der Stadt aufzuhalten, damit der Zugang zum Tunnel nicht verstopft wird. "Das Problem ist nicht die Masse, sondern die Dichte", sagt der Physiker, der bereits das Konzept für das Red Bull Air Race in Berlin-Tempelhof testete. Ab sechs, sieben Personen pro Quadratmeter könnten Situationen eskalieren.


Schreckenberg sagt, er habe ausdrücklich zu einer Videoüberwachung in Tunnel und auf der Rampenfläche geraten. "Dann hätte man von außen eine Veränderung sehen und entsprechend reagieren können." Der Veranstalter jedoch habe das abgelehnt beziehungsweise wollte sich selbst darum kümmern.

"Ich habe davor gewarnt", sagt Schreckenberg, räumt aber ein: "Aber vielleicht hätte ich auch stärker warnen müssen. Ich will mich nicht frei von Schuld sprechen."

"Menschen in Feierlaune sind unberechenbar"

Er könne den Veranstalter einerseits verstehen, so der Panikforscher. "Er hat die Erfahrung von vielen Love Parades, bei denen bisher alles gut ging." Und andererseits hätte genau das bei der Planung des Mega-Events mit einfließen müssen: "Man hat die Risikobereitschaft der Besucher unterschätzt", glaubt Schreckenberg. "Menschen in Feierlaune sind unberechenbar."

Auf der Pressekonferenz im Duisburger Rathaus wiesen die Verantwortlichen am Sonntag in einer jämmerlichen Vorstellung alle Schuld von sich. Oberbürgermeister Adolf Sauerland redete sich mit der Dauerfloskel heraus: "Es gibt viele Fragen, die heute nicht beantwortet werden können." Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller drückte seine Bestürzung und "tiefe Trauer" aus, versprach "eine lückenlose Aufklärung der Tragödie" und verkündete das Ende der Love-Parade-Ära. Sonst aber hatte auch er keine Antworten auf die vielen Fragen.

Polizei-Vizechef Detlef von Schmeling und Leiter des Krisenstabs Wolfgang Rabe rangen sich selten zu klaren Antworten durch, meist verloren sie sich in allgemeinem Schwadronieren.

Die Debatte vor dem Chaos

Schon vor der Katastrophe gab es auf DerWesten.de warnende Stimmen - die Verantwortlichen für die Love Parade müssen sich kritische Fragen gefallen lassen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Debatte. Klicken Sie auf die Daten...
Warum gab es zur Love Parade in Duisburg nur einen Zugang? Warum ausgerechnet durch einen Tunnel? Schmeling: "Keine Person ist im Tunnel ums Leben gekommen." Der Zulauf zum Gelände sei den ganzen Tag von der Polizei geregelt worden. Dass die Anzahl der Besucher im Tunnel mit zeitweiligen Vollsperrungen reguliert werden müsse, sei "Teil des Sicherheitskonzepts" gewesen.

Wer hat genehmigt, dass es nur einen Zugang gibt? Rabe: "Der gesamte Weg ist mit allen Beteiligten abgesprochen und genehmigt worden."

Wies die Feuerwehr den Oberbürgermeister auf die Gefahren hin? Sauerland: "Es gibt viele Fragen, die heute nicht beantwortet werden können." Und Rabe: "Von einer derartigen Äußerung ist mir nichts bekannt."


Mehrere Teilnehmer behaupten, sie hätten die Polizisten vor einem bevorstehenden, gefährlich werdenden Gedränge gewarnt. Warum hat die Polizei nicht reagiert? Schmeling: "Auf der Rampe kam es zu einer Unfallsituation, weil Besucher das Gelände über andere Wege erreichen wollten."

Sah das Sicherheitskonzept ursprünglich nicht eine strikte Trennung von ankommenden und fortgehenden Besuchern vor? Rabe: "Dazu werde ich mich nicht äußern."

Unter die Journalisten hatte sich auch Fritz Pleitgen gemischt. Der ehemalige WDR-Intendant ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr.2010 GmbH. Der Schrecken über die tödliche Katastrophe in seiner Geburtsstadt Duisburg stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zu SPIEGEL ONLINE sagte er, erst jetzt werde ihm bewusst, welch ein Glück es sei, dass bei der Aktion "Still-Leben" auf der gesperrten A40 vor wenigen Tagen nichts passiert sei. Drei Millionen Besucher hatten daran teilgenommen.

Zeugen im Wortlaut

Wo haben die Sicherungssysteme versagt? Was passierte im Tunnel? Die Ursachensuche beginnt - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Zeugenaussagen aus verschiedenen Quellen. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden. Klicken Sie auf die Überschriften...

Fabio, 21: "Reihenweise Leute zusammengeklappt"

Udo: "So stelle ich mir Krieg vor"

Dustin, 17: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben"

TV-Augenzeuge: "Dann sind wir alle umgefallen"

Achmed, 17: "Brutal nach vorne gedrückt"

Mario, Stefan, Rebecca: "Direkt niedergetrampelt"

"Gabi", 43: "Die einen wollten rein, die anderen raus"

"Ronja", 17: "Uns kamen tausend entgegen"

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insgesamt 6344 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.08.2010 von sysop:

Liebe Forums-Teilnehmer, bitte diskutieren Sie die Katastrophe in Duisburg an sofort in unserem neuen Heft-Forum 'Love Parade - welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?', das Sie unter der URL [...] mehr...

01.08.2010 von gsm900: Typisch FDP

Den Schaden dem Steuerzahler an die Backe zu binden. (Baums Vorschlag) Unternehmer sind da fein raus GmbH (mt Haftunsbeschränkung gründen) falls es Problem gibt ab zum Konkursgericht. mehr...

01.08.2010 von namachschon: Oh nein, bitte nicht...

Hoffentlich bleiben wir davon verschont!!!! Grüße... mehr...

01.08.2010 von gerry43mg: Volle Zustimmung

Frau Kraft wird in den nächsten 5 Jahren zeigen müssen, was sie wirklich drauf hat und ob ihren Worten dann auch Taten folgen. Was mich allerdings beeindruckt hat war nich das, WAS sie gesagt hat sondern die Art und Weise , WIE [...] mehr...

01.08.2010 von lady.thorn:

Ich bin mit den genauen Auflagen der LoveParade leider nicht vertraut, aber wenn das Anbringen von Lautsprechern wirklich zu den Auflagen gehörte (gibt es hierzu Dokumente?), dann kann ich über dieses "Versäumnis" nur [...] mehr...

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Massenpaniken

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu großen Massenpaniken - klicken Sie auf die Überschriften...

Januar 2006, Mekka

September 2005, Bagdad

Mai 2001, Accra

April 2001, Johannesburg

Juni 2000, Roskilde

Dezember 1999, Innsbruck

Juli 1990, Mekka

April 1989, Sheffield

Mai 1985, Brüssel

Mai 1964, Lima


Die Love Parade

Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

Die Anfänge

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