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25.07.2010
 

Katastrophe bei der Love Parade

Partygelände war nur für 250.000 Menschen zugelassen

Von Jörg Diehl

Ein internes Verwaltungsdokument zeigt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gravierende Mängel beim Sicherheitskonzept für die Love Parade. Demnach war das Gelände in Duisburg für 250.000 Menschen freigegeben - dabei rechneten die Veranstalter mit deutlich mehr als einer Million.

Hamburg - Das Schriftstück vom 21. Juli 2010 mit dem Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026 umfasst gerade einmal zwei Seiten, "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" prangt in gefetteten Lettern und bestem Behördendeutsch auf der ersten.

Und dann folgen in dem Schreiben an die Berliner Lopavent GmbH, die Veranstalter der Love Parade, erstaunliche Passagen. So befreit der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung die Organisatoren von der Vorschrift, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig verzichten die Beamten großzügig auf "Feuerwehrpläne".


Dafür geben sie den Ausrichtern der Mega-Party klipp und klar vor: "Die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, wird (...) auf 250.000 Personen begrenzt."

Die Veranstalter des Festes hatten wenige Stunden vor dem Unglück noch stolz von etwa 1,4 Millionen Teilnehmern gesprochen. "Das kann ich nicht bestätigen", sagte der kommissarische Duisburger Polizeichef Detlef von Schmeling nun am Sonntagnachmittag auf einer Pressekonferenz und vermied jede Festlegung. Die Gäste seien überwiegend mit der Bahn angereist, dabei habe es sich "in dem Zeitfenster zwischen 9 und 14 Uhr um 105.000 Personen" gehandelt. "Das ist die einzige belastbare Zahl, die wir haben", so Schmeling.

Angesichts der Bilder kann indes niemand ernsthaft von einer Teilnehmerzahl im niedrigen sechsstelligen Bereich ausgehen - und auch nicht anhand der Zahlen bei den letzten Love Parades im Ruhrgebiet: 2007 in Essen waren etwa 1,2 Millionen Menschen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Auch für Duisburg scheint mindestens eine Million realistisch. Doch während die Polizei bei jeder Großdemo schnell in der Lage ist, eine Schätzung der Teilnehmerzahl abzugeben, will sie in Duisburg keinerlei Angaben machen.

In der städtischen Genehmigung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es weiter: "Die Zaunanlage, welche das Veranstaltungsgelände umfasst, ist so auszuführen, dass sie einer Anpralllast von mind. 2kn m (Kilonewton pro Meter; Anm. d. Red) standhält." Und einen Absatz darunter: "Die Breite der Fluchtwege auf der Ost- und Südseite des Geländes darf an keiner Stelle eine Breite von 10 m unterschreiten."

Vertuschungsaktion bei der Bundespolizei?

Wie SPIEGEL ONLINE aus der Duisburger Polizeiführung erfuhr, hatten Polizei und Feuerwehr ein eigenes Sicherheitskonzept für die Love Parade entwickelt, mit dem sie sich allerdings nicht hatten durchsetzen können. Demnach wollten die Beamten die Raver "großflächiger" anreisen lassen und Nadelöhrsituationen unbedingt verhindern. Der Plan hätte aber einen weitaus größeren Personaleinsatz erfordert, hieß es, und sei von der Verwaltung schließlich verworfen worden.

Der Duisburger Wissenschaftler Michael Schreckenberg verteidigte unterdessen das Sicherheitskonzept, das er mit erarbeitet hatte. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, so der Professor für Physik von Transport und Verkehr. Laut Schreckenberg hatten kurz vor dem Unglück einzelne Jugendliche ein Gitter überrannt und eine ungesicherte Treppe gestürmt. Damit hätten die Organisatoren nicht rechnen können.

"Man kann bei der Love Parade nicht auf die Vernunft der Teilnehmer vertrauen", sagte hingegen ein erfahrener Polizist SPIEGEL ONLINE. "Das funktioniert so nicht."


Organisator Rainer Schaller beschwor am Nachmittag die angebliche Einigkeit aller Beteiligten: "Es gab ein Sicherheitskonzept, das gemeinsam mit der Stadt und der Polizei aufgestellt wurde und an dem es keine Bedenken gegeben hat." Die Maßnahmen seien geeignet gewesen, "um diese Menschenmassen aufzunehmen". Man habe ja gesehen, dass "nach dem Unglück sehr zügig und reibungslos geräumt werden konnte". Und nicht nur das Veranstaltungsgelände.

Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, wurden in einer Dienststelle der Bundespolizei inzwischen sämtliche Unterlagen zur Love Parade - Einsatzbefehle, Lagemeldungen, Karten - von den Computern der Beamten sowie aus deren E-Mail-Accounts gelöscht. "Da kam sehr schnell der ganz große Staubsauger", sagte ein Beamter, der sogar eine konzertierte "Vertuschungsaktion" im Gang wähnt.

Nach der rückhaltlosen Aufklärung, von der Bundespräsident Wulff doch so salbungsvoll gesprochen hatte, sieht das jedenfalls nicht aus.

Ein Sprecher der Bundespolizei versicherte hingegen am späten Sonntagabend, es habe keine Anordnung gegeben, die Daten von den Computern zu entfernen. "Alle Einsatzunterlagen sind vorhanden und können entsprechend angefordert und eingesehen werden", sagte er.

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, von Rechnern der Bundespolizei seien Unterlagen zur Love Parade gelöscht worden. Dies ist nach unseren Recherchen auch der Fall - in mindestens einer Dienststelle, aber nicht unbedingt flächendeckend bei der gesamten Bundespolizei. Wir bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen.

Zeugen im Wortlaut

Wo haben die Sicherungssysteme versagt? Was passierte im Tunnel? Die Ursachensuche beginnt - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Zeugenaussagen aus verschiedenen Quellen. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden. Klicken Sie auf die Überschriften...

Fabio, 21: "Reihenweise Leute zusammengeklappt"

Udo: "So stelle ich mir Krieg vor"

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01.08.2010 von sysop:

Liebe Forums-Teilnehmer, bitte diskutieren Sie die Katastrophe in Duisburg an sofort in unserem neuen Heft-Forum 'Love Parade - welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?', das Sie unter der URL [...] mehr...

01.08.2010 von gsm900: Typisch FDP

Den Schaden dem Steuerzahler an die Backe zu binden. (Baums Vorschlag) Unternehmer sind da fein raus GmbH (mt Haftunsbeschränkung gründen) falls es Problem gibt ab zum Konkursgericht. mehr...

01.08.2010 von namachschon: Oh nein, bitte nicht...

Hoffentlich bleiben wir davon verschont!!!! Grüße... mehr...

01.08.2010 von gerry43mg: Volle Zustimmung

Frau Kraft wird in den nächsten 5 Jahren zeigen müssen, was sie wirklich drauf hat und ob ihren Worten dann auch Taten folgen. Was mich allerdings beeindruckt hat war nich das, WAS sie gesagt hat sondern die Art und Weise , WIE [...] mehr...

01.08.2010 von lady.thorn:

Ich bin mit den genauen Auflagen der LoveParade leider nicht vertraut, aber wenn das Anbringen von Lautsprechern wirklich zu den Auflagen gehörte (gibt es hierzu Dokumente?), dann kann ich über dieses "Versäumnis" nur [...] mehr...

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Die Love Parade

Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

Die Anfänge

Die Flaute

Die Rückkehr

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