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27.07.2010
 

Love Parade in Duisburg

Millionen für die marode Stadt

Von Barbara Hans, Simone Utler und Julia Jüttner, Duisburg

Pleitestadt Duisburg: Leben auf Pump
Fotos
DPA

Duisburg ist eine gebeutelte Stadt, die Kassen sind leer, die Jugendlichen ziehen weg, zuletzt kam sie wegen Mafia- und Rockermorden in die Schlagzeilen. Die Love Parade sollte endlich wieder ein Zeichen setzen - nach der Katastrophe muss Duisburg sie nun teuer bezahlen.

Duisburg - Der 22. Februar 2010 war ein kalter Tag, die Temperaturen lagen knapp über dem Gefrierpunkt, vor der schweren hölzernen Eingangstür des imposanten Duisburger Rathauses reckten 30 Männer und Frauen Plakate in den Winterhimmel. Sie waren wenige, aber sie waren laut, ihre Trillerpfeifen schrillten, einige waren in Sportkleidung gekommen.

Auf der anderen Seite der Kastenfenster saßen die Mitglieder des Stadtrats im Warmen und debattierten über die Finanzierung der Love Parade, des Prestigeprojekts, mit dem Duisburg beweisen wollte, dass es gegenüber Dortmund und Essen nicht zurückstand, dass man in der Lage war, eine Großveranstaltung an den Niederrhein zu holen. Man wollte die Raver im Revier, so viel stand fest, man wollte die Bilder der fröhlich-feiernden jungen Menschen. Allein: Wie man das Spektakel finanzieren sollte, das wusste an jenem Februarmorgen niemand so recht.

Die Demonstranten vor dem Rathaus aber wussten, wie es um ihre Stadt und deren Gelder stand - mehr als schlecht: Anfang des Jahres hatte die Verwaltung Duisburg ein Sparpaket verordnet, einen 162 Millionen Euro umfassenden Maßnahmenkatalog mit 400 einzelnen Posten, den die Duisburger bald "Tränenliste" tauften. Bäder und Museen werden geschlossen, Kleingartenanlagen nicht länger gereinigt - und auch die Zuschüsse für 120 Sportvereine eingefroren.

Für die Clubs von Hamborn bis Duissern stand viel auf dem Spiel: die Ausrichtung von Turnieren, das Training von Pamperskickern bis Kreisliga, Stromrechnungen für Clubhäuser.

"Seit drei Jahren steht der Entschluss für die Love Parade und jetzt fangen sie mit der Finanzierung an. Wenn ich so meinen Haushalt planen würde, könnte ich ganz schnell dicht machen", sagte die Geschäftsführerin des ETUS Wedau an jenem Morgen. Drinnen diskutierten sie darüber, wie die Massenveranstaltung im Sommer zu finanzieren sei, mit Sponsoren, Spenden, Spaß-Aktionen. Draußen wollte niemand so recht glauben, dass die Stadt keine eigenen Mittel in die Veranstaltung würde fließen lassen.

Jeder fünfte Bewohner verließ die Pleitestadt

Duisburg ist eine gebeutelte Stadt, seit Jahren in den Miesen, den letzten ausgeglichenen Haushalt gab es 1992. Marketing-Chef Uwe Gerste und Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) wollten deshalb mit der Love Parade ein positives Zeichen setzen, einen Kontrast schaffen. Und genau aus diesem Grund lehnte eine große Zahl der Bürger sie ab.

Denn in Duisburg ist im Jahr, in dem das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt wurde, nicht mehr viel Kultur übriggeblieben: Theater wurden geschlossen, Museen auch, Grundschulen, VHS-Kurse. Im Kleinen kam es dicke, im Großen wollte man dennoch klotzen. Das passte für viele Duisburger nicht zusammen, die Beteuerungen Sauerlands, die Love Parade werde keine Kosten verursachen, schienen vielen wie Lippenbekenntnisse.

Der Sparkurs der Stadt trifft alle, auch die Feuerwehr. Die Stadt plane einen Personalabbau, sagt Michael Böcker, Landesvorsitzender der Interessenvertretung der Feuerwehr. Mit gefährlichen Folgen. "Sicherheit kostet Geld. Entweder Kommunen wie Duisburg wollen Sicherheit oder nicht. Wenn nicht, müssen wir die Häuser abbrennen lassen - und die Menschen auch", sagt Böcker.


Duisburg hat bessere Zeiten gesehen, Jahre der Vollbeschäftigung, der vollen Kassen, einer überdurchschnittlichen Wirtschaftskraft, einem der höchsten Pro-Kopf-Steuereinkommen Deutschlands, einem großen Zuzug von Menschen. Die Stadt wuchs, die Stadt florierte, in den sechziger und siebziger Jahren ging es Duisburg prächtig. Auf dem industriellen Höhepunkt zählte sie Mitte der siebziger Jahre 591.639 Einwohner. Duisburg galt als Inbegriff des Aufstiegs durch Kohle und Stahl, Thyssen und Krupp gaben Zehntausenden Arbeit.

1993 wurde die Krupp-Hütte in Rheinhausen dicht gemacht, auch ein monatelanger Arbeitskampf konnte das Werk nicht retten.

Mit dem Ende der Stahlindustrie verlor die Stadt Zigtausende Arbeitsplätze - und Einwohner. 2009 lebten noch 493.000 Menschen in Duisburg, jeder Fünfte hat die Stadt verlassen, nur 157.000 Menschen arbeiteten in sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Selbst wenn man an allem spart - eine schwarze Null ist unerreichbar

Duisburg trägt nicht umsonst den Beinamen Pleitestadt. Zum 1. Januar 2010 betrug der offizielle Schuldenstand 2,75 Milliarden Euro - würde man die Miesen auf die Duisburger umlegen, auf Neugeborene und Greise gleichermaßen, so müsste jeder einzelne rund 5580 Euro berappen. Rund 1,15 Milliarden Euro sind langfristige Verbindlichkeiten wie Investitionsdarlehen für Infrastruktur, Schulen oder Kindergärten. Aber mit rund 1,6 Milliarden Euro ist Duisburg im Dispo. Die Stadt befindet sich permanent im Zustand des "Nothaushaltsrechtes", das heißt sie muss sich jede Ausgabe von der Landesregierung genehmigen lassen.

Besonders die Unterkunft von Hartz-IV-Empfängern schlage zu Buche, sagt der Duisburger Kämmereileiter Frank Schulz SPIEGEL ONLINE. Außerdem sei der Haushalt durch die Förderung der Unter-Dreijährigen und Kita-Kosten belastet. Beispielsweise seien Aufwendungen für Erziehung exorbitant gestiegen, die Problemfälle nähmen zu. "Die Belastungen wachsen ständig", sagt Schulz. Das Gesamthaushaltsvolumen 2010 beträgt rund 1,4 Milliarden Euro. Die größten Posten der Rechnung der Duisburger Kämmerei:

  • Personal: 317,6 Millionen Euro
  • Sozialbereich: 292,3 Millionen Euro (davon allein 146 Millionen Euro für Mieten Bedürftiger)
  • Kinder-, Jugend- und Familienhilfe: 223,6 Millionen Euro
  • Bereitstellung der Verkehrsinfrastruktur: 75,7 Millionen Euro
  • Zinsaufwendungen: 70 Millionen Euro

Einen Ausweg aus der Misere scheint es nicht zu geben, denn die Duisburger haben den Gürtel schon seit Jahren eng geschnallt. "Die Luft beim Sparen ist hier schon sehr, sehr dünn geworden. Bei uns ist längst vieles ausgeschöpft, was anderen Kommunen noch möglich ist", so Schulz. Schon Ende der neunziger Jahre habe die Stadt intensiv geprüft, wo sie den Rotstift ansetzen könne und festgestellt: "Wir sitzen in der Falle: Selbst wenn wir auf alles verzichteten, woran man sparen kann, schrieben wir keine schwarze Null."

Für 2010 rechnet Duisburg mit Einsparungen in Höhe von 68 Millionen Euro und einem Defizit von 191 Millionen. Die Duisburger witzeln, die Löcher im Asphalt stünden symbolisch für die Löcher in der Haushaltskasse. Nur wenige dieser Krater seien nach den harten Wintermonaten aufgefüllt worden, so Hotelier Klaus-Theo Friederichs: "An die Pleite haben wir uns in 25 Jahren gewöhnt. Irgendwann geht es nicht mehr schlimmer."

"Duisburg wollte nicht länger als Stadt der Alten und der Krise gelten"

Könnte man einen Imageschaden in Zahlen ausdrücken, dann sähe es nun, nach der Katastrophe, noch schlechter aus für Duisburg. Die Massenveranstaltung sollte vor allem eines: schöne Bilder liefern. Fröhliche Impressionen aus einer maroden Stadt, die vor Haushaltsauflagen kaum Handlungsspielraum hat - und auf der der Druck der Politik, am Image-Projekt Love Parade festzuhalten, lastete.

Millionen sollten in der maroden Stadt feiern und Millionen in die Kassen spülen. Und es schien gut zu laufen. "Die Duisburger Hotels waren am Love-Parade-Wochenende ausgebucht", sagt Sabine Brustmann, Sprecherin der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr SPIEGEL ONLINE. Das bestätigt auch der Besitzer des Hotels Friederichs, einem Familienbetrieb, nahe am Festivalgelände gelegen. Normalerweise steigen hier Geschäftsleute ab, Montag bis Freitag. Nur vereinzelt werden Wochenend-Übernachtungen gebucht. "Wer will in Duisburg auch urlauben?"


In Dortmund und Essen hatten die mehr als eine Million Besucher im Schnitt 95 Euro pro Person ausgegeben. Die Love Parade war Teil des Programms zur Kulturhauptstadt. "Wenn es in Duisburg Fragen nach den Investitionskosten gab, dann habe ich auf die Umsätze von Essen und Dortmund verwiesen und gesagt: 'Schaut euch diese Städte an, dort hat es auch etwas gebracht und für das Image Duisburgs wird es auch gut sein'", sagt Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr.2010 SPIEGEL ONLINE. "Duisburg wollte nicht hinter Essen und Dortmund zurückstehen, nicht länger als Stadt der Alten und der Krise gelten."

"Zuletzt hatte Duisburg mit einem schlechten Image zu kämpfen", sagt Ruhr.2010-Sprecher Marc Oliver Hänig. "Es ist lange her, dass es gute Nachrichten aus Duisburg gab. In der Außendarstellung dominierten die Mafia- und Rockermorde. Man wollte andere Bilder als solche von Tod und Gewalt."

Am Ende waren es genau diese Bilder, die von der Love Parade um die Welt gingen. Duisburg war am eigenen Anspruch gescheitert.

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Die neuesten Beiträge:
01.08.2010 von sysop:

Liebe Forums-Teilnehmer, bitte diskutieren Sie die Katastrophe in Duisburg an sofort in unserem neuen Heft-Forum 'Love Parade - welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?', das Sie unter der URL [...] mehr...

01.08.2010 von gsm900: Typisch FDP

Den Schaden dem Steuerzahler an die Backe zu binden. (Baums Vorschlag) Unternehmer sind da fein raus GmbH (mt Haftunsbeschränkung gründen) falls es Problem gibt ab zum Konkursgericht. mehr...

01.08.2010 von namachschon: Oh nein, bitte nicht...

Hoffentlich bleiben wir davon verschont!!!! Grüße... mehr...

01.08.2010 von gerry43mg: Volle Zustimmung

Frau Kraft wird in den nächsten 5 Jahren zeigen müssen, was sie wirklich drauf hat und ob ihren Worten dann auch Taten folgen. Was mich allerdings beeindruckt hat war nich das, WAS sie gesagt hat sondern die Art und Weise , WIE [...] mehr...

01.08.2010 von lady.thorn:

Ich bin mit den genauen Auflagen der LoveParade leider nicht vertraut, aber wenn das Anbringen von Lautsprechern wirklich zu den Auflagen gehörte (gibt es hierzu Dokumente?), dann kann ich über dieses "Versäumnis" nur [...] mehr...

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Mai 2001, Accra

April 2001, Johannesburg

Juni 2000, Roskilde

Dezember 1999, Innsbruck

Juli 1990, Mekka

April 1989, Sheffield

Mai 1985, Brüssel

Mai 1964, Lima


Die Love Parade

Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

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