Islamabad/Neu Delhi - In den Hochwassergebieten Indiens und Pakistans wächst die Verzweiflung. Jetzt haben die pakistanischen Behörden für einige Bereiche im Süden des Landes entlang des Flusses Indus Alarmstufe Rot ausgerufen. Dörfer, denen Überflutungen drohen, wurden evakuiert. Mehr als eine halbe Million Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Viele klammern sich jedoch an ihr Hab und Gut - weshalb die Armee die Menschen mitunter mit rabiaten Methoden aus ihren Häusern vertrieben hatte.
In der Stadt Muzzaffargarh, in deren Nähe sich Flüsse, die aus weit entfernten Regionen in Afghanistan und Indien gespeist werden, mit dem Indus vereinen, klammerten sich verzweifelte Menschen an die Kufen startender Hubschrauber. Die Armee hatte die Menschen, die auf einen höher gelegenen Friedhof geflohen waren, mit Reis versorgt.
Das Hochwasser erstreckt sich mittlerweile über ein tausend Kilometer langes Gebiet. Es reicht vom Norden über die fruchtbare Provinz Punjab bis in die südliche Region Sindh mit der Wirtschaftsmetropole Karatschi (siehe Karte links). Bereits am Freitag hatte die Wassermassen große Bereiche des Flussufers überschwemmt und dabei 2000 Siedlungen geflutet. Der ganze Umfang der Schäden und die genaue Zahl der Opfer sind derzeit unklar, die Angaben kommen von Uno-Organisationen und lokalen Behörden.
Allein am Samstag haben der heftige Monsunregen und damit einhergehende Erdrutsche in Norden Pakistans mehr als 50 Menschen getötet. Die Behörden des Landes geben die Zahl der Toten mit rund 1600 an. Derzeit seien insgesamt etwa zwölf Millionen Menschen von den Fluten betroffen, erklärte der Chef des pakistanischen Katastrophenschutzministeriums, Nedeem Ahmed. Ihm zufolge sind 650.000 Behausungen zerstört oder beschädigt. 10.000 Rinder seien verendet und mehr als 500.000 Hektar Ackerland geflutet. Die zur Hilfe nötige Summe gab Nadeem mit 2,5 Milliarden Dollar (rund zwei Milliarden Euro) an.
Opfer fühlen sich von Präsident im Stich gelassen
In seiner monatlichen Radioansprache appellierte Premierminister Yousuf Raza Gilani an die internationale Gemeinschaft, den Menschen seines Landes zu helfen. Sowohl viele Opfer als auch die Opposition hatten die Regierung für eine unzureichende Reaktion als die Katastrophe kritisiert. Besonders viel Ärger zog sich Präsident Asif Ali Zardari zu, weil er trotz der Flut Staatsbesuche in Europa absolvierte. Nun werfen die Opfer des schwersten Hochwassers seit 80 Jahren dem Präsident Zardari vor, sie im Stich zu lassen - doch der weist alle Kritik an seiner Auslandsreise zurück.
Nach einem Treffen mit dem britischen Premierminister David Cameron am Freitag sagte Zardari: "Stürme kommen, Stürme gehen, und Pakistan und Großbritannien werden zusammenstehen." Zardari, der bereits wegen Korruptionsvorwürfen unter Druck geraten war, wollte am Samstag die pakistanische Gemeinde in Großbritannien um Hilfe für die Flutopfer bitten.
Unterdessen sind die Hochwassergebiete am Samstag erneut von Regen heimgesucht worden. Deshalb dürfte sich die Lage in den kommenden Tagen noch verschärfen: Nach Niederschlägen im benachbarten Afghanistan dürfte der Kabul-Fluss eine neue Hochwasserwelle in den Nordwesten Pakistans tragen, sagte der pakistanische Meteorologe Farooq Dar voraus.
Das Wasser gefährdet auch die bedeutenden Ruinen von Moenjodaro im Süden Pakistans, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Die bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurückreichende Stätte wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wieder durch Fluten beschädigt, aber auch immer wieder aufgebaut. Die nun heranrollende Flutwelle könnte einmal mehr das zerstören, was von Moenjodaro noch übrig ist, sagte Pakistans Unesco-Sprecher Jawad Aziz.
Nach Angaben der deutschen Botschaft in der indischen Hauptstadt Neu Delhi gab es durch sintflutartige Regenfälle in der Region Ladakh (sie umfasst die Unionsstaat Jammu und Kaschmir) ebenfalls Überschwemmungen und Erdrutsche. Betroffen waren besonders die Hauptstadt Leh und deren Umgebung, wo starke Niederschläge bis vor einigen Jahren eher selten niedergingen. "Die Fluten haben die malerische Landschaft von Ladakh in eine Desasterzone verwandelt, in der überall Ärzte und Helfer herumlaufen", sagte ein Sprecher der Regierung. Vor allem bei Trekking-Touristen ist Ladakh ein sehr beliebtes Ziel.
Die Region ist weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Zugang ist derzeit nur mit Flugzeugen der indischen Streitkräfte möglich. Das Stromnetz und die Telefonverbindungen in Leh sind zusammengebrochen. Offiziellen Angaben zufolge sind bislang bereits 115 Todesopfer zu beklagen. Mehr als 400 Menschen wurden verletzt. Mindestens 500 weitere Personen gelten als vermisst.
Die deutsche Botschaft hat einen Krisenstab unter der Leitung von Botschafter Thomas Matussek eingerichtet und steht in engen Kontakt zu indischen Behörden sowie zu namentlich bekannten Deutschen im Krisengebiet. Dort rechnet die Botschaft mit rund hundert Deutschen, Hinweise auf Tote oder Verletzte unter ihnen gab es bis Samstagmittag nicht.
cib/dpa/Reuters
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