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31.07.2010
 

Love-Parade-Tragödie

Duisburg nimmt Abschied

Von Julia Jüttner, Duisburg

Trauernde in Duisburg: Schwerer Abschied von den opfern der Love-Parae-KatastropheZur Großansicht
REUTERS

Trauernde in Duisburg: Schwerer Abschied von den opfern der Love-Parae-Katastrophe

Das Ruhrgebiet trauert: Hunderttausende werden zur Gedenkfeier nach der tödlichen Massenpanik auf der Love Parade in Duisburg erwartet. Andreas und Ewa K. werden nicht kommen. Vier Tage nach dem Unglück erlag ihre Tochter den schweren Verletzungen. Die Familie will in aller Stille Abschied nehmen.

Anna mochte keine elektronische Musik. Auf die Love Parade freute sie sich trotzdem. Sie wollte dabei sein, wenn Tausende Raver unter freiem Himmel tanzen. Wenn die Riesenparty im Pott steigt. Wenn die Bässe den größten Ballungsraum Deutschlands zum Beben bringen.

Mit ihren Freunden fuhr die 25-Jährige am vergangenen Samstag von Heiligenhaus, einem verschlafenen Nest im Norden Mettmanns, nach Duisburg. Ihren vierjährigen Sohn hatte sie zu ihren Eltern gebracht. Es sollte ein unvergessliches Erlebnis werden - es endete für sie tragisch.

Anna, eine zierliche Frau mit grünen Augen und dunkelbraunen Haaren, geriet auf dem leicht ansteigenden, unebenen Kopfsteinpflaster auf dem Weg zur großen Bühne in den Sog der Massenpanik. In einer unerträglichen Enge verkeilten sich Menschen ineinander, wurden ohnmächtig, sackten zusammen. Panikforschern zufolge können dicht gedrängte Menschenmengen einen Druck von mehr als vier Tonnen pro Quadratmeter entwickeln. Viele wurden durch diese Kraft unter den Füßen anderer begraben, ihre Atmung für Minuten unterbrochen.

Anna war eine von ihnen.

Die zu Hilfe eilenden Notärzte konnten sie zunächst retten, brachten sie auf die Intensivstation des Duisburger Klinikums. Ihre Eltern klammerten sich an die Hoffnung, ihre Tochter würde überleben. Vier Tage lang kämpften die Ärzte um Annas Leben. Ihr Gehirn hatte jedoch zu wenig Sauerstoff bekommen, ihre Organe waren zerquetscht worden.

Sie verlor den Kampf. Anna ist das 21. Todesopfer der Love Parade.

Für sie und 20 weitere Opfer findet am heutigen Samstag um 11 Uhr in der Salvatorkirche in der Duisburger Altstadt eine ökumenische Gedenkfeier statt. Alle 550 Plätze sind für verletzte Überlebende, Rettungskräfte und vor allem für Angehörige reserviert.

"Noch haben wir das nicht begriffen"

Annas Eltern aber werden nicht kommen. "Das kann ich noch nicht", sagt Ewa K.. "Wir wollen unter uns trauern, im engsten Familienkreis. Jede Mutter, jeder Vater, wird verstehen, wie wir empfinden, was wir gerade durchmachen." Auch Annas Großvater Josef wird der Trauerzeremonie fernbleiben. "Ihr Tod ist zu traurig für uns alle", sagt er. "Noch haben wir das nicht begriffen."

Für Anna und die anderen Opfer sollen am Samstag ab 10.45 Uhr alle Kirchenglocken in der Ruhrstadt läuten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière ordnete bundesweit Trauerbeflaggung an. Der Gottesdienst wird von der Staatskanzlei und dem Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland organisiert. Präses Nikolaus Schneider und Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck werden ihn leiten.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, deren Sohn auch auf der Love Parade war, wird zum Abschluss der Trauerfeier sprechen. Außerdem haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Christian Wulff und Außenminister Guido Westerwelle angemeldet.

Drohungen gegen Duisburgs Bürgermeister

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) wird dagegen nicht erscheinen. Er will "durch seine Teilnahme nichts und niemanden" provozieren, heißt es im Rathaus. Der CDU-Politiker ist auf Tauchstation gegangen. Vor Tagen hatte er angekündigt, er werde am Tatort für die Opfer beten. Wann oder ob das bereits geschehen ist - keiner weiß es.

Ein öffentlicher Auftritt wäre für das Stadtoberhaupt auch nicht ratsam: Mehrere Strafanzeigen gegen ihn sind inzwischen auf dem Weg zum Staatsanwalt. Mehrfach sei Sauerland in den vergangenen Tagen bedroht worden, heißt es im Rathaus. Stadtdirektor Peter Greulich sowie die drei Bürgermeister Erkan Kocalar, Benno Lensdorf und Manfred Osenger werden an Sauerlands Stelle um 11 Uhr in die Kirche kommen.

Immer lauter werden die Forderungen nach einem Rücktritt Sauerlands: Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin wiesen dem Oberbürgermeister die politische Verantwortung zu. Der tödliche Verlauf der Loveparade hat auch ein parlamentarisches Nachspiel. Am kommenden Mittwoch wird der Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Parlaments zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Die Mitglieder des Innenausschusses werden dafür aus dem Urlaub zurückgerufen.

Noch immer liegen 25 Verletzte im Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter "gegen unbekannt". "Daran wird sich erst etwas ändern, wenn eine bestimmte Verantwortlichkeit gegen eine bestimmte Person erkennbar wird", sagte Sprecher Rolf Haferkamp. Die Kölner Polizei hat 63 Beamte eingesetzt, die wegen fahrlässiger Tötung ermitteln. Die Suche nach den Schuldigen läuft auf Hochtouren.

Großeinsatz für die Polizei

Doch am Samstag steht zunächst die Trauer im Mittelpunkt. Der Gedenkgottesdienst wird live auf die Großleinwand in der MSV Arena von Duisburg übertragen. Ins Stadion passen rund 30.000 Besucher. Da Polizei und Feuerwehr mit 200.000 Teilnehmern rechnen, hat die Stadtverwaltung vorgesorgt: In das Fußballstadion sollen weniger Personen als möglich eingelassen werden. Es gilt, eine weitere Katastrophe zu verhindern.

Um die potentiell erwartete Anzahl dennoch an der Trauerfeier teilhaben zu lassen, soll es auch auf den Parkplätzen rund um die Arena Übertragungen geben, ebenso in zwölf evangelischen und katholischen Kirchen der Stadt. Eine Leinwand auf dem Vorplatz der Salvatorkirche soll es dagegen nicht geben - aus Rücksicht vor den Angehörigen und Trauernden.

Polizei und Feuerwehr rechnen dennoch mit Tausenden, die zu dem Gotteshaus kommen werden. Von dort soll ein Trauermarsch zum Unglücksort geführt werden. Die Polizei steht also vor einem neuen Großeinsatz. Genau eine Woche nach der Love Parade.

Annas Eltern wollen für ihr Kind keinen Abschied im Rampenlicht. Der einzige Wunsch, den Andreas und Ewa K. jetzt noch haben: Anna bestatten - ohne Zuschauer und Brimborium. "Wir wollen sie in vertrauter Runde verabschieden", sagt ihre Mutter Ewa. "Und sie so in Erinnerung behalten, wie sie war."

Dazu gehört auch, dass Anna Techno gar nicht so gern mochte.

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31.07.2010 von canide: Richtig

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31.07.2010 von Florian Geyer: Hiob

Darauf kann ich Ihnen gerne -nach einer Schamfrist des Gedenkens- eine Antwort geben: Lesen Sie die Geschichte von Hiob: http://www.kainhofer.com/Religion/Hiob/Hauptteil.html Kainhofer hat die Geschichte zusammengefasst. Sie [...] mehr...

31.07.2010 von Zephira: Andersrum

Andersrum wird ein Schuh daraus: Gerade in der Stunde der Not ist der Bedarf nach Beistand und Sicherheit am größten. Das ist in der Politik nicht anders: Konservative Strömungen tun gut daran, Angst zu schüren. Die ersten [...] mehr...

31.07.2010 von BardinoNino: Betrogen?

Also die Einzige, die sich irgendwie betrogen vorgekommen ist, war wohl die Kanzlerinnendarstellerin. Peinlich, wie unverhohlen sie gegen den sie ständig überkommenden Schlaf, um den man sie gebracht hat, ankämpfte. Also - [...] mehr...

31.07.2010 von Politikum: Politspektakel

Es ist absehbar, was passieren wird: Erst "trauert" die Politik, hält tolle Reden und betet für die Toten. Wenn politisches Gras über die Sache gewachsen ist, wird keiner der Redenschwinger mehr zu sehen sein. Dann [...] mehr...

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Die Love Parade

Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

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