Washington - Der Friedhof Arlington ist eine besondere Ruhestätte für die USA. Rund 330.000 Kriegsveteranen und ihre Familien sind auf den Hügeln jenseits des Potomac von Washington beerdigt. Und zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten der US-Geschichte wurden hier bestattet, der ermordete Präsident John F. Kennedy ebenso wie viele Richter vom Obersten Gerichtshof.
Nun ist Arlington zum Mittelpunkt eines Skandals geworden. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Gräber sind auf Plänen des Friedhofs falsch gekennzeichnet. Dies geht aus einem Bericht des Heimatschutz-Ausschusses hervor, der am Donnerstag in Washington veröffentlicht wurde.
"Einer konservativen Schätzung zufolge könnten 4900 bis 6600 Gräber gar nicht, ungenügend oder falsch auf den Friedhofsplänen gekennzeichnet sein", sagte die Vorsitzende des Ausschusses, Senatorin Claire McCaskill, laut CNN im Rahmen der Anhörung.
Damit wäre der Skandal weitaus größer als zunächst befürchtet. Erste Untersuchungen waren von 211 Gräbern ausgegangen, bei denen die Kennzeichnung nicht stimmt. Derzeit ist die Armee noch damit beschäftigt, alle betroffenen Ruhestätten auszumachen. Der Senatsausschuss hatte Arlington ins Visier genommen, nachdem ein Bericht des US-Heeres auf mehrere Pannen aufmerksam gemacht hatte.
Die mehrmonatigen Untersuchungen offenbarten Fehler bei der Friedhofsleitung. Sie habe keinen Überblick gehabt, Dokumente fehlten, Aufzeichnungen seien mangelhaft und über Probleme sei niemand informiert worden, heißt es in dem Bericht. Der Leiter des Friedhofs habe wiederholt nicht sichergestellt, dass Beerdigungen fehlerfrei durchgeführt wurden, und habe nicht reagiert, als ungekennzeichnete Gräber entdeckt wurden. Allerdings seien keine Hinweise darauf gefunden worden, dass dies mit Absicht geschehen sei, hieß es.
Friedhofsleiter und Stellvertreter entlassen
Friedhofsleiter John Metzler wurde mittlerweile entlassen und am Donnerstag zu den Vorfällen befragt. Er "übernehme die Verantwortung", stritt aber einige der Erkenntnisse ab. So treffe es nicht zu, dass bei mehr als 100 Gräbern der Grabstein fehle. Auch seien vor allem interne Arbeitspläne, die von Friedhofsmitarbeitern benutzt würden, falsch beschriftet. Diese Abweichungen beeinflussten aber nicht zwingend die Arbeit, versuchte Metzler zu erklären. Alle über die Jahre auftretenden Probleme seien schnell behoben worden, und er sei sehr erstaunt über die Ergebnisse.
Metzler, der Arlington 19 Jahre lang leitete und im nächsten Monat in Rente gehen sollte, schob die Schuld seinen Mitarbeitern sowie der überholten Technik zu. Das System, mit dem die Übersicht über die Gräber gehalten werde, basiere zum größten Teil auf einem sehr komplizierten Papierweg, der Fehler begünstige. "Für mich persönlich ist es sehr schmerzvoll, dass unser Team in Arlington seine Aufgaben nicht auf dem hohen Standard erfüllt hat, der nötig ist", so Metzler in seiner Aussage vor dem Senat
Während die Ermittler davon ausgehen, dass Metzler ein unfähiger Leiter war, der die Augen vor Problemen verschloss, werfen sie seinem - inzwischen ebenfalls entlassenen - Stellvertreter vor, Aufträge verpfuscht und ein ungesundes Arbeitsklima geschaffen zu haben. Der Stellvertreter, der für das alltägliche Geschäft verantwortlich war, zog es in der Anhörung vor, auf detaillierte Fragen die Antworten zu verweigern.
"Millionen Dollar verschwendet worden"
Gina Gray, eine Veteranin aus dem Irak-Krieg, die die Probleme ans Licht gebracht hatte, fordert weitere Aufklärung. In der Verwaltung von Arlington seien "Millionen Dollar verschwendet worden", sagte sie CNN. Es gebe dort immer noch kein automatisches System, um Gräber zu orten und Bestattungen zu organisieren.
Der Sprecher des Weißen Hauses Robert Gibbs nannte die Vorgänge "schockierend" und nicht hinnehmbar: "Der Arlington-Friedhof ist heiliger Boden und Ruhestätte für diejenigen, die diesem Land tapfer gedient haben, sie verdienen eine bessere Behandlung."
Derzeit werden verschiedene Maßnahmen erörtert, um die Gräber eindeutig zuordnen zu können. Unter anderem wird überlegt, die Leichen zu exhumieren, damit sie anhand von persönlichen Gegenständen oder DNA-Proben identifiziert werden können.
siu/AP/AFP
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