Von Julia Jüttner, Duisburg
Als Frank Marx über die A 59 zur Love Parade eilt und eine kleine Treppe im Tunnel hinabsteigt, vibriert der steinige Boden unter seinen Schuhen. Techno-Bässe beben von der Bühne des Alten Güterbahnhofs in den dunklen Schacht. Marx rechnet mit dem Schlimmsten - es kommt schlimmer.
Sein Funkgerät in der rechten Hand steigt der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes bei der Duisburger Feuerwehr mitten in die Tragödie hinab: Um ihn herum liegen Ohnmächtige, Traumatisierte, Verletzte, Betrunkene - dazwischen bemühen sich Raver, die den Tag mit Tanzen, Feiern, Party verbringen wollten, um das Leben ihnen wildfremder Love-Parade-Besucher.
Sie knien neben den Hilflosen, stemmen sich auf ihre Brustkörbe, reanimieren. Die Gesichter der Verletzten, ihre nackten Arme und Beine sind eingestaubt, verdreckt, viele bluten. "Sie sahen aus, als hätten sie ein Grubenunglück hinter sich", sagt Marx. Er erzählt ruhig, leise und wirkt, als könne er kaum fassen, dass er dieses Szenario am vergangenen Samstag tatsächlich selbst erlebt hat.
Jetzt, knapp eine Woche später, stürmen sie noch einmal auf ihn ein, all die Eindrücke und Bilder, die er nicht vergessen wird. "Wiederbelebungsversuche an mehreren Menschen gleichzeitig - so was erlebt man nicht oft." Die Opfer wimmern, junge Menschen, ihre Kleidung in Fetzen, sitzen apathisch da, orientierungslos, im Schockzustand.
"Einer der schlimmsten Einsätze, die ich je erlebt habe"
Marx ist der dritte Arzt an der Unglücksstelle und sieht Szenen wie nach einer Schlacht, dahinter tanzt die bunte, johlende Menge - "eine völlig surreale Situation".
Der 50-Jährige ist ein erfahrener Mediziner. Er arbeitete mehrmals in Krisenregionen im Ausland, half nach Erdbebenkatastrophen. Und doch sagt er zu den Geschehnissen auf der Love Parade: "Das war für mich einer der schlimmsten Einsätze, die ich je erlebt habe. Ich dachte, ich bin im Vorhof zur Hölle."
Marx' erste Anweisung an einen Polizeibeamten lautet: Tunnel räumen. "Wir brauchten dringend Platz, um an alle Patienten zu kommen", so Marx. Rasch und effizient sei Bewegungsraum geschaffen worden. Die rechte Fahrspur wurde für Rettungswagen freigemacht, über die linke Seite leitete eine Hundertschaft die Besucher aus der Betonröhre.
Innerhalb kürzester Zeit seien die Menschenmassen aus dem Tunnel verschwunden, sagt Marx. Augenzeugen wie Tina Melldorf aus Aachen und Alexander Buchholz aus Hamm bestätigen das. Schlagartig habe sich die Menge auseinandergeschoben. In einer Krisensituation in Rekordgeschwindigkeit Ordnung ins Chaos zu bringen, gehört zur Kunst der Rettungskräfte. "Es ist gut gelaufen. Ein Rädchen griff ins andere - wie im Notfallplan vorgesehen", sagt Marx nicht ohne Stolz. Er ist einer der wenigen, die in den Tagen nach der Tragödie mit 21 Todesopfern darauf verweisen können, ihren Job gut gemacht zu haben.
"Mit den Nerven am Ende"
In kürzester Zeit konnten laut Marx die Verletzten medizinisch betreut werden: Jeder Patient wurde von einem Team aus Notarzt und Sanitäter versorgt und, wenn notwendig, ins Krankenhaus gebracht. Das Schwierigste bei einem Großeinsatz sei die Entscheidung, wer sofort Hilfe braucht und wer noch warten kann.
Insgesamt waren 2600 Sanitätskräfte für jenen Samstag eingeteilt, deren Leitung den Maltesern oblag. Sie organisierten den Einsatz zwischen ihren Mitarbeitern und denen der Johanniter, des Arbeiter Samariter Bundes und des Deutschen Roten Kreuzes. Rund 60 Ärzte waren im Einsatz, zusätzlich noch Polizeiärzte und die Mediziner im Rettungshubschrauber.
Nach der Tragödie reihten sich zehn Notärzte in Zivil sowie vier Polizeiärzte in die Helferkette ein und wurden von Marx koordiniert. Dutzende Pflegekräfte, die an jenem Tag keinen Dienst hatten, kamen in die Krankenhäuser von Duisburg und Umgebung, um den mehr als 500 Verletzten zu helfen. Bei den Vorbereitungen für den Rettungsdienst waren in der "Lage 2", so hatten die Beteiligten ein mögliches Unglückszenario bezeichnet, die Krankenhäuser festgelegt worden, in die Verletzte abtransportiert werden sollten.
Am Ende seien insgesamt 4000 Rettungskräfte im Einsatz gewesen, sagt Marx, der als medizinischer Berater in den vergangenen neun Monaten in die Vorbereitung des Techno-Festivals eingebunden war. "Das hat Erfolg gezeigt. Aber unsere Leute waren dann auch am Ende."
"Auch mich wird das lange Zeit nicht loslassen"
Als Leiter des Rettungsdienstes bei der Duisburger Feuerwehr war Marx den ganzen Tag von Station zu Station gefahren. Dass er als dritter in den Tunnel kam, war Zufall: Als der Alarm der Einsatzleitung via Funkgerät bei ihm einging, war er gerade in der Nähe.
Marx kennt viele der Einheiten, die im Einsatz waren. Er weiß aus Erfahrung, dass er sich blind auf sie verlassen kann, dass er selbst in kritischen Momenten nicht gegen Widerstände kämpfen muss - und doch hat ihn das Verhalten seiner Kollegen beim Unglück der Love Parade tief berührt.
Marx sucht nach Worten für die Ambivalenz der Gefühle in dieser Situation. "Es legte sich über uns eine Glocke der Traurigkeit und gleichzeitig war es ein erhebendes Gefühl, zu erleben, wie die Menschen füreinander einstehen."
Doch auch die Helfer brauchen nun Hilfe. Seit dem Einsatz seien sie in Kontakt mit Seelsorgern, sagt Marx. "Je eher man in der Lage ist, über das Erlebte zu sprechen, umso besser verarbeitet man die starke, seelische Belastung."
Und die sei nicht zu unterschätzen. "Wer sieht schon 16 junge Leute tot im Staub liegen?" Es sei daher nicht ungewöhnlich, wenn Ersthelfer in diesen Tagen unter den Folgen der schockierenden Erlebnisse litten, dazu gehören Schlaflosigkeit oder Depressionen. "Auch mich wird das lange Zeit nicht loslassen", sagt Marx.
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