Von Katharina Peters
Hamburg - Die "Fiesta" in Katalonien ist vorbei. Ab 2012 wird es keinen Stierkampf mehr in der autonomen Region im Nordosten Spaniens geben, in den Arenen werden die Toreros keine roten Tücher mehr schwenken, die Stiere bleiben am Leben. Schluss mit dem blutigen Spektakel. Das hat das katalanische Parlament jetzt beschlossen. Viele Abgeordnete sprangen auf, als das Ergebnis der Abstimmung feststand.
Für die einen ist das ein großer Sieg, für die anderen ein furchtbarer Verlust. Gegner und Befürworter schrien vor dem Parlamentsgebäude in Barcelona ihre Meinung heraus, bevor die Abgeordneten mit klarer Mehrheit für das Verbot votierten. Bislang hatten lediglich die kanarischen Inseln Stierkämpfe für illegal erklärt, 1991.
Spanien und Stierkampf: Das sei nicht zu trennen, meinen viele "aficionados", Anhänger der jahrhundertealten Tradition auf der iberischen Halbinsel. Der Stier wird gern auf spanische Fahnen gedruckt, er ist ein Klischee wie Paella und Kastagnetten. Auch wenn die Zahl der Kämpfe in ganz Spanien in den vergangenen Jahren auf rund 1000 pro Saison gesunken ist - in den Zeitungen finden sich regelmäßig detaillierte Besprechungen und Bewertungen, ähnlich wie Film- oder Musikkritiken. Überschrieben sind die Artikel dann mit "Die Stunde der Wahrheit" oder "Chronik einer angekündigten Schande".
König Juan Carlos verteidigt den Stierkampf; die Regionalpräsidentin von Madrid, Esperanza Aguirre, will ihn gar zum Kulturerbe erklären. Der Stierkampf sei zwar eine "grausame Fiesta", aber auch eine "emotionale und spirituelle Bereicherung, so intensiv wie ein Konzert von Beethoven oder eine Komödie von Shakespeare", meint der peruanische Autor Mario Vargas Llosa.
Mögen Tierschützer den Stierkampf für Quälerei halten, preisen ihn besonders Intellektuelle gern als ästhetisch. Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway etwa schwärmte von dem "großen Matador", der "ein Stierkämpfer und zur gleichen Zeit ein Künstler ist". Stierkampf sei kein Sport, sondern ein Drama: Freude, Schönheit, Tod, Trauer - in zwanzig Minuten.
Ein Kampf auf Leben und Tod sei die Corrida, "so, wie wir ihn alle kämpfen", sagt auch Felipe Díaz Murillo, Leiter der Stierkampf-Schule in Madrid. Er begegnet dem beschlossenen Verbot in Katalonien mit völligem Unverständnis. Seit 30 Jahren bilden sie in seinem Institut Toreros aus, die Jugendlichen üben unter der Woche jeden Tag. 80 Schüler hat Díaz Murillo zurzeit, einer der bekanntesten Alumni ist "El Juli".
"El Juli" heißt eigentlich Julián López, er ist 27 Jahre alt und gilt als großer Stierkämpfer. Wie sein früherer Direktor ist auch "El Juli" erbost über die Katalanen. "Der Stierkampf ist eine intensive und wahrhaftige Kunst, etwas Einzigartiges: Ein Mann, der sein Leben im Kampf mit einem wilden Tier riskiert, es überwältigt", sagte er vor der Entscheidung.
Stierkampfgegner schütteln über solche Äußerungen den Kopf. "El Juli" selbst wurde vor zwei Wochen von einem Stier aufgespießt, am Unterleib verletzt. Noch spektakulärer war die Verletzung des Matadors Julio Aparicio im Mai. Ein 530 Kilogramm schwerer Stier warf Aparicio zu Boden und spießte ihn dann auf. Das rechte Horn durchbohrte seinen Unterkiefer, seine Zunge und ragte aus dem Mund des Toreros heraus. In der Arena seien bei dem Anblick zwei Zuschauer in Ohnmacht gefallen, berichtete der Rundfunk. Heute sieht man nur noch eine Narbe, die Aparicio als "schöne Erinnerung" bezeichnet. Sein nächster Kampf ist für den 1. August angesetzt.
Kampf um die Corrida - oder um mehr Autonomie?
Doch den Gegnern des blutigen Spektakels geht es weniger um die Toreros als um die Tiere. Für die Stiere bedeuteten die Kämpfe nichts weiter als Folter und Schmerz, sagt Anna Mulà. Sie ist Sprecherin der Initiative "Prou!" (Katalanisch für "es reicht!"), die 180.000 Unterschriften für ein Volksbegehren zur Abschaffung des Stierkampfes gesammelt hatte. Mulà rief die Abgeordneten am Mittwoch auf, eine "Botschaft des Erbarmens und des Fortschritts an die Menschheit zu richten".
Torero "El Juli", sein Lehrer Murillo und viele anderen hingegen vermuten hinter dem nun beschlossenen Verbot politische Motive. Damit wolle Katalonien einmal mehr seine Unabhängigkeit gegenüber Spanien beweisen. Vor wenigen Wochen hat das Verfassungsgericht in Madrid entschieden, dass das Autonomiestatut Kataloniens eingeschränkt wird.
Viele Katalanen waren nach der Entscheidung empört - mehr als eine Million Menschen in der Region forderten bei Protesten mehr Unabhängigkeit. Sie pochen auf ihre eigene Sprache und Kultur, die unter Diktator Franciso Franco brutal unterdrückt wurden. Heute hat die Region eine eigene Regierung, ein Parlament und eigene Polizeikräfte. Amts- und Unterrichtssprache ist Katalanisch. Doch wichtig ist vielen Katalanen auch, als eigene "Nation" anerkannt zu werden.
Dass das Stierkampfverbot etwas mit dem Streben nach Unabhängigkeit zu tun haben soll, wiesen die Gegner der "corrida" aber weit von sich: So sagte Josep Rull, Sprecher der gemäßigten Partei Konvergenz und Union CiU, ein Nein zum Stierkampf zeuge nicht von einer antispanischen Gesinnung. Als Beispiel zog er England heran: "Die Briten haben ja auch die Fuchsjagd verboten, und das Land existiert noch immer." Leugnen konnte aber auch er nicht, dass vor allem jene Parteien für das Verbot stimmten, die auch für eine Unabhängigkeit Kataloniens plädieren.
Das Interesse an den Stierkämpfen hat in der Region ohnehin nachgelassen. Regelmäßig finden Corridas nur noch in der einzigen dafür vorgesehenen Arena in Barcelona statt. Nun wird die Arena geschlossen, zumindest dort wird es vorbei sein mit dem "Tod am Nachmittag".
Auf anderen Social Networks posten:
[QUOTE=johannes.labisch;5959769]Tiere haben also keine Ethik, Menschen haben eine. Ist das eine Neuigkeit? Nein, denn es geht um das Potential und die abstrakte Wechselseitigkeit. Natürlich können ethische Masstäbe auch auf [...] mehr...
Vermutlich würden Sie auch eine totgetretene Ameise auf dem Waldweg dazu benutzen um für die Richtigkeit des Stierkampfes zu argumentieren, hm ? Zumindest muss man Ihnen zugute halten, das Sie versuchen einen Vergleich [...] mehr...
Ich spreche Ihnen die Kenntnisse über den Ablauf von Stierkämpfen nicht ab, teile aber in keiner Weise Ihre Sicht von der "ritualisierten Schlachtung" und möchte hier ausdrücklich noch einmal meine Befriedigung über [...] mehr...
Ich danke Ihnen für Ihre Ausführungen zum Ablauf von Stierkämpfen. Sie waren mir bekannt. Nein, Sie haben meine Auffassung von dieser Art der "Volksbelustigung" nicht "ins Wanken bringen können". Ich bin [...] mehr...
Tiere haben also keine Ethik, Menschen haben eine. Ist das eine Neuigkeit? Aber Ethische Maßstäbe dürfen natürlich NICHT nur auf Menschen angewendet werden, nur weil andere (Tiere, Pflanzen, Umwelt) sie nicht haben. Der nächste [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Stierkämpfe | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH